Kennen die meisten kleinen Betriebe tatsächlich ihre Kapazität oder fühlen sie sich nur „voll“?
Ich habe mich mit einem Freund unterhalten, der die Produktion in einem Betrieb mit ca. 40 Mitarbeitern leitet. Er sagte etwas, das mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht.
Ich fragte ihn, ob eine bessere Produktionsverfolgung seinem Betrieb helfen könnte, mehr Aufträge anzunehmen. Er lachte und sagte: „Wir fertigen 1.000 Teile pro Woche. Wir kennen unsere Maschinen, wir kennen unsere Mitarbeiter, wir sind voll ausgelastet. Software wird nicht einfach so eine zusätzliche CNC-Maschine erschaffen.“
Und ich verstehe, was er meint.
Aber sein Betrieb hat die Gesamtanlageneffektivität (OEE) noch nie gemessen.
Sie kennen ihre theoretische Kapazität: „Diese Maschine kann X Teile pro Stunde fertigen, wir lassen sie 8 Stunden laufen, das ist also unsere Kapazität.“
Deshalb meine Frage an alle, die tatsächlich kleine Betriebe leiten oder dort arbeiten:
Haben Sie jemals Ihre tatsächliche OEE gemessen? Wie hoch war der Wert im Vergleich zu den Erwartungen?
Haben Betriebe, die mit der Produktionsverfolgung begonnen haben, tatsächlich versteckte Kapazitäten entdeckt?
Wenn die Maschine tatsächlich die vollen acht Stunden (was ich jetzt mal als maximale Betriebsdauer werte) ohne Ausfälle und Qualitätsverluste durchgängig läuft, ist die Messung der Gesamtanlageneffektivität eigentlich ziemlich überflüssig, weil die dann bei weltrekordverdächtigen 100% liegt.
Das Problem liegt im Allgemeinen doch eher darin, dass Maschinen in der Regel 8-x Stunden laufen, was alle relevanten Personen für optimal halten und woran deswegen keiner versucht, etwas zu ändern (d.h. x zu reduzieren).
In keinem der Unternehmen, in denen ich in den letzten fast 40 Jahren beschäftigt war. Warum nicht? Weil es mehr gibt, als nur die Zahl auf dem Papier (oder den Bildschirm). Mitarbeiter*innen müssen sich sich wohl fühlen, sie müssen bis zu einem gewissen Grad gerne zur Arbeit kommen. Sie sind nach meiner Ansicht leistungsbereiter, wenn sie in ihrer Arbeit einen Sinn sehen und durch die Geschäftsführung und Leitung Anerkennung genießen. Nach marktradikalen Methoden von außen, durch „Analysten“ den letzten Cent aus Maschinen und Personal herauspressen zu wollen, wird zum Vertrauensverlust und zu innerer Kündigung führen.
Viel mehr Unternehmen sollten geführt werden, als wären die Geschäftsführer die Inhaber und nicht Arbeitskräfte mit Zeitvertrag, die nicht selten deutlich kürzer im Unternehmen sind, als die/der mittlere Angestellte.
Oder anders gesagt: nicht das Maximum aus einem Unternehmen zu holen, sondern „nur“ das Optimum scheint mir eine gute Strategie für nachhaltiges Wirtschaften zu sein.
In keinem der Unternehmen, in denen ich beschäftigt war, hat man externe Kräfte zu Rate gezogen, um die Gesamteffektivität zu errechnen. Warum? Weil das Beobachten den Effektivität ohnehin zum Tagesgeschäft gehört. Ja, das gibt keine langen Tabellen, keine bunten Charts, keine Präsentationen, bei denen man sich auf die Schulter klopft.
Möglicherweise waren auch die Kosten für so eine Analyse zu hoch und die zu erwartenden zusätzlichen Gewinne zu gering, als dass man dafür teuren externen Kräfte tiefen Einblick in die Firma gewähren möchte.
Und ja, auch die Verantwortung spielt eine Rolle. Ein externer Berater kann viel analysieren und beraten, aber für Entscheidungen hat er keine Verantwortung zu tragen. Wenn sich negative Ergebnisse der Analyse zeigen sollte, ist der Berater über alle Berge. Oder bietet erneut eine kostenpflichtige Beratung an.
Das alles halte ich für die wahrscheinlichen Gründe, warum meine bisherigen Geschäftsführungen so etwas mit den Mitarbeitenden ohne große Zahlenwerke besprachen und keine externen Analysten dazu holten.
Noch ein Nachtrag: vermutlich habe ich gegenüber dem Thema Vorurteile, weil ich der Ansicht bin, wenn der Wasserkopf eines Unternehmens für statische Analysen der Produktion zu sehr anwächst, sich die Produktionszahlen nicht in dem Maße verbessern, wie der Wasserkopf Ressourcen verbraucht.
Da war einer der Gründe für die wirtschaftlichen Probleme der DDR, aus meiner Sicht. Wenn eine Firma groß genug wurde, kümmerten sich um das verfassen, analysieren und weiterleiten von Zahlen (die wiederum zusammengefasst, analysiert und weitergeleitet wurden) bald genau so viele Personen wie in den Operationen Bereichen. Und, was hat es gebracht? Sehr gründliche Analysen, lange statistische Takelwerke und eine schlechte Gesamteffizienz, die Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren musste.