Hallo schatten!
Zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch zu deinem Forscherdrang, deinem atemberaubenden Experiment und deinem selbstlosen Einsatz für die Wissenschaft.
Ich möchte es aber an dieser Stelle nicht versäumen, dich auf die hohen Risiken hinzuweisen, die dein Experiment birgt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der totale Verzicht aufs Fernsehen unmittelbar in die soziale Deprivation führt. Andreas - Mr. Bones - war hier m.E. etwas zu vorsichtig in seinen Äußerungen, vermutlich wollte er dich schonen. Zwar hat er bereits eine der schrecklichen Begleiterscheinungen des Totalverzichts (Stichwort: DIE ZEIT - hierzu später mehr) angeführt; falsch verstandene Rücksichtnahme bewog ihn jedoch offensichtlich, dir nicht das ganze Ausmaß der Nebenwirkungen zu schildern.
Ähnliche Selbstversuche wie der deine zeitigten in der Anfangsphase stets Auswirkungen, wie jene, die du auch bei dir selbst jetzt schon beobachten kannst: die Probanden beginnen über kurz oder lang, ihren Mitmenschen mit ihrer Geschichte zwanghaft und ungefragt auf den Sack zu gehen.
In der zweiten Phase, die dir noch bevorsteht, bemerkt die Versuchsperson in der Regel Informationslücken. „Ich kann einfach nicht mehr mitreden“, wird häufig geklagt. Fatalerweise geht diese Einsicht oft mit unnachgiebiger Verbohrtheit einher. Der Proband sucht und findet eine Ersatzdroge, und diese heißt häufig - wie Andreas’ unheilschwangere Andeutungen prophezeiten - DIE ZEIT.
Die unter Entzug stehende Person beginnt in ihrer Verzweiflung, DIE ZEIT von vorne bis hinten zu lesen, einschließlich - und hier beginnt das eigentliche Verhängnis - der Kolumne von Siebeck.
Ist es erst einmal so weit gekommen, lässt sich der soziale Abstieg kaum aufhalten. Zumeist wird der Prozess eingeläutet mit der Wahnvorstellung, Grappa sei eine zum Verzehr geeignete Substanz. Der weitere Krankheitsverlauf ist gekennzeichnet durch den Erwerb von handgewalkten Nudelerzeugnissen, Einkaufskörben aus Naturmaterialien, Salatschleudern und Messerbänkchen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Proband in der Regel bereits aus seinem sozialen Umfeld vollkommen verabschiedet und pflegt ausschließlich Umgang mit Leidensgenossen, die er über codierte Kleinanzeigen in Druckwerken wie BELLEVUE kontaktiert.
Das traurige Ende sieht immer gleich aus: Nach entbehrungsreichen Jahren in vollkommener Apathie landet die geschundene Kreatur in der Toskana. Jeder, der schon einmal dort war, kennt das Ausmaß der Katastrophe, die von der Forschung initiiert, von der ZEIT befördert und von der Politik totgeschwiegen wird: Ein ganzer italienischer Landstrich, bevölkert von Deutschen, die im Grapparausch lallend durch die Gegend torkeln und permanent etwas von „Fernsehverzicht“ brabbeln.
Lieber schatten - denk noch mal drüber nach! Forschung - gut und schön! Aber willst du dir dafür wirklich dein Leben derart verpfuschen?
lemmy