Kanonbildung NT: Offenbarung d. Johannes

Hallo,

möchte mein irgendwo aufgeschnapptes Halbwissen einer kritischen Überprüfung unterziehen.
Daher folgende Frage:

Gab es im Zuge der Kanonbildung des NT tatsächlich eine im Vergleich zur Aufnahme/Akzeptanz anderer Bücher od. Briefe größere Unsicherheit bezüglich der Aufnahme der sog. Offenbarung d. Johannes?
Und wenn ja, was waren die wichtigsten Argumente dagegen, und was führte letztlich doch zur Kanonisierung?

wissensdurstige Grüße

HastaLavista

Hallo,
die Kanonbildung ist ein recht schwieriges Forschungsgebiet. Nicht nur die Offb war höchst umstritten, sondern vor allem auch der Hebräerbrief.
Zur Offb hier ein Dionysios-Zitat, wie Euseb es in der Kirchengeschichte (Anf. 4.Jh) wiedergibt:
„Einige unserer Vorfahren haben das Buch verworfen und ganz und gar abgelehnt (…) Ich aber möchte nicht wagen, das Buch zu verwerfen: denn viele Brüder halten große Stücke auf dasselbe. Ich möchte vielmehr glauben, daß das Urteil über die Schrift sich meiner Vernunft entzieht. Ich vermute nämlich, daß die einzelnen Sätze einen verbrogenen und wunderbaren Sinn in sich schließen.“(Übers. von Kraft) Eus., h.e. VII 25,1-5.
Im Folgenden macht Dionysios dann deutlich, daß er zwar im Sinne der Eintracht mit den anderen Bischöfen davon ausgeht, daß die Offb. ein heiliges Buch ist, aber nicht vom Verfasser des Ev sein kann. Er macht dafür vor allem philologische, aber auch INhaltliche Gründe geltend.
Das Problem in der AK ist klar: die Offb. paßte weder inhaltlich noch sprachlich gut zu den anderen als apostolisch (1. Kanonkriterium) anerkannten Büchern. Gleichzeitig wurde sie aber von einigen Gemeinden gelesen und damit für gut befunden. Vor allem im Sinne der Einigkeit, aber auch aufgrund der langen Tradition einiger Gemeinde (in der Antike war alles gut, so es nur alt war), hat man sich schließlich dafür entschieden.

Grüße,
Taju

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Kämpfen oder Anpassen? / Der Kanon Muratori

Gab es im Zuge der Kanonbildung des NT tatsächlich eine im Vergleich zur Aufnahme/Akzeptanz anderer Bücher od. Briefe größere Unsicherheit bezüglich der Aufnahme der sog. Offenbarung d. Johannes? Und wenn ja, was waren die wichtigsten Argumente dagegen, und was führte letztlich doch zur Kanonisierung?


Die Offenbarung des Johannes wurde vermutlich 92/93 u.Z. in Kleinasien unter dem Eindruck der Diokletianischen Christenverfolgung geschrieben. Ein Todesopfer der Verfolgung wird namentlich genannt (Antipas, Off. Joh. 2,13).

Verfolgungen bieten zwei Möglichkeiten zur Reaktion:
a) wie im ersten Petrusbrief: Leiden ist notwendiger Bestandteil des Glaubens an Christus (1. Petr. 2,21-23). Wer glaubt, muß sich ganz dem Willen Gottes fügen (1. Petr. 4,19) und hat der staatlichen Gewalt gehorsam zu sein (1. Petr. 2,13-17).
b) wie in der Off. Joh.: „Die große Hure Babylon [Tarnbezeichnung für das Römische Reich], Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden, trunken vom Blute der Heiligen und der Zeugen Jesu Christi (Off. Joh. 17, 5f.) … Behausung der Teufel und aller unreiner Geister und aller verhaßten Tiere (Off. Joh. 18,2) … in einer Stunde ist dein Gericht gekommen (Off. Joh. 18,10)“.
Kurz gefaßt: Anpassung oder Kampfansage.

Die Verfolgungen waren aber beileibe nicht das Hauptproblem der frühen Christenheit, sondern die Parusieverzögerung. Jesus hatte gelehrt, daß der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht: Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, die Sterne werden herabfallen, und dann kommt der Menschensohn in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit (Markus 13, 24-26), und „Wahrlich, ich sage euch: DIESES GESCHLECHT WIRD NICHT VERGEHEN, bis dies alles geschieht (Mark. 13, 30)“. Die ersten Christen rechneten täglich mit der Wiederkehr (Parusie) des Jesus Christus. Aber die Parusie kam nicht. Jahre und Jahrzehnte hindurch kam die Parusie nicht.

Mit dem Ausbleiben der Parusie erlosch allmählich das Interesse an Beschreibungen des Weltuntergangs, wie die Off. Joh. eine ist. (Der Kanon Muratori, ein von dem gleichnamigen Bibliothekar im Jahre 1740 gefundenes Fragment aus der Zeit um 200 u.Z., kennt noch eine „Petrusapokalypse“; diese gehörte damals zur Bibel). In Verfolgungszeiten flammte die Naherwartung (die Hoffnung auf das unmittelbar bevorstehende direkte Eingreifen Gottes) wieder auf. Durchgesetzt hat sich letztlich die Linie der Anpassung an die antike Gesellschaft. Um aber auch etwas für die kämpferischen Gemeindemitglieder zu haben, blieb die Apokalypse in der Bibel.

Der Kanon Muratori nennt übrigens als „zur Schrift gehörig“ die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, 13 Paulusbriefe und (unstreitig) die Off. Joh. Zweifelhaft erscheinen die (jetzt außerkanonische, aber erhalten gebliebene) „Petrusapokalypse“, der Brief des Judas, zwei (der drei) Johannesbriefe, der erste Petrusbrief und die (heute zu den apokryphen Büchern des Alten Testaments gehörende) „Weisheit Salomos“. Es fehlen der Hebräer- und der Jakobusbrief sowie je einer der Johannes- und Petrusbriefe.

Also: Die Unsicherheit, ob die Off. Joh. ins NT gehört oder nicht, war eher gering.

  • Django -

Hallo,

Die Offenbarung des Johannes wurde vermutlich 92/93 u.Z. in
Kleinasien unter dem Eindruck der Diokletianischen
Christenverfolgung geschrieben.

Zwar gehe ich auch davon aus, daß die Offb Ende des 1. Jh. geschrieben worden ist, aber Du hast Dich wohl bei Diokletian vertippt. Die Diokletianische Verfolgung fand zwischen 303 und 311 statt. Ende des 1. Jh, ist es Domitian (nach Euseb der 2. große Christenverfolger nach Nero), der für seine Person einen übersteigerten Kaiserkult beanspruchte. Wohl hat er ihn nicht gesucht, aber es kam daher trotzdem zu Konflikten mit den Christen. IN Folge dessen gab es dann die lokalen Aktionen gegen Christen in Rom und Kleinasien, wo die Offb enstanden ist.

Also: Die Unsicherheit, ob die Off. Joh. ins NT gehört oder
nicht, war eher gering.

Jain. Der Kanon Muratori ist römisch. Im Westen war die Offb sicherlich kaum umstritten, im Osten allerdings blieb ihr die Anerkennung lange versagt.

Hallo,
die Kanonbildung ist ein recht schwieriges Forschungsgebiet.
Nicht nur die Offb war höchst umstritten, sondern vor allem
auch der Hebräerbrief.

Danke für die bisherigen Antworten (auch an Django).
Gibt es zur NT-Kanonbildung empfehlenswerte Literatur, die auch ohne 10semestriges Theologiestudium verständlich ist?

Grüße,

Hasta Lavista

Hallo,

Danke für die bisherigen Antworten (auch an Django).
Gibt es zur NT-Kanonbildung empfehlenswerte Literatur, die
auch ohne 10semestriges Theologiestudium verständlich ist?

Fast so spannend wie ein Krimi ist m.E. von Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel, Tübingen 1968 zu lesen. Gibt es nicht mehr zu kaufen, aber da Du laut Visitenkarte in der Forschung arbeitest, hast Du ja vielleich auch Zugriff auf eine Universitätsbibliothek.
Ansonsten fällt mir nur noch Eduard Lohse, Die Entstehung des NT, Stuttgart 1991 ein. Es ist schon was her, daß ich mich damit beschäftigt habe, aber ich meine, daß Lohse auch immer recht gut zu lesen war. Auf alle Fälle würde ich auch erst einmal reinschauen…
Beim katholischen Bibelwerk, http://www.bibelwerk.de findest Du unter Zeitschriften auch Hefte zur Apolkalypse und anderen biblischen Büchern. Die bringen dort recht fundierte Themenhefte heraus, man kann es also mal versuchen (und ist auch nicht zu teuer).
Bei dem evangelischen Pendant http://www.dbg.de kann man sich den Gesamtkatalog herunterladen (klappt nur im Moment nicht:wink: ). Die müßte eigentlich auch etwas zur Geschichte der Bibel haben.

Hoffe, geholfen zu haben,
Grüße,
Taju

1 „Gefällt mir“

Stimmt zu 50%

Hallo,

Die Offenbarung des Johannes wurde vermutlich 92/93 u.Z. in Kleinasien unter dem Eindruck der Diokletianischen Christenverfolgung geschrieben.

Zwar gehe ich auch davon aus, daß die Offb Ende des 1. Jh. geschrieben worden ist, aber Du hast Dich wohl bei Diokletian vertippt. Die Diokletianische Verfolgung fand zwischen 303 und 311 statt. Ende des 1. Jh, ist es Domitian (nach Euseb der 2. große Christenverfolger nach Nero), der für seine Person einen übersteigerten Kaiserkult beanspruchte. Wohl hat er ihn nicht gesucht, aber es kam daher trotzdem zu Konflikten mit den Christen. IN Folge dessen gab es dann die lokalen Aktionen gegen Christen in Rom und Kleinasien, wo die Offb enstanden ist.

Stimmt vollauf. Es war die Domitianische und nicht die Diokletianische Verfolgung.

Also: Die Unsicherheit, ob die Off. Joh. ins NT gehört oder nicht, war eher gering.

Jain. Der Kanon Muratori ist römisch. Im Westen war die Offb sicherlich kaum umstritten, im Osten allerdings blieb ihr die Anerkennung lange versagt.

Der Kanon Muratori ist ziemlich sicher die lateinische Übertragung eines ursprünglich griechischen Textes.

  • Django -

Hallo,

Also: Die Unsicherheit, ob die Off. Joh. ins NT gehört oder nicht, war eher gering.

Jain. Der Kanon Muratori ist römisch. Im Westen war die Offb sicherlich kaum umstritten, im Osten allerdings blieb ihr die Anerkennung lange versagt.

Der Kanon Muratori ist ziemlich sicher die lateinische
Übertragung eines ursprünglich griechischen Textes.

Das kann richtig sein, spricht aber doch nicht gegen eine Entstehung in Rom, die zumindest m.W. in der Forschung als unstrittig gilt. Auch der 1.Clemensbrief ist im zweiten Jahrhundert griechisch geschrieben und unstrittig in Rom entstanden.
Ich denke, daß das Zeugnis Eusebs in seiner Kirchgeschichte (einen Teil habe ich hier zitiert) doch für eine Unsicherheit in der östlichen Kirche bezüglich der Offb spricht.
Wenn Dionysius von Alexandrien, dort Bischof sei 247/8 von UNsicherheiten bezüglich der Offb spricht, so kann man kaum sagen, daß der Kanon Muratori für ihn Verbindlichkeit hatte. Erst die Osterfestbriefe des Athanasius im 4. Jahrhundert sind m.W. die ältesten Belege für einen verbindlichen Kanon im Osten (dazu gehört dann auch die Offb).

Gruß,
Taju