Katholisch/evangelisch

Hallo!
Meistens sind es Fragen von Kindern, die einen ziemlich ins Schleudern geraten lassen.
Ich bin evangelisch, mein Lebensgefährte kommt aus Luxemburg, einer katholischen Domäne. Seine Schwester mit Kindern war neulich zu Besuch und der Dreizehnjährige, der vor noch nicht so langer Zeit Kommunion hatte, war tief beeindruckt, als ich erklärte, ich sei nicht katholisch, sondern evangelisch. Offensichtlich gibt es solche wie mich in Luxemburg nicht so oft und ich wurde gefragt, was eigentlich der Unterschied im Glauben zwischen Katholiken und evangelischen Menschen sei. Auf das Thema kamen wir eigentlich über die Wartburg/Martin Luther und das Tintenfass, das er nach dem Teufel warf.
Bei der Frage kam ich allerdings etwas in Erklärungsnot, denn außer Martin Luther, der die Kirche reformierte (hab ich in Reli genug aufgepasst?) ich erinnerte mich schwach, dass es evtl. auch etwas mit dem alten und neuen Testament zu tun hat??? und dass Maria nicht so einen grossen Stellenwert bei uns besitzt ??? Kurz gesagt, ich stand ziemlich auf dem Schlauch, zumindest was den Glauben (nicht die Ausführung) betrifft. Die Luxemburger Seite warf ein, wir würden nicht an die unbefleckte Empfängnis glauben. Das kann aber nicht stimmen. Die Weihnachtsgeschichte zumindest ist anders. Jetzt bin ich selbst neugierig. Ein katholischer Freund meinte, „wir“ würden nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben und den Katholiken sei die gesamte Bibel erst sehr spät zugänglich geworden.
Eine liebe Freundin in New York, Philippinin und katholisch, erklärte, dass sie ein sehr großes Marienbild jeden Abend durch die Wohnung tragen. Hab ich auch nicht ganz verstanden warum.
Das hab ich hier auch noch nie gehört.
Kann mich jemand für meinen nächsten Besuch in Luxemburg rüsten?
Außerdem würde es mich interessieren, ob der Brauch, das Grab eines Angehörigen mit Weihwasser zu umranden auch bei uns geübt wird und warum.
Ich sag schon mal Danke.
Usch

HI, Usch,

ich kann dir auch nur was zur Ausübung sagen. Der Glaube an sich ist derselbe, aber die Evangelischen haben zum Beispiel keine Heiligen und glauben auch nicht, dass der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden ist bzw. der „Nachfahre“ von Petrus. An die unbefleckte Empfängnis glauben die Evangelischen auch nicht: unbefleckte Empfängnis bedeutet, dass Maria Jesus empfing und gebar und dabei Jungfrau blieb. Darüber hinaus glauben die Evangelischen im Gegensatz zu den Katholischen nicht, dass sich beim Abendmahl das Brot wirklich in den Leib Christi und der Wein in das Blut Christi verwandelt, sondern dass Brot und Wein nur Zeichen für den Leib und das Blut Christi sind (deshalb dürfen Katholiken auch keinen Wein beim Abendmahl trinken, denn das Blut könnte verschüttet werden). Bei den Evangelischen gibt es keine individuelle Beichte mit individueller Absolution und Buße, sondern nur die gemeinsame Beichte im Gottesdienst. Die Katholiken suchen oft Fürsprecher bei den Heiligen, um ihr Anliegen Gott vorzutragen; da die Evangelischen keine Heiligen anbeten, wenden sie sich im Gebet direkt an ihren Gott. Weiterhin gibt es bei den Katholiken die Kommunion im Alter von etwa 9 und dann im Alter von 14-16 noch freiwillig die Firmung; bei den Evangelischen gibt es nur im Alter von 13-15 die Konfirmation. Der Sinn ist beides Mal derselbe: Den Bund mit Gott, der bei der Taufe von den Eltern im Namen des Kindes geschlossen wurde, selbst zu bestätigen und somit vollwertiges Mitglied der Kirchengemeinde zu werden.
Bei den Katholiken gibt es auch noch die letzte Ölung, meist kurz vor dem Tod, kann aber auch einfach nur in einer kritischen Situation stattfinden. Dabei legt der Gläubige sein Leben und Wohlergehen komplett in Gottes Hand. Diese Zeremonie kann ein Mensch aber nur einmal im Leben mitmachen, daher hat es sich eingebürgert, sie kurz vor dem Sterben zu machen.
Das Grab mit Weihwasser besprengen und ein ständiges Licht draufzustellen ist ein katholischer Brauch; er soll das Grab schützen und für Gottes Gegenwart sorgen; die Evangelischen haben solche Bräuche nicht. Manche machen es zwar, weil sie es nett und schön finden, aber es hat nicht diese Bedeutung für sie wie für katholische Menschen. Bei den Katholiken dürfen auch Prister nicht heiraten und keinen Sex haben, damit sie allein und vollständig für ihren Gott da sind, außerdem dürfen Frauen nicht Geistliche werden. Im Gegensatz dazu dürfen evangelische Geistliche heiraten oder Freundinnen haben und auch Frauen können Pfarrerinnen werden. Bei den Evangelischen darf auch prinzipiell jeder in der Kirche vorgehen und predigen, wenn er will (das ist nicht so bekannt), bei den Katholiken darf das nur der Priester. In katholischen Kirchen wirst du oft viel Gold und Prunk finden, das ist eine Verherrlichung Gottes; evangelische Kirchen dagegen zeichnen sich durch frappierende Schlichtheit aus; hier wird die Gegenwart Gottes über alles gestellt und man glaubt, dass Prunk vom Wesentlichen ablenkt.
Eine evangelische Ehe kann wieder geschieden werden, eine katholische eigentlich nicht (es gibt zwar Gründe, diese auch kirchlich zu scheiden, aber das ist sehr schwierig und selten, wenn du katholisch kirchlich geheiratet hast, bist du in den Augen der Kirche weiter verheiratet, auch wenn du dich staatlich scheiden lässt und begehst mit jeder neuen Liaison Ehebruch).
Ansonsten gibt es noch einige kleinere Unterschiede beim Gottesdienstfeiern und im Alltag, aber die kenne ich nicht alle. Zum Beispiel brennt in der katholischen Kirche immer ein kleines Licht, das ewige Licht, dass die Gegenwart Gottes symbolisiert und nur zwischen Karfreitag und Ostersonntag aus ist, weil Jesus an diesen Tagen tot war. Auch Weihwasser gibt es bei den Evangelischen nicht, aber ich weiß nicht genau, warum und was Weihwasser bedeutet.
Ich hoffe, das hilft dir ein wenig weiter.

Gruß, die Elbin

katholisch / evangelisch: weit ausgeholt :wink:
Hallo Usch!

Das meiste haben katholische und evangelische (lutherische) Christen gemeinsam. Auch die Schwierigkeiten (und Chancen) des christlichen Glaubens in einer multikulturellen Welt stellen sich ihnen gemeinsam. Was bedeutet es heute, an Gott zu glauben? Was bedeutet es, von einem Menschen zu behaupten, er sei auf einzigartige Weise Gottes Sohn, sein Spiegel, Repräsentant? Welche Konsequenzen hat die wissenschaftliche Bibelforschung?

Von den Unterschieden, die es zwischen katholischer und evangelischer Lehre und Praxis gibt, sind viele sekundär und stehen ganz unten in der „Hierarchie der Wahrheiten“. Vieles, was „ewig“ scheint, kann auch geändert bzw. neu interpretiert werden, und dabei kommen fast immer tiefere Gemeinsamkeiten zum Vorschein.

Martin Luther wollte bekanntlich die eine, bestehende Kirche erneuern. Dabei hatte er eine veräußerlichte religiöse Praxis vor Augen, die mit Privatmessopfern, Wallfahrten, Reliquienverehrung und Geldzahlungen die Versöhnung mit Gott erreichen wollte und deren Hintergrund Angst war. Diese Religiosität wurde kirchenamtlich kräftig gefördert (weil sie Geld einbrachte, von dem z.B. der Bau des heutigen Petersdoms in Rom finanziert wurde).

Luther setzte dagegen (mit Paulus, Augustinus u.v.a.): Christsein heißt an Christus glauben, d.h. von sich selbst und dem eigenen Tun absehen und auf ihn, seine heilenden Worte und Taten und seine Hingabe bis zum Kreuz, hinsehen: dadurch ist für den, der glaubt, die Versöhnung da.

Diese Lehre machte Luther zum kritischen Maßstab für das ganze kirchliche Leben, zunächst vor allem für die Buß- und Ablasspraxis. Anfangs glaubte er, damit beim Papst und den Bischöfen Zustimmung zu finden.

Als das nicht geschah, als man ihn nicht verstehen wollte, als man ihn ausschloss, begann er auch über Papst und Kirche neu nachzudenken; es mussten ja nun neue, evangelische Kirchen unabhängig von Rom entstehen.

Evangelisch sein heißt von daher: Kritisch gegen alles „Äußerliche“ sein. Die äußerlichen Zeremonien garantieren keine echte Gottesbeziehung, sondern auf das Herz kommt es an.

Die Zahl und die Bedeutung der Sakramente wurde reduziert. Bei der Messe wurde das Mahl betont und die isolierte Verehrung der Hostie abgelehnt. (An der leibhaften Gegenwart Christi im Abendmahl hielt Luther allerdings fest.) Von den sakramentalen Zeichen (Weihwasser, Segnungen, Aschenkreuz usw.) wurden die meisten abgeschafft. Der Heiligenkult (einschließlich der Marienverehrung) wurde als Ablenkung und Konkurrenz zum Glauben an Christus, den einzigen Erlöser, begriffen.

Zentral wurde die Bedeutung des Wortes (in Bibel und Predigt) für die personale Christusbegegnung.

Die katholische Reaktion war einerseits eine Verstärkung und Untermauerung der angegriffenen Praxis (Barock!), andererseits auch ein Bestreben nach religiöser Verinnerlichung. Die Bibellektüre des Einzelnen wollte man in der Tat verhindern aus der Befürchtung: Jeder Bibelleser - ein neuer Sektengründer… Bevorzugt wurden Andachtsbücher, in die biblische Texte nur eingestreut waren.

Die Unfehlbarkeit des Papstes bei großen, letztgültig ausgesprochenen Lehrentscheidungen wurde als Dogma 1870 formuliert. Diese Lehre gründet im Glauben an die Unfehlbarkeit der ganzen Kirche (nach Joh 16,13 u.a.), die auch Teil des evangelischen Glaubens ist. Strittig ist die Frage der „Zuständigkeiten“ und des Entscheidungsverfahrens.

Maria hat in der traditionellen christlichen Volksreligiosität seit frühesten Zeiten eine große Rolle gespielt. Dass sie Jesus jungfräulich empfangen habe, steht im Lukasevangelium und im Glaubensbekenntnis, ist also auch „evangelisch“ (Fest am 25. März). „Unbefleckte Empfängnis“ (kath. Fest am 8. Dezember) meint allerdings etwas anderes, nämlich dass Maria selbst schon bei ihrer Empfängnis von der Erbsünde ausgenommen worden sei. Dazu kommt Marias „Aufnahme in den Himmel / Himmelfahrt“ (kath. Fest am 15. August). Diese beiden Mariendogmen (1854 bzw. 1950 offiziell definiert, aber schon Jahrhunderte vorher Volksglaube - auch von Luther gibt es eine Predigt zum 15. 8.) werden evangelischerseits abgelehnt, katholischerseits heute klarer als früher von der Christusbeziehung Marias her verstanden.

Weihwasser wird für viele Segnungen verwendet, mit großen regionalen Unterschieden. Die Gräbersegnung mit Weihwasser bei der Beisetzung, an Allerheiligen/Allerseelen oder auch bei jedem Besuch am Grab ist weit verbreitet, sie kann auf unterschiedliche Weise vollzogen werden („umranden“ ist ein der regionalen Formen). Der Sinn ist der Glaube an die göttliche Segenskraft, die Erinnerung an die Taufe und die Verstärkung des Gebets durch das äußere Zeichen.
Auch die Bilder Marias und anderer Heiliger können gesegnet werden und selbst bei Segnungen getragen werden. Darin kommt der Glaube an die Fürbittgemeinschaft der Heiligen mit uns zum Ausdruck.

Natürlich können alle diese äußeren Bräuche sich verselbständigen bis zum Magischen und Abergläubischen. Die evangelische Anfrage ist da immer wieder sehr heilsam.
Umgekehrt halten die äußeren Bräuche die Frage nach der Religiosität des eigenen Herzens wach.

Gruß,
Pietro

Hi Usch,

Martin Luther hat gegenüber der katholischen Kirche die berühmten drei „sola“ (=„nur“) formuliert:
„Sola scriptura“ - Nur die Schrift soll gelten, nicht auch die Tradition bzw. das kirchliche Lehramt, „Sola fide“ - nur der Glaube des Menschen zählt und nicht die Werke, „Sola gratia“ -nur durch die Gnade Gottes wird der Mensch gerettet und nicht durch sein eigenes Zutun. Vor allem der letzte Punkt, die sog. "Rechtfertigungslehre"m war über Jahrhunderte der Hauptgrund für die Kirchentrennung.
Theologisch wird das heute alles recht entspannt gesehen. Katholiken und Protestanten sind weitgehend darüber einig, dass

  • die Schrift Norm des christlichen Glaubens ist, aber selbst ein Stück Tradition, d.h. ohne Kirche gäbe es keine Bibel, weil diese Schriften in der Kirche gesammelt und ausgewählt wurden;
  • der Glaube zählt, aber ein Glaube ohne Werke nicht vorstellbat ist,
  • auch die Unterschiede in der Rechtfertigungslehre nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Dazu gab es vor 2 (?) Jahren ein gemeinsames Dokument beider Kirchen, das von beiden Seiten bestätigt, dass hier keine Trennung im Glauben mehr vorliegt.

Was bleibt, sind wesentlich Unterschiede in der Kirchlichen Praxis, v.a. im Bezug auf die Kirchenämter, bes. das Papstamt. Bis hier Übereinstimmung erzielt werden kann, wird noch einige Zeit vergehen.

Übrigens galueb auch die meisten protestantischen Kirchen an die „realpräsenz“ Jesu Christi in der Eucharistie und wird in immer mehr kath. Kirchen die Kommunion „unter beiderlei Gestalten“, d.h. mit Brot und Wein, praktiziert.

Täubchen (kath.)

HI Elbin

ich kann dir auch nur was zur Ausübung sagen. Der Glaube an
sich ist derselbe, aber die Evangelischen haben zum Beispiel
keine Heiligen und glauben auch nicht, dass der Papst der
Stellvertreter Gottes auf Erden ist bzw. der „Nachfahre“ von
Petrus.

Hier ist ein wichtiger Unterschied:
Die Katholiken verstehen ihre Ämter als direkte Nachfolge von Jesus/Petrus: einerseits im Laufe der Zeit: Abfolge der Päpste und in der Hierarchie vomn Papst auf Bischof und Priester. Das ev. Kirchenverständnis geht von dem Volk Gottes aus. Deshalb werden dort die Priester gewählt (kath.: vom Bischof eingesetzt) und indirekt von der Synode auch die Bischöfe (kath. vom Papst eingesetzt).

Zur Beichte:
in der kath. Kirche wird Ohrenbeichte angestrebt, die Bedeutung geht allerdings zurück. In der ev. Kirche ist allg. Beichtgebet im Gottesdienst üblich. Eine Ohrenbeichte ist nicht verboten, wird aber nicht explizit angeboten und ist weithin unbekannt.

Tschuess Marco.

Konfessionen
Hallo!

Hier findet man eine übersichtliche Zusammenstellung der wesentlichen Unterschiede zwischen den Konfessionen:

http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?Glossar/Unte…

Gruss
Renato

Hallo!
Vielen Dank für die ausführlichen Informationen!
Usch