(Kein) Latinum für Historiker

Hallo zusammen,

aus dieser Diskussion ist mir wieder einmal deutlich geworden, wie selbstverständlich viele bei einem Geschichtsstudium Lateinkenntnisse voraussetzen. Ich finde das auch durchaus sinnvoll.

Allerdings erinnere ich mich, daß ich nach dem Mauerfall mehrere HistorikerINNEN kennengelernt habe, die zu DDR-Zeiten Geschichte studiert haben, und die keinerlei Lateinkenntnisse, die über entsprechende Fachbegriffe hinausgehen, hatten.

Mich interessiert dabei zweierlei:

  • wie kommt man dazu, ein Geschichtsstudium so zu konzipieren, daß Lateinkenntnisse nicht nötig sind?
  • Wann und wie fand dann der Paradigmenwechsel statt? Denn inzwischen scheint es ja überall in der BRD so zu sein, daß Lateinkenntnisse nachgewiesen werden müssen.

Viele Grüße

Iris

HAllo, sowiet ich weiß war es in der BRD immer so, dass man Latinum brauchte. Ausnahmen waren nur Spezialfächer, ich hätte rein theoretisch (laut Studienordnung) für Medizingeschichte kein Latinum gebraucht, was aber praktisch schwachsinnig gewesen wär (und fürs Nebenfach Ur- und Frühgeschichte brauchte ich es eh). Ich ärger mich nur, dass ich nicht auch noch Graecum gemacht hab. Da hätt ich das strukturiert gehabt und hätte es mir nicht selbst anlernen müssen.

Ur und Frühgeschichte hätte man hier als HAuptfach auch Lateinfrei studieren können, dann wäre man am Ende Dipl statt MAgister gewesen, und hätte statt mit historischen oä. Fächern mit Natwiss. Sachen wie Anthropologie, Geologie etc. kombiniert

Ansonsten ist es für manche Spezialfälle unsinnig, zB. für Asiatische Geschichte. Da sind neue und alte Versionen von chinesisch sicher sinnvoller.

Die DDR ist hinsichtlich der Historikerausbildung nicht ganz unproblematisch, denn Geschichte lässt sich prima politisch instrumentalisieren und es ist anzunehmen, dass sich diese Historiker mit der neuesten Geschichte befassten, wo Latein nicht mehr sooo wichtig war und der Schwerpunkt eher auf russischen Klassikern lag (Marxistisch-Leninistisch eben)

Doch da nun alle in der BRD studieren und man nicht thematisch festgelegt wäre und zB. auch mal Originale zur Mittelalterlichen Feudalherrschaft sich zu Gemüte führen darf ohne sich möglichst nur auf das kommunistisch/Sozialistisch geprägte vorgekaute (also entsprechende Sek.Literatur) berufen zu können… wird eben fürs Geschichtsstudium Latein als Vorraussetzung angesehen.
Damit man sich selbst Gedanken dazu machen kann, was in der DDR nicht immer gern gesehen wurde.

Gruß Susanne

Shalom, Iris,
wie ich mir angelesen habe, wurde das Bildungssystem der DDR Anfang der 60er Jahre total umgekrempelt. Altphilologie spielte nur noch im C-Zweig der Erweiterten Oberstufe eine (geringe) Rolle.
Nach der Wende richtete sich das Bildungssystem weitgehend nach den Prinzipien der West-Länder aus, in dem wieder mehr Wert auf „klassische“ und damit humanistische Bildung gelegt wurde.

Viel ist im Netz über den Stellenwert altphilologischer Studien in der DDR nicht zu lesen, es ergibt sich aber der Eindruck dass verstärkt Wert auf naturwissenschaftliche Ausbildung und Förderung des Ingenieurnachwuchses gelegt wurde. Wenn Sprachen gelehrt wurden, dann lag der Akzent eindeutig auf Russisch.

Vielleicht meldet sich ja noch ein DDR-Zeitzeuge zu diesem Thema. Spannend genug ist es wohl. Historiker zu sein ohne lateinische oder Griechische Texte im Original lesen zu können erscheint mir schon etwas absurd.

Grüße
Eckard