Hallo Yvonne!
Sharon hat völlig Recht:
Ihr müsst euch und dem Sohn deines Freundes Zeit lassen, ganz ganz gaaanz viel Zeit. Ich würde sogar sagen, am besten wäre, wenn ihr es schafft, noch nicht mal im Hinterkopf einen Zeitrahmen für euer neues Leben in einer gemeinsamen Wohnung zu haben. Ich weiss, dass das superschwer ist, aber der kleine Kerl wird euch ganz sicher zeigen, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.
Ich selbst bin Mutter einer 6jährigen Tochter und habe mit ihr und meinem Mann das Ende unserer Ehe durchgestanden. Wir haben das freundschaftlich hinbekommen. Vielleicht seit ihr nicht in einer so glücklichen Situation. Aber ich will dir trotzdem versuchen, ein paar Tips geben.
Ich vermute mal, du hättest in deinem Frage-Posting erwähnt, wenn du selbst Mutter wärst, oder? Wenn nicht, ist es vielleicht noch schwerer, sich in das Gefühlsleben eines Kindes hineinzuversetzen.
Ich will bestimmt nicht predigen, aber bitte, bitte bitte lasst es langsam angehen und stellt immer das Wohl des Kindes vor euer eigenes! Egal was ihr tut, bitte versetzt euch vorher jedes einzelne Mal in die Lage des Kindes und versucht euch vorzustellen, wie euer Tun von ihm wahrgenommen würde. Und wenn er abwehrend reagiert - nehmt es ihm nicht übel sondern haltet euch vor Augen, warum das so ist.
Es gibt für ein Kind nichts schlimmeres, als das Zerbrechen der Familie als Schutzhöhle zu erleben. Das Urvertrauen in die Eltern als konstante Sicherheit für’s Leben kriegt plötzlich Risse oder geht sogar ganz kaputt. Und ein Kind kann die Trennung seiner Eltern nicht rational oder unabhängig von der eigenen Person wahrnehmen, da es nicht ermessen kann, dass die Eltern niemals im Leben irgend jemanden mehr lieben könnten als das eigene Kind (das wissen wir ja selbst nicht, bevor sie auf der Welt sind
).
Es hat Schuldgefühle und schreckliche Ängste. Es will sich nicht für einen Elternteil entscheiden oder auch nur Partei ergreifen müssen. Es muss unbedingt wissen und austesten können, dass die Liebe und Aufmerksamkeit und die Sicherheit noch unverändert da sind. Und da wird ein neuer Partner ganz automatisch als Rivale im Kampf um all diese Faktoren wahrgenommen.
Konkret würde ich an euerer Stelle sehen, dass du zunächst mal nur ganz sporadisch und auf neutralem Boden „ins Bild“ trittst. Der Papa sollte nicht ständig von dir erzählen. Stattdessen bist du halt bei den Wochenend-Aktivitäten irgendwann mal dabei. Aber auch nur manchmal, zunächst. Dabei schenk dem kleinen Kerl Aufmerksamkeit, spiel mit ihm und lass ihn merken, dass du ihn wirklich kennen lernen willst. Genau wie Sharon sagte: Kein Knutschen, kein Händchenhalten, alle Aufmerksamkeit beim Kind.
Dann kannst du irgendwann mal auch beim Papa zuhause auftauchen und die Dinge sich schrittweise entwickeln lassen. Ich finde auch wichtig, dass in der Wohnung des Vaters zunächst keine Fotos von dir an der Wand hängen oder persönliche Dinge von dir herumstehen. Du solltest auf keinen Fall versuchen, eine Mutterrolle übernehmen zu wollen, eine Mama hat er schon und braucht keine zweite. Auch nicht über die Trennung - oder gar schlecht über die Mama - reden wollen, egal ob die Mutter eventuell über dich herziehen mag. Vielleicht versuchst du dich als Tante oder gute Freundin zu sehen.
Bitte versteh mich nicht falsch: Ich will dir nicht sagen, dass du dem Jungen was verheimlichen oder vormachen sollst (das kannst du auch gar nicht, denn mit seinen 6 Jahren weiss er vermutlich sofort, wo der Hase lang läuft), sondern ihn nur nicht krass zu konfrontieren. So kann er dich erst mal inRuhe auschecken und sehen, dass du keine Bedrohung bist oder jemand, der ihm einen Teil von Papas Aufmerksamkeit und Liebe wegnehmen könnte.
Ich weiß, dass es vielleicht hart klingt, weil auf diese Weise u.U. viele, viele Monate ins Land ziehen können, bevor du offen die Position im Leben deines Partners einnehmen kannst, die du dir wünschst. Aber es ist wichtig, dass du keinerlei Druck auf Vater oder Sohn ausübst und dir falls nötig klar machst, dass es einen großen Unterschied macht, ob man eine Beziehung mit einem Single oder einem Vater eingeht. Da muss man zurückstecken, weil man automatisch Verantwortung für das Wohlergehen eines fremden Kindes mitübernimmt!
Ich möchte dir dringend raten, einmal im Forum http://www.scheidungskinder.de vorbeizuschauen. Dort tauschen sich betroffene Kinder und Eltern aus. Und zu lesen, welche Schmerzen und teils irreparablen Schäden sich trennende Eltern ihren doch eigentlich geliebten Kindern immer wieder zufügen, hält mir selbst immer wieder den Spiegel für mein eigenes Tun vor Augen.
Stelle doch deine Frage einmal dort im Forum, schildere eure Situation und lass dir von den betroffenen Kindern sagen, wie sie sich die Heranführung an die neue Partnerin des Papas gewünscht hätten. Und keine Angst: niemand dort wird die „Vorwürfe“ oder ähnliches machen, sondern euch und vor allem dem Sohn deines Freundes helfen wollen.
So, Predigt beendet. *g* Ich wünsche euch viel Glück und Geduld! Und bitte vergiss nicht, dass du jetzt eine Rolle im Leben eines Kindes spielst. Du kannst viel Gutes bewirken!
Liebe Grüße!
„Luise“