Karl d. Gr. / Kaiserin Irene in Konstantinopel

Hallo,

Karl d. Gr. soll Ideen zur Wiedervereinigung des west- und oströmischen Reiches gehabt haben. Irgendwie sollen da auch Ideen einer Hochzeit mit der damaligen Kaiserin Irene in Konstantinopel gewesen sein. So viel ich weiss, ist Karl aber nie in Konst. gewesen.
Gab es da Kontakte? Sind Abordnungen in Konst. gewesen?
Oder liege ich mit meinem Wissen und obigen Aussagen daneben?

Danke, Stucki

Hallo !

Karls Tochter Rothrud sollte eigentlich den byzantinischen Kaiser Konstantin heiraten.

Dessen Mutter Irene schickte Gesandte an den Hof von Karl, um die Tochter abzuholen. Karl aber weigerte sich dann, seine Tochter reisen zu lassen.

mfgConrad

Hallo,

die Geschichte von Karl dem Großen und Irene ist etwas anders, als Du beschreibst. Um die Hintergründe zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen.

Das Römische Reich war offiziell nicht geteilt in Ost und West. Die sogenannte Teilung war staatsideologisch gesehen nur eine administrative. Für die damalige Welt gab es immer nur ein Römisches Reich, die Aufgabe des Herrschers wurde aber seit Kaiser Diocletian meistens (mehr oder minder) kollegial von mehreren Personen ausgeübt. Nachdem ab 476 kein weströmischer Kaiser mehr ernannt worden war, galt die Oberhoheit des oströmischen Kaisers über den Westen, auch wenn diese nur von der Staatsidee her bestand. Man erkennt das daran, daß die Ostgotenkönige in Italien sich offiziell als Stellvertreter der oströmischen Kaiser in Italien ansahen. Es gab damals - nach dem „Untergang“ des weströmischen Reiches - sogar noch einen Senat und Konsuln in Rom.

Eine staatsrechtlich ähnliche Stellung wie die Ostgotenkönige nahm der Frankenkönig Karl nach seinem Sieg über die Langobarden und faktischer Herrscher von Norditalien ein. Das war also keine Bedrohung für den Kaiser in Byzanz. Problematisch wurde es erst, als Kaiser Konstantin VI. 797 an den Folgen seiner Blendung starb, und Kaiserin Irene offiziell die Herrschaft in eigenem Namen übernahm. Eine Frau konnte der damaligen Auffassung nach das nämlich eigentlich nicht. Als dann 800 Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, war das für Byzanz eine Provokation und gefährlich wegen der umstrittenen Stellung von Irene. Wollte Karl mit der Annahme des Kaisertitels seinen Anspruch an den eigentlich nicht besetzten byzantinischen Thron anmelden? Drohte Krieg?

Eine Möglichkeit, das Problem friedlich zu lösen, hätte darin bestanden, daß Karl und Irene heiraten. Der byzantinische Mönch und Geschichtsschreiber Theophanes berichtet, daß 802 eine fränkische Gesandtschaft nach Kontantinopel aufgebrochen war, um diesen Vorschlag zu unterbreiten. Man hält den Bericht aber für nicht wahr, weil er sich nicht in anderen Quellen, die über diese Zeit berichten, wiederfindet. Allerdings spiegelt er die staatsrechtlichen Probleme und die Sicht der damaligen Zeit auf diese Probleme gut wieder.

Wie dem auch sei, Kaiserin Irene wurde 802 gestürzt. Ihr Nachfolger Nikephoros I. hat mit Karl freundschaftliche Beziehungen aufgenommen, der spätere Kaiser Michael I. hat Karl 812 schließlich den Kaisertitel zugebilligt, allerdings ohne den Zusatz „der Römer“. Diese Bezeichnung behielt sich der Kaiser in Byzanz vor, so daß offiziell seine Oberhoheit gewahrt blieb.

Grüße,

Oliver Walter