Kämpfen oder Anpassen? / Der Kanon Muratori
Gab es im Zuge der Kanonbildung des NT tatsächlich eine im Vergleich zur Aufnahme/Akzeptanz anderer Bücher od. Briefe größere Unsicherheit bezüglich der Aufnahme der sog. Offenbarung d. Johannes? Und wenn ja, was waren die wichtigsten Argumente dagegen, und was führte letztlich doch zur Kanonisierung?
Die Offenbarung des Johannes wurde vermutlich 92/93 u.Z. in Kleinasien unter dem Eindruck der Diokletianischen Christenverfolgung geschrieben. Ein Todesopfer der Verfolgung wird namentlich genannt (Antipas, Off. Joh. 2,13).
Verfolgungen bieten zwei Möglichkeiten zur Reaktion:
a) wie im ersten Petrusbrief: Leiden ist notwendiger Bestandteil des Glaubens an Christus (1. Petr. 2,21-23). Wer glaubt, muß sich ganz dem Willen Gottes fügen (1. Petr. 4,19) und hat der staatlichen Gewalt gehorsam zu sein (1. Petr. 2,13-17).
b) wie in der Off. Joh.: „Die große Hure Babylon [Tarnbezeichnung für das Römische Reich], Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden, trunken vom Blute der Heiligen und der Zeugen Jesu Christi (Off. Joh. 17, 5f.) … Behausung der Teufel und aller unreiner Geister und aller verhaßten Tiere (Off. Joh. 18,2) … in einer Stunde ist dein Gericht gekommen (Off. Joh. 18,10)“.
Kurz gefaßt: Anpassung oder Kampfansage.
Die Verfolgungen waren aber beileibe nicht das Hauptproblem der frühen Christenheit, sondern die Parusieverzögerung. Jesus hatte gelehrt, daß der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht: Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, die Sterne werden herabfallen, und dann kommt der Menschensohn in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit (Markus 13, 24-26), und „Wahrlich, ich sage euch: DIESES GESCHLECHT WIRD NICHT VERGEHEN, bis dies alles geschieht (Mark. 13, 30)“. Die ersten Christen rechneten täglich mit der Wiederkehr (Parusie) des Jesus Christus. Aber die Parusie kam nicht. Jahre und Jahrzehnte hindurch kam die Parusie nicht.
Mit dem Ausbleiben der Parusie erlosch allmählich das Interesse an Beschreibungen des Weltuntergangs, wie die Off. Joh. eine ist. (Der Kanon Muratori, ein von dem gleichnamigen Bibliothekar im Jahre 1740 gefundenes Fragment aus der Zeit um 200 u.Z., kennt noch eine „Petrusapokalypse“; diese gehörte damals zur Bibel). In Verfolgungszeiten flammte die Naherwartung (die Hoffnung auf das unmittelbar bevorstehende direkte Eingreifen Gottes) wieder auf. Durchgesetzt hat sich letztlich die Linie der Anpassung an die antike Gesellschaft. Um aber auch etwas für die kämpferischen Gemeindemitglieder zu haben, blieb die Apokalypse in der Bibel.
Der Kanon Muratori nennt übrigens als „zur Schrift gehörig“ die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, 13 Paulusbriefe und (unstreitig) die Off. Joh. Zweifelhaft erscheinen die (jetzt außerkanonische, aber erhalten gebliebene) „Petrusapokalypse“, der Brief des Judas, zwei (der drei) Johannesbriefe, der erste Petrusbrief und die (heute zu den apokryphen Büchern des Alten Testaments gehörende) „Weisheit Salomos“. Es fehlen der Hebräer- und der Jakobusbrief sowie je einer der Johannes- und Petrusbriefe.
Also: Die Unsicherheit, ob die Off. Joh. ins NT gehört oder nicht, war eher gering.