Kapitulationen, ab wann ?

hi

ich frag mich grad ob es für kapitulationen auch gewisse regeln gab ( ähnlich wie die genfer konventionen ). denn mir ist aufgefallen das die meisten länder kapitulierten nachdem ihre hauptstadt gefallen ist ( paris, rom, berlin, warschau, etc… )

und ich meine mal gelesen zu haben das die russen kapituliert hätten wenn die deutschen moskau erobert hätten. ist das so gang und gebe ? wenn die hauptstadt fällt kapituliert das land ??

gruss

Hallo,

dass es irgendwann mal festgeschriebene Regeln für Kapitulationen gab, wäre mir neu.

Der Fall der Hauptstadt dürfte zwar für jedes Land ein ziemlicher Schlag gewesen sein, aber für die Erwägung der Kapitulation ist das wohl nur ein Element. Die tatsächlichen militärischen Gegebenheiten im jeweiligen Fall dürften da die entscheidende Rolle gespielt haben. Wenn die Armee also auch ohne den Besitz der Hauptstadt kampffähig war, wurde im Regelfall weiter gekämpft. Das wohl bekannteste Beispiel dafür dürfte die Besetzung Moskaus durch Napoleon sein.

Regeln gab es nach meinem Kenntnisstand wie gesagt nicht. Bei der kapitulation einzelner Verbände oder Festungen und nicht des gesamten Staates mag es so etwas wie einen militärischen Brauch oder ein Herkommen gegeben haben, das aussagte, dass ab einem gewissen Grad der Überlegenheit des Gegners zumindest eine bedingte (also mit freiem Abzug oder ähnlichen Zugeständnissen) Kapitulation vertretbar oder zumindest nicht vollkommen entehrend war. Sowas war aber nie in offiziellen Gesetzen oder Abkommen festgeschrieben, sondern eher ein Ausfluss hochmittelalterlicher Ritterlichkeitsvorstellungen, die dann in den Armeen der Neuzeit übernommen wurden.

Soweit zumindest meine Einschätzung, ohne dass ich mich mit dem Thema eingehend befasst hätte.

Gruß

Volker

Hallo,
dass es feste Regeln gibt, kann ich nicht sehen.
Man muss sich aber klar sein, dass zwei handelnde Parteien beteiligt sind: Die eine bietet die Kapitulation an, die andere soll sie annehmen. Es handelt sich also um eine Kalkulation der verbleibenden Möglichkeiten beider Seiten. Dafür sind verschiedene Gesichtspunkte ausschlaggebend: epochentypische Wertmaßstäbe, Kriegsziele beider Parteien, Wertung der Ursachen für den Beginn des Kriegs, Kalkulation der Vor- und Nachteile einer Fortsetzung des Kriegs …

Nimm als Beispiel die beiden Weltkriege:

WK I: Die deutsche Kapitulation - auf der Basis der 14 Punkte Wilsons - erfolgte, als noch keine Truppen der Gegner im Gebiet des Deutschen Reichs standen; eine Invasion konnte also vermieden werden; im Fall der Ablehnung der Kapitulation würde ja weitergekämpft, unter Verlusten auch für die Alliierten. Die Gegenseite bestand aber auf der Beendigung des monarchischen Systems im DR; mit einer kaiserlichen Regierung werde nicht verhandelt; also hier die Drohung mit der Fortsetzung des Kriegs; dazu kamen aber die sich ausbreitenden Soldatenunruhen im deutschen Heer …
Man sieht also: ein Geflecht von Motiven und Möglichkeiten(, das ja dann auch zu so etwas wie der Dolchstoßlegende und der Agitation gegen die „Erfüllungspolitiker“ führen konnte).

WK II: Nach der Casablanca-Konferenz (Churchill, Roosevelt, 1943) war die „bedingungslose Kapitulation” (unconditional surrender) erklärtes Kriegsziel der Alliierten, ein Kapitulationsangebot des Deutschen Reichs war nur mehr nach der völligen Niederlage möglich. In Folge dessen konnte die ns. Propaganda den „totalen Krieg” ausrufen: Eben keine Kapitulation, auch nicht angesichts der Wendung im Kriegsverlauf.

Ich meine, wenn man über die Betrachtung des Einzelfalls hinausgeht, ist nur der Vergleich möglich, nicht aber eine Ableitung von festen Regeln.

Gruß
H.