Keine Identifikation mehr mit dem Beruf

Hallo zusammen, ich weiss momentan nicht mehr weiter und sehe keinen Ausweg.

Ich habe auf mühevollem Weg (Hauptschule, Mittlere Reife, Abitur, alles auf dem 2. Bildungsweg abends neben dem Job) die Ausbildung zum Steuerberater abgeschlossen, zuvor war ich Steuerfachgehilfin und war sehr gut, hatte all die Jahre die besten Zeugnisse und war auch in der Schule eine der besten. Jetzt bin ich 40 Jahre alt und ich kann mich mit dem Beruf nicht mehr identifizieren. Mir ist alles, was damit zusammenhängt zuwider. Ich verabscheue den Kontakt zu den Finanzämtern, habe keine Lust mehr auf die Bearbeitung der Fälle, mag keine neuen Fälle mehr annehmen und fühle psychisch wirklich mich am Ende. Es geht soweit, dass ich Fristen versäume und gar nicht mehr an das Telefon gehe. Hinzu kommt eine permanente Angst vor dem, was an Post eingeht, wer kommt, oder was an Telefonaten oder Fällen eingeht. Ich muss dazu sagen, dass ich früher als Steuerfachgehilfin mehr verdient habe als jetzt, was auch zu Frust geführt hat, weil ich jetzt mehr habe, mehr Verantwortung habe und das alles mit einem Bruchteil des Gehalts, das ich jetzt verdiene. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht diese Angst vor dem Job in mir wäre. Kurz: Ich will nur noch Ruhe haben und kann mir nicht vorstellen, das alles die nächsten 30 Jahre weiterzumachen.

Ich habe aber das Problem, dass ich für alle anderen Arbeiten überqualifiziert oder nicht ausgebildet bin. Ich weiss nicht mehr weiter. Ist das ein psychisches Problem oder ein Zeichen, dass ich einen neuen Weg gehen muss - mit der Frage, was soll ich mit 40 überhaupt neu beginnen? Ich weiss auch nichts, was mir Spass machen könnte. Ich habe so lange auf dieses Ziel jetzt hingearbeitet und stehe jetzt vor einem Scherbenhaufen.

Ich wende mich hier an dieses Forum, weil vielleicht andere, aussenstehende Personen die Lage besser einschätzen können, zumal ich mit all meinen Gedanken nicht mehr weiterkomme. Wenn ich mit Freunden darüber spreche, dann verstehen sie es nicht und sagen, ich soll zum Jammern aufhören, weil ich alles erreicht habe, was ich erreichen wollte.

Ich danke euch jedenfalls für eure Ideen hierzu und für das Durchlesen.

Hola lunes,

sieht so aus, als hättest Du lange Jahre nur für den Job geschuftet und Dein Privatleben und Deine Freizeit vernächlässigt. Kann das sein? Vielleicht fängst Du erst mal an dort Dinge zu verbessern, um mehr Kraft zu schöpfen für einen eventuellen Berufswechsel?

Lieben Gruß
Melanie

Hallo,

eine klassische Aussage zum Burn-Out besagt: „Wer ausbrennt, muss vorher gebrannt haben“. Nicht ohne Grund erwischt es deshalb oft Menschen, die unglaublich viel Energie und Kraft in ihren Job investiert haben.

Gegen Burn-Outs helfen Auszeiten, die idealerweise therapieunterstützt sind. Dabei wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit rausfinden, ob es für dich richtiger ist, deinen Job neu zu definieren oder zu neuen Ufern aufzubrechen.

Im Moment lähmt dich die Depression, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze von selbst erledigt, ist gering. Du solltest eher damit rechnen, dass das System um dich herum zusammenbricht, wenn du weiter einfach vor dich hinwurschtelst. Spätestens dann wird dir vermutlich die Notwendigkeit deutlich werden, dich um dich zu kümmern.

Schöne Grüße,
Jule

danke für deine Einschätzung. Ich sehe es persönlich nicht als „burn-out“, denn ich fühle mich nicht ausgebrannt, sondern nicht mehr system- oder linientreu, um es blöde zu sagen, ich kann mich nicht mehr mit dem Beruf identifizieren. Ich habe nur noch einen Hass auf die Behörden, Behördenmitarbeiter, auf das ganze System, es widert mich einfach an, zu sehen, wofür Steuern verschwendet werden, wie die Steuerpflichtigen abgezogen werden und wie man von den Finanzämtern behandelt wird. Schwer zu beschreiben. Und dann sehe ich aber, wie viel Zeit und Energie ich in alles gesteckt habe und frage mich, ob ich durchhalten soll oder neu beginnen soll. Wenn Neubeginn, was? Ich kann sonst nichts.

Hallo Lunes,

… Jetzt bin ich 40 Jahre alt und ich kann mich mit dem Beruf
nicht mehr identifizieren.

das ist kein Wunder. Das hiesige Steuersystem wurde von Beamten und Juristen er"dacht", die in den Parlamenten deutlich überrepräsentiert. Es ist ungeheuer kompliziert und nicht mal gerecht, und dient nur der Selbstbeschäftigung.

Mir ist alles, was damit zusammenhängt zuwider. …

Kein Wunder - verzeih mir die offenen Worte - du bist die Hure von Wixern.

Ich muss dazu sagen, dass ich früher als Steuerfachgehilfin mehr verdient habe als jetzt.

Ich kenne deine Lebenssituation nicht, hast du Mann oder Kinder zu ernähren?

Ich wende mich hier an dieses Forum, weil vielleicht andere,
aussenstehende Personen die Lage besser einschätzen können,
zumal ich mit all meinen Gedanken nicht mehr weiterkomme. Wenn
ich mit Freunden darüber spreche, dann verstehen sie es nicht
und sagen, ich soll zum Jammern aufhören, weil ich alles
erreicht habe, was ich erreichen wollte.

Ich hatte das „Vergnügen“, in meiner Studentenzeit Finanzämter von innen kennzulernen. Alles ganz nette Leute, aber nach 14 Tagen macht sich mir Macht das Gefühl bemerkbar, dass die Abgehobenheit vom wirklichen Leben die Menschen dort prägt. Auch 20 Jahre später durfte ich solche Art von Menschen bei Versorgern wiederfinden. Für sie ist halt die Welt der Beamten das Leben. Da kannst du kein Verständnis erwarten, dass jemand mehr erwartet als Stumpfsinn von der Geburt bis zum Tod.

Also, sch*** d’rauf und tue, was dich glücklich macht, Zoelomat

Hallo,

nicht jeder ist für einen Beruf geschaffen, in dem man gegenüber seinen Auftraggebern die volle Verantwortung für Dinge übernehmen muss, die man selbst nur zu einem Teil beeinflussen kann. Ich kenne das aus dem durchaus vergleichbaren anwaltlichen Bereich nur zu gut, und habe mich in den Jahren überwiegender anwaltlicher Tätigkeit daher insbesondere auf Gestaltungsberatung spezialisiert. Das wäre im steuerlichen Bereich auch denkbar, und ich weiß aus meiner Zeit bei einer Internetplattform für Steuerberater und Rechtsanwälte (die IT ist immer mein zweites Standbein gewesen), dass es einige Kollegen von Dir gibt, die dies recht erfolgreich machen.

Eine weitere Alternative wäre der lehrende oder publizierende Bereich. Auch damit kann man sein Geld verdienen ist aber aus der von Dir so verhassten Situation raus, Mandanten den Unfug zu erklären, den Finanzämter in oft nicht nachvollziehbarer Weise so treiben.

Eine weitere Möglichkeit würde sich durchaus auch in Unternehmen ergeben, die nicht unbedingt so ganz starr auf eine bestimmte Ausbildung fixiert sind, sondern sich eher etwas universeller einsetzbare Mitarbeiter wünschen, die eine „grundsätzlich geeignete“ Ausbildung mitbringen. Viele Mittelständler beschäftigen entsprechende Leute im mittleren oder höheren Management. Da muss man einfach mal Kontakte aufbauen, und ggf. Klinken putzen. So ganz konkret ausgeschrieben werden solche Stellen nicht.

Wenn Du es Dir erlauben kannst, solltest Du mal ene Auszeit nehmen, und dann einen Schlachtplan entwickeln, in welche Richtung es gehen könnte, und dann ganz intensiv daran arbeiten, auf den richtigen Weg dahin zu kommen.

Und nie vergessen: Man lernt nichts umsonst! Jede erworbene Qualifikation kann man früher oder später mal wieder brauchen. Je mehr Bausteine man hat, um so mehr unterschiedliche Sachen kann man damit machen.

Gruß vom Wiz

Kann hier Wiz recht geben. Man sollte das vorhandene Potential nutzen in der Weise, dass man auf andere Bereiche umschwenkt. Ich erinnere mich an Franz Konz, der ursprünglich auch für die Finanzbehörden arbeitete und jetzt Bücher für die Massen schreibt, sein Unmut über den Fiskus lässt sich in seinen Büchern nie verhehlen.

Zu der psychischen Problematik denke ich, dass die Enttäuschung möglicherweise sehr hoch ist, wenn man mit 40 entdeckt, dass die früheren Ziele nicht mehr passend sind. Das betrachte ich aber nicht als niederschmetternde Erkenntnis, sondern als positiv. Es wäre deprimierend, wenn man sich nicht ändert und alles immer beim Gleichen bliebe. Man muss sich einfach den veränderten inneren Gegebenheiten anpassen. Dass es so nicht mehr weitergeht und du den Wunsch nach Veränderung hast zeigt sich darin, dass du in eine Depression abgleitest und nicht mehr eine optimale Begleitung der Mandanten gewährleisten kannst, obwohl du sicher fachlich gut bist.

Alles in allem: sei froh, dass du wachsam geblieben bist. Reagiere auf die Alarmzeichen. Und wenn es sein muss, fang in einem anderen Bereich von vorne an. Du hast noch mindestens 25 Jahre vor dir, so dass es sich nicht lohnt, den alten Weg weiterzugehen, wenn er dir nicht mehr gefällt und du keinen Nutzen mehr daraus ziehen kannst.