Karriere oder Studium? Meinung gefragt

Hai,

derzeit beschäftigt mich folgendes:

6 Jahre lang habe ich mich als Rechtsanwalts- u. Notariatsfachangestellte in einem Büro gelangweilt. Dann habe ich mein Abitur nachgeholt, drei Jahre lang abends neben der Arbeit, weil ich studieren wollte - irgendwas, was nicht mit ständiger Büroarbeit zu tun hat.

Nun bin ich umgezogen und habe sehr nette Arbeitgeber, interessante Aufgaben und einigermaßen Karrierechanchen. In absehbarer Zeit (1 - 2 Jahre) kann ich mit max. 3.000 € brutto rechnen. Alles gut soweit.

Auf der anderen Seite frage ich mich, ob ich nicht doch ein Studium aufnehmen sollte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es evtl. auch darum geht, zu studieren „um mal studiert zu haben“; nicht wegen des Akademikerimages, sondern weil ich es mir interessant, abwechslungsreicher vorstelle, weil ich denke, dass es einen weiterbringt und ich gefordert werde, weil ich nachher selbständig arbeiten könnte und wollen würde usw. Ja, gestresste Naturwissenschaftsstudenten werden jetzt vielleicht sagen, so lässig ist ein Studium gar nicht - seid beruhigt, ich stelle es mir nicht lässig vor! :wink:

Die Frage ist also u. a.: sicheres Einkommen vs. Studium und Nebenjobs, immer der gleiche Job vs. „richtige“ Karriere, usw. usw. Ich bin 25 - sollte ich unter Zeitdruck sein oder ist es egal, selbst wenn ich mit 30 anfange zu studieren? Ich habe ja eine Berufsausbildung und -erfahrung - das Studium wäre also vornehmlich interessehalber.

Danke für’s Lesen meiner teils wirren Gedanken - bitte teilt doch mal Eure Meinung mit. Hoffe, Ihr konntet mir folgen? :wink:

Liebe Grüße,

Schnägge

Hallo,

nach meiner Ausbildung zum Bankkaufmann stand ich vor einem ähnlichen Problem. Obwohl ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Privatkundenberatung in Aussicht gestellt bekommen habe, habe ich mich dazu entschlossen, ab September mein Abitur in Vollzeit nachzuholen um im Anschluss daran zu studieren.

Viele Bekannte und Freunde studieren und hätten sich auch gar nichts anderes vorstellen können (auch wenn zuweilen etwas die Realitätsnähe in Sachen Arbeitswelt fehlt :o) ). Und die bestätigen, dass ein Studium neben fachlicher Qualifikation natürlich auch menschlich weiterbringt.

Da es sich die Wenigsten aber wirtschaftlich leisten können, aus dem Motiv reiner Selbstverwirklichung heraus zu studieren, sollte man seine Chancen und Perspektiven nach dem Studium sehr genau ausloten. Bei einer entsprechenden Kombination aus Berufserfahrung, dem „richtigen“ Studium mit entsprechend gutem Abschluss und einem gewissen Maß an sozialer Kompetenz sollte es aber kein Problem sein, „richtig“ Karriere zu machen - wenn man sich vom „nine-to-five“-Gedanken verabschiedet.

Mit 25 halte ich Dich nicht zu alt für ein Studium, gerade durch Deine Berufspraxis - die sich wortwörtlich in bar auszahlen kann - erfüllst Du denke ich recht gut die Vorstellungen vieler Unternehmen. Gerade wenn es z.B. um die Arbeit mit Kunden oder Klienten geht, ist es von Vorteil, etwas älter zu sein und Erfahrung mitzubringen. Außerdem hast Du schon ein kleines finanzielles Polster angelegt (hoffe ich… :o) ), was auch nur von Vorteil sein kann.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich würde es tun :o)
Wenn nicht jetzt - wann dann? Du würdest Dich ohnehin Dein Leben lang fragen: „Was wäre gewesen, wenn…?“

Liebe Grüße
Andreas

Karriere oder Studium? Antwort etwas länger
Hallo,

zunächst einmal Glückwunsch zu Deinem Ehrgeiz :wink:
Du hast in vielen Punkten sicher Recht und die „Überlegung“ ein Studium durchzuziehen ist auch sicher selten verkehrt. Auch würde ich unterstreichen, dass es sich dabei wie Du bereits sagtest, nicht um eine reine akademische Ausbildung handelt, sondern auch echte Lebenserfahrung dazu kommt.

Allerdings möchte ich auch folgendes zu Bedenken geben:

Die Zeiten haben sich geändert :smile:) Na ja, damit wirst Du jetzt wohl wenig anfangen können oder aber - es eh schon wissen. Nur was heisst das konkret für ein Studium im Jahr 2007 bzw. den darauf folgenden Jahren ???

Leute die z.B. noch in den 60ern studiert haben, haben das geprägt, was heute noch in vielen Köpfen (meistens von Nichtakademikern)herumschwirrt, wenn man sagt, das man studiert. In der Tat war es damals so, dass man noch sehr viele Sachen nebenbei machen konnte und viele haben dort Erfahrungen gesammelt, die sicherlich „lebenswichtig“ waren. Halt die ganzen schönen Dinge wie freiheitliches Denken, Selbstverwirklichung, Aufbruch in eine neue (persönliche) Epoche, etc.

Heute ist es aber so, dass diese Erfahrungen oftmals schon von den Studis mitgebracht werden müssen. Ein Studium ist heute sicherlich nicht mehr der „halbe Selbstfindungstrip“. Mit einem Studium setzt man heute ein Signal und zwar ein sehr hochwertiges. Mit Ausnahme der Medizin vielleicht, wird in den meisten Studiengängen ein Wissen vermittelt, welches zwar als Grundlage in der Praxis benötigt wird, aber bei weitem noch nicht alles ist. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass man in der Lage ist, sich in kurzer Zeit sehr komplexe Materien selbstständig anzueignen. Es steht die Absicht dahinter, sich mit solchen Signalen für höhere Aufgaben zu qualifizieren.
Die Anforderungen in der Arbeitswelt sind dermaßen komplex geworden, dass ein Studium hier nicht mehr mithalten kann (Ausnahme wie gesagt Medizin und die eine oder andere Naturwissenschaft).

Dabei muss man aber auch sehen, dass ein Studium alleine heute nicht mehr ausreicht. Es wird bzw. es muss von vielen anderen Signalen „flankiert“ werden. Zweifelsohne besitzt Du davon bereits welche. Dennoch musst Du Dich schon fragen, ob in Deiner momentanen Situation eine wesentliche Verbesserung - unter Beachtung von Aufwand / Nutzen Aspekten - durch ein Studium erreicht werden könnte.
Ich kenne viele die auch mal studieren wollten, weil sie sich viele andere positive Nebeneffekte von einem Studium erhofft haben. Nach dem vierten Semester habe ich die aber kaum noch gesehen.

Wenn man bedenkt, dass es Studenten heute schon schwerer haben, einen Job zu finden wenn sie „nach Plan studiert“ haben (bis 27), dann muss man sich gut überlegen, ob man ein höheres Risiko bereit ist einzugehen. Sprich in Deinem Fall ein Studium mit 30 oder etwas darüber zu beenden.
Viele „normalen“ Abiturienten studieren einfach mal drauf los und manche merken dann (leider) in der Mitte: „Oh, das war doch nicht mein Ding“. Solche Leute müssen dann eine Ausbildung machen oder so unterkommen.
Dein Risiko wäre es aber, jetzt einen rel. sicheren Job aufzugeben, ein Leben zu beginnen, was garantiert eine Umstellung auch in der bisherigen Lebensführung (Stichwort Lebensstandard) bedeutet und dann den Zeitfaktor auf den es heute immer öfter ankommt, gegen sich zu haben.

Was ich damit sagen will ist folgendes: Wenn Du heute schon in einer relativ gesicherten Anstellung bist und Dir hier schon eine gewisse Reputation aufgebaut hast, dann könnte es u.U. fahrlässig sein, dies jetzt durch ein „Abenteuer Studium“ dessen spätere Auswirkungen Du heute noch nicht absehen kannst zu gefährden.

Der Punkt mit der Selbstständigkeit ist natürlich ein Argument. Doch möchte ich auch hier anmerken, dass auch eine Selbstständigkeit und gerade in Sachen Dienstleistung (man bedenke z.B. RA oder StB) mitunter sehr lange Anlaufzeiten bedeuten kann und demnach eines langen Atems bedarf.

FAZIT: Wenn Du wirklich davon überzeugt bist und diesen Schritt gehen willst, durchaus größere und jetzt noch weitgehend unbekannte Veränderungen für Dich in Kauf nehmen würdest und Du ggf. bei einem „Scheitern“ in Deinen alten Beruf zurück könntest und -ganz wichtig- die künftigen Aussichten in Deinem jetztigen Job eher stagnierend bis negativ sind, dann, ja dann würde ich auch sofort sagen: Mach das mit dem Studium.

Wenn Du aber in diesen Punkten nicht genau sicher bist und „nur mal eine Lebensveränderung“ willst, dann würde ich mir das nochmal gut überlegen.
Zwar redet die ganze Welt immer davon, dass mehr studiert werden muss. Stimmt ja auch. Nur wird dabei oftmals etwas herabwürdigend auf Ausbildungsberufe und sich daran anschließende Karrieren geschaut. Ein Studium ist eine Lebensentscheidung die in der heutigen Zeit schon sehr früh getroffen werden muss, da sie -anders als noch früher-neben sehr vielen Chancen auch immer mehr Risiken in sich trägt. Das ist aber nur normal wenn man einmal bedenkt, dass höhere Risiken „besser entlohnt“ werden müssen.
Die Frage bei Dir lautet: Auf was willst Du und auf was kannst/könntest Du verzichten ?

VG
TraderS

Danke für Eure Antworten…
Hallo noch mal,

danke + Sternchen für Eure Denkanstö0e.

@TraderS Ich werde drüber nachdenken. Verzichten kann ich auf einiges, habe während meiner Abendgymnasiastenzeit mit wenig Geld und wenig Freizeit gelebt. Mein Freund studiert (Biochemie) und daher merke ich, dass das Studentenleben längst nicht immer so lustig und easy ist, wie manche so glauben. :wink: Trotz Bachelor-Modell ist es da mit den 40 Arbeitsstunden pro Woche längst nicht getan.

@ Andreas: Ja, genau… dieses „was wäre. wenn / hätte ich mal früher schon…“ dürfte später sicherlich mal aufkommen.

Aber: Ich denke nicht an ein Jura- oder Wirtschafts-Studium mit steiler Karrieremöglichkeit - mich interessiert etwas eher praktisches: Gartenbau. *g* In erster Linie mag das ein Interessestudium sein mit Blick auf interessante Tätigkeit im Anschluß. Zur Not könnte ich ja immer noch in meinen jetzigen Beruf zurückkehren - und wohl auch nebenbei mein Studium mit Minijobs in diesem Fach finanzieren?! – Ich werde drüber nachdenken…

Liebe Grüße,

Schnägge