persönliche Eindrücke (langer Text)
Liebe Forum-Teilnehmer,
Hallo Jaroleb !
Ich komme ja gerade unpassend.
Nein, eigentlich nicht.
Gestern Abend auf der Elternversammlung für
Erstkommunionkinder hat der gute Mann sich beschwert, dass es
nur wenige junge Leute, junge Familien und Kinder den
Gottesdienst besuchen.
Problematisch ist eins. Zu den „traditionellen“ Festen wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten sind die Kirchen meist brechend voll. Kirchliche Rituale wie Erstkommunion, Firmung und Hochzeit sind nach wie vor gefragt. Wenn jemand sowas in Anspruch nimmt, dann sollte er/sie wenigstens so konsequent sein und sich mit diesem Ritual vorher eingehend auseinandersetzen. Dazu braucht es imo auch den Gottesdienst. Ohne wär ungefähr mit der Situation zu vergleichen, wenn jemand Schifahrer werden will ohne Schifahren zu lernen. Geht schwer.
Darauf wollte ich ihm Folgendes erzählen:
Mein Antworten beziehen sich auf meine persönliche Situation - lebe als Evangelischer in einer katholischen (zirka 94%) Gegend, bin mit einer Katholikin nach kirchlich katholischem Ritus verheiratet und habe zwei katholisch getaufte Kinder.
- Warum sind die Kirchen meistens nur zur Zeit des
Gottesdienstes geöffnet? Darf ich nicht etwa einfach so
vorbeigehen, wenn ich mich alleine mit Gott unterhalten
möchte? Oder hat man Angst, dass ich dann Gesangbücher oder
Ähnliches mitgehen lasse?
Bei uns sind katholische Kirchen im Regelfall offen, evangelische meistens nur zur Gottesdienstzeit. Mir persönlich gefällt die offene Kirche besser. Noch ein Zusatz: In Italien waren die [katholischen] Kirchen im Regelfall ebenfalls offen.
- Warum muss man nur schön gekleidet zur Kirche gehen? Darf
ich nicht etwa nach dem Spaziergang mit dem Hund in Jeans und
Outdoorschuhen (säuberlich abgewischt, versteht sich)
reinkommen?
Bei uns genügt saubere Kleidung. Den Hund würd ich nicht in die Kirche mitnehmen, beim Friseur oder Zahnarzt hab ich ihn auch nicht dabei.
- Warum gehen alle ohne Ausnahme während des Gottesdienstes
zur Kommunion? Ich habe es in Erinnerung, dass man nur reinen
Herzens die Kommunion empfangen kann. Wenn ich mich aber
anders fühle und keine Gelegenheit zur Beichte gehabt habe
(von der gemeinsamen Beichte im Gottesdienst abgesehen)? Wisst
ihr, was passiert, wenn man dann sitzen bleibt? Man wird
schief angeguckt.
Bei uns geht ganz selten alle zur Kommunion. Ich geh im katholischen Gottesdienst gar nicht hin, obwohl der evangelische Pfarrer einmal gemeint hat, dass ich das tun könnte. Für mich persönlich ist die Hostie allein nicht das Abendmahl, daher bleib ich sitzen.
- Warum reduziert sich die Jugendarbeit auf Rekrutierung der
Messdiener? Warum können die Jügentlichen mit dem Pfarrer
nicht einfach so unterhalten, ohne gleich auf das Thema Bibel
und Kirche abzurutschen?
Das wird von Ort zu Ort unterschiedlich sein. Bei uns - meine Kinder waren beide Ministranten und bei der Katholischen Jungschar - spielt sich viel mehr ab: Ausflüge, Fußballspielen, Bastelarbeiten, Grillabende, Singen etc. - ein ziemlich buntes Programm, das beileibe nicht nur mit Kirche oder Religion zu tun hat.
- Warum muss man immer beten, und zwar vorzugsweise
öffentlich und dann nur die von der Kirche festgelegten
Gebete? Ich kenne Pater Noster und das Glaubensbekenntniss.
Warum soll ich dies jeden Morgen und jeden Abend tun? Und dann
noch Tischgebet dazu? Warum gilt einer, der das nicht tut,
gleich als ein schlechter Christ?
Du musst keineswegs, es könnt allenfalls so sein, das es bestimmte Geistliche so sehn. Glaubensbekenntnisse, katolische und evangelische, werden bei uns nur in der Kirche gebetet. Tischgebete machen wir hin und wieder - ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Wie oft, wann und was Du betest, legst Du selber fest.
- Warum bedeutet Christ sein gleich eine Gemeinschaft? Darf
man etwa nicht sich auch alleine als Christ fühlen und
alleine und im Verborgenen Gott rufen? (Ich weiß zwar
theoretisch, woher das kommt, nämlich soll Christus selbst das
gesagt haben - Kirche ist eine Gemeinschaft).
Also zunächst gilt mal Matthäus 18/20: Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen". Da bei uns die [katholischen] Kirchen immer offen sind, finden sich zu Nicht-Messzeiten die Leute in der Kirche ein, die mal allein in der Kirche beten oder auch nur still sitzen wollen.
- Warum ist die Erste Heilige Kommunion zu zu einem
stressigen, marktorientierten, kostenspieligen Ereigniss
mutiert - Kleid kaufen, Gaststätte buchen, Geld ausgeben, Geld
von der Verwandschaft kassieren?
Hängt auch damit zusammen, dass Leute Geschäfte machen wollen. Bei unseren Kindern gabs bei der Erstkommunion eine gemeinsame Tracht, eine weiße Kutte mit rotem, geknüpftem Band als Gürtel. Diese Kutten werden im Mesnerhaus - dort, wo der katholische Pfarrer wohnt - aufbewahrt. Die Eltern legen dann fest, wie die Kinder zur Erstkommunion kommen. Wir einigten uns auf die Kutten.
Ist das der richtige Sinn der Kommunion - das schönste Kleid,
die beste Frisur, die vielen Gäste, das Buffet und der
Fotograf?
Nein, natürlich nicht. Aber das bedingt eine Auseinandersetzung mit der Religion vor dem Ritual Erstkommunion und dazu nehmen sich nicht immer alle Eltern Zeit. Es gibt eine Vorbereitung in kleinen Gruppen. Um das Ganze aber als Kind verstehen zu können, braucht es auch die elterliche Bereitschaft zur gemeinsamen Auseinandersetzung. Ansonsten bleibt nur das von Dir Geschilderte über und die Feier wird zum religiösen Beiwerk einer Konsumorgie. Dazu isses an sich zu schade.
- Sind eine freundliche Begrüßung, Hilfsbereitschaft, Geduld
und einfache Liebe keine Zeichen für einen Christen mehr? Oder
muss man, um Christ zu sein - im katholischen Glauben, sich an
Vorschriften und Reglamentierungen halten, die im Grunde
genommen auch von den Menschen wie wir verfasst sind?
Beides. Die von Dir geschilderten Verhaltensweisen machen [auch] ChristInnEn aus. Allerdings gibts eben auch Vorschriften und Reglemente in der Bibel.
- Verkehrte sich Jesus auch nur unter den fein gekleideten,
Heiligeschriftkundigen, sündefreien Menschen?
Von wem hast Du das ? In der Bibel hat er sich immer grad die Anderen rausgesucht. Lukas 5/31: Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. und 32: Ich bin gekommen, zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.
Im Johannes-Evangelium gibts auch eine Geschichte „Jesus und die Ehebrecherin“, mit einem meiner Lieblingssprüche aus der Bibel: Johannes 8/7: Als sie nun anhielten, ihn zu fragen, richtete er sích auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie". Ehebruch war im Alten Testament eine schwere Sünde und ihr hätte die Steinigung gedroht.
Es sind die Fragen, auf denen es für mich keine Antwort gibt
(es sei denn, ich nehme Bibel zur Hand, schlage sie blind auf,
stubse mit dem Finger in irgendwelche Zeile - und schon ist
die Antwort da).
Wieso eigentlich blind aufschlagen ? Das Buch kann auch gelesen werden. Sooooo dick isses gar nicht.
Ich bitte um Verzeihung für diese kleine Rebellion!
War keine kleine Rebellion, und außerdem: Lukas 12/49: Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, als es brennte schon !
In dem Sinne
Liebe Grüße
Wolkenstein