Keine neue Weltreligion seit 1400 Jahren

Hallo zusammen!

Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin. Aber irgendwie schoss mir heute die Frage durch den Kopf, warum seit 1400 Jahren keine neue Weltreligion mehr entstanden ist. Seit dem Aufkommen des Islam hat es keine Religion mehr geschafft, sich über das Ursprungsgebiet hinaus zu verbreiten. Ich denke, das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Weltreligionen, die wir heute haben, z.T. in Kriegen anderen Völkern aufgezwungen worden sind. Da gab es doch sicher auch geistesgeschichtliche Voraussetzungen? Warum z.B. hat sich in Afrika bis zur Kolonialisierung keine eigenständige große Religion herausgebildet? Was waren die spezifischen Voraussetzungen, unter denen die großen fünf Weltreligionen von heute Fuß fassen konnten und warum sind diese Vorraussetzungen heute nicht mehr gegeben?

Für eure Diskussionsbeiträge vorab vielen Dank!

Christoph

Hi Christoph!

Entwickelt sich nicht Scientologie zu einer neuen Weltreligion?
Oder probiert es zumindest?

Ansonsten glaub ich ist es wie beim Fernsehen: Je mehr Programme desto weniger Seher auf einem.
Das sich im Laufe der Jahrhunderte wenig Konkurrenz entwickelt, dafür haben die frommen und barmherzigen Brüder selbst gesorgt.

Gruß Dusan

Hallo,

eine Religion im ‚Kommen‘ scheint Bahái zu sein, immerhin weltweit bereits über 6 Mio. Anhänger und in der Rangliste der Religionen nur noch einen Platz hinter dem Judentum. Bahái wurde Mitte des 19. Jh. begründet, ist also noch verhältnismässig jung.

Ob man jetzt Falun Gong (seit ca. 1980) mit weltweit ca. 10 Mio. Anhängern als eigenständige Religion ansehen möchte, ist zumindest diskussionswürdig.

Eine Schwierigkeit insbesondere des Christentums ist auch die „Mehrfachreligiosität“ - soll heissen, eine grosse Anzahl (man schätzt so um die 50 Mio.) Afrikaner, Kariben und Südamerikaner bekennt sich zwar offiziell zum Christentum, praktiziert aber Vodoun/Santeria.

Gruss
Feanor

Hallo Christoph,

noch ein Gesichtspunkt: Eine „klassische“ Weltreligion ist (bzw. war) ja kein privates Steckenpferd Einzelner, sondern der „metaphysische“ Aspekt einer Gesamtkultur, in der Religion, Politik, Sozialordnung, Privatleben, Kunst, Musik, Architektur etc. ein relativ geschlossenes Ganzes bildeten. Zunächst war jede Weltreligion Regionalreligion, auch wenn das nicht ihr Selbstverständnis war.

Möglicherweise sind die Bedingungen für die Entstehung neuer Weltreligionen in diesem Sinn verschwunden, seit die Einzelkulturen durch zunehmende Besiedlungsdichte und Mobilität (Handel, Krieg) immer stärker mit dem Andersartigen in Berührung kamen?

Jedenfalls war diese Berührung und der daraus folgende Reflex der Selbstbehauptung wohl erst der Anstoß dazu, dass sie sich als (übernational mit sich selbst identische) Weltreligionen konstituierten - und damit zugleich das Aufkommen neuer verhinderten.

Für Afrika und das vorkolumbianische Amerika kam die „Globalisierung“ nach langer Isolation offensichtlich zu plötzlich und zu brutal, ohne Chance zur Verwandlung der Regionalkulte in „Weltreligion“.

Dann wäre eine „Weltreligion“ die Gestalt einer Regionalkultur unter den Bedingungen der Globalisierung - deren gegenwärtiges Fortschreiten sie nicht unverändert lassen kann (vgl. für den kath. Bereich das 2. Vatikan. Konzil).

Gruß,
Pietro

Moin Christoph,

Ich denke, das

hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Weltreligionen, die
wir heute haben, z.T. in Kriegen anderen Völkern aufgezwungen
worden sind.

Ich denke schon, dass dies der Hauptgrund ist.

Gruss
Marion

Moin Christoph,

Ich denke, das

hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Weltreligionen, die
wir heute haben, z.T. in Kriegen anderen Völkern aufgezwungen
worden sind.

Ich denke schon, dass dies der Hauptgrund ist.
Hallo Marion!

Der Hauptgrund vielleicht schon, aber sicher nicht der alleinige.

Gruß

Christoph

Gruss
Marion

Hallo Pietro!

noch ein Gesichtspunkt: Eine „klassische“ Weltreligion ist
(bzw. war) ja kein privates Steckenpferd Einzelner, sondern
der „metaphysische“ Aspekt einer Gesamtkultur, in der
Religion, Politik, Sozialordnung, Privatleben, Kunst, Musik,
Architektur etc. ein relativ geschlossenes Ganzes bildeten.
Zunächst war jede Weltreligion Regionalreligion, auch wenn das
nicht ihr Selbstverständnis war.

Das bedeutet also, dass der Hinduismus zwar in Indien Fuß fassen konnte, in Europa dazu aber nie in der Lage gewesen wäre, so wie umgekehrt das Christentum nicht in Indien hätte entstehen können?

Möglicherweise sind die Bedingungen für die Entstehung neuer
Weltreligionen in diesem Sinn verschwunden, seit die
Einzelkulturen durch zunehmende Besiedlungsdichte und
Mobilität (Handel, Krieg) immer stärker mit dem Andersartigen
in Berührung kamen?

Irgendwie ist es paradox: Gerade heute, wo wir so mobil sind, ist es schwerer den Funken einer religiösen Anschauung in anderen Weltgegenden zünden zu lassen, als früher, als jeder an seine Scholle gebunden war. Aber kann gut sein, dass etwas dran ist.

Jedenfalls war diese Berührung und der daraus folgende Reflex
der Selbstbehauptung wohl erst der Anstoß dazu, dass sie sich
als (übernational mit sich selbst identische) Weltreligionen
konstituierten - und damit zugleich das Aufkommen neuer
verhinderten.

Gut möglich, dass die kriegerische Ausbreitung von Religionen nicht nur zu ihrer Ausweitung beigetragen hat, sondern heute umgekehrt das Entstehen neuer Weltreligionen verhindert.

Für Afrika und das vorkolumbianische Amerika kam die
„Globalisierung“ nach langer Isolation offensichtlich zu
plötzlich und zu brutal, ohne Chance zur Verwandlung der
Regionalkulte in „Weltreligion“.

Aber lagen die Gebiete, in denen Hinduismus und Buddhismus entstanden sind, nicht auch relativ abgelegen?

Dann wäre eine „Weltreligion“ die Gestalt einer Regionalkultur
unter den Bedingungen der Globalisierung - deren gegenwärtiges
Fortschreiten sie nicht unverändert lassen kann (vgl. für den
kath. Bereich das 2. Vatikan. Konzil).

Wie meinst du das mit dem 2.Vatikanischen Konzil?

Gruß

Christoph

Hallo Christian!

Irgendwie ist es paradox: Gerade heute, wo wir so mobil sind,
ist es schwerer den Funken einer religiösen Anschauung in
anderen Weltgegenden zünden zu lassen, als früher, als jeder
an seine Scholle gebunden war. Aber kann gut sein, dass etwas
dran ist.

Naja, ich meine: Es gibt heute keine Einzelkulturen mehr, die abgeschlossen genug sind, um ihren kulturell-religiösen Selbstvollzug mit der „ganzen Wahrheit“ gleichzusetzen. Auch Mission in diesem naiven Sinn gibt es nicht mehr und kann es nicht mehr geben.

Aber lagen die Gebiete, in denen Hinduismus und Buddhismus
entstanden sind, nicht auch relativ abgelegen?

Aus unserer Perspektive: klar. Aber die Kontaktaufnahme geschah doch über Jahrhunderte hin (Seidenstraße) und nicht schockartig.

Wie meinst du das mit dem 2.Vatikanischen Konzil?

Dort wurde erstmals in offiziellen Lehrtexten die Existenz anderer Religionen und Weltanschauungen nicht nur anerkannt, sondern sie wurden in ihren humanen und kulturellen Werten auch positiv gewürdigt (als Ausprägungen des Gottesgeistes). Und es wurde (endlich!) grundsätzlich und prinzipiell die Freiheit jedes Menschen in der Religionsausübung anerkannt und gefordert, und zwar weil sie in der Eigenart des Evangeliums begründet sei. Bis dahin gab es noch starke katholische Strömungen, die meinten, dass der katholische Glaube dort, wo es möglich sei, auch staatlich privilegiert - und andere Religionen und Konfessionen in ihren Rechten und Möglichkeiten eingeschränkt werden müssten.

Die unumkehrbare weltanschaulich-kulturelle Pluralität des „globalen Dorfes“ lässt keine der alten Weltreligionen unberührt (das zeigten schon die Kreuzzüge und heute der islamische Fundamentalismus), und sie erlaubt das Entstehen neuer ganzheitlicher und sich selbst absolut verstehender Kult-Kultur-Moral-Volks-Staats-Gemeinschaften (aus denen echte Weltreligionen werden könnten) nicht.

Was es wohl in zunehmendem Maß gibt, sind Synkretismen verschiedener Zusammensetzung. Aber die kulturelle Kraft der alten Weltreligionen haben sie auch bei großer Anhängerzahl nicht.

Gruß,
Pietro

Hallo Feanor!

eine Religion im ‚Kommen‘ scheint Bahái zu sein, immerhin
weltweit bereits über 6 Mio. Anhänger und in der Rangliste der
Religionen nur noch einen Platz hinter dem Judentum. Bahái
wurde Mitte des 19. Jh. begründet, ist also noch
verhältnismässig jung.

Ob man jetzt Falun Gong (seit ca. 1980) mit weltweit ca. 10
Mio. Anhängern als eigenständige Religion ansehen möchte, ist
zumindest diskussionswürdig.

Also Bahai und Falun Gong sind mir zwar ein Begriff, aber ich weiß zu wenig darüber, um beurteilen, ob es Religionen nach unserem Religionsverständnis sind. Ist Falun-Gong nicht mehr eine Oppositionsbewegung gegenüber der chinesischen Regierung? Außerdem stellen diese beiden Richtungen bisher in keinem Land der Welt die Mehrheit der Gläubigen. Das kann natürlich noch werden aber bei meiner Fragestellung ging es mir ja mehr um den Jetzt-Zustand.
Eine Schwierigkeit insbesondere des Christentums ist auch die
„Mehrfachreligiosität“ - soll heissen, eine grosse Anzahl (man
schätzt so um die 50 Mio.) Afrikaner, Kariben und
Südamerikaner bekennt sich zwar offiziell zum Christentum,
praktiziert aber Vodoun/Santeria.

Meinst Du, dass diese Gläubigen wirklich gar nichts vom Christentum übernommen haben? Ich denke, da mischt sich manches. Die Art, in der wir heute die hl.Messe feiern, hat ja vermutlich auch nur noch entfernt mit den Riten der Urchristen zu tun.

Gruss
Christoph

Hallo Dusan!

Entwickelt sich nicht Scientologie zu einer neuen
Weltreligion?
Oder probiert es zumindest?

Ich kenne zwar Scientology nicht näher, glaube aber nicht, dass man diese Gruppierung als Religion bezeichnen kann. So weit ich weiß, treffen die Scientologen rein diesseitige Aussagen und ich denke, dass keine Religion eine solche ist, wenn sie nicht etwas zu der Zeit nach dem Tod sagt.

Gruß

Christoph