Kinder als Soldaten im 2. Weltkrieg

Guten Tag,
ich habe ein paar Fragen zur Einberufungen von Kindern als Soldaten im Nationalsozialismus:

  • Ab welchem Alter wurde einberufen?
  • Wie ging die Einberufung vonstatten (bekamen die betreffenden Familien Post von der Wehrmacht oder
    wurde einfach jeder über 16jährige auf der Straße aufgegriffen)?
  • Wurde jeder Junge im betreffenden Alter einberufen oder nur ein Teil der Bevölkerung?
  • Welche Chancen hatte man der Einberufung zu entgehen? Wurden Kinder, deren Eltern Einfluss hatten,
    verschont?
  • Wer hat die Einberufung durchgeführt - die Nazis oder die Wehrmacht?
  • Welche Quellen gibt es zu diesem Thema?

Viele Fragen, ich weiß. Vorauseilenden Dank für eure Antworten!
Grüße,
PP

Hi,

bei wiki kannst du ein bisschen darüber lesen, wobei es sich hier mehr um Jugendliche handelt. http://de.wikipedia.org/wiki/Volkssturm.

Schon in früheren Jahren wurden aber die Jahrgänge 1926-28 als Luftwaffenhelfer eingezogen. Bekannte Personen sind u.a. H.-D. Genscher, Leo Kirch oder auch Manfred Rommel.

Es gibt da auch noch dieses bekannte Bild von Hitler im April 45, als er u.a. einem 12jährigen das EK2 verleiht.

Es gibt da auch noch dieses bekannte Bild von Hitler im April
45, als er u.a. einem 12jährigen das EK2 verleiht.

http://img.stern.de/_content/53/71/537164/Hitler250_…

Hallo PP,

  • Ab welchem Alter wurde einberufen?
  • Wie ging die Einberufung vonstatten (bekamen die
    betreffenden Familien Post von der Wehrmacht oder
    wurde einfach jeder über 16jährige auf der Straße
    aufgegriffen)?

Das klingt sehr bürokratisch, wie du das schreibst. Fast so, als hätten die Nazis schon von Beginn an systematisch alle Jungen ab 16 mit einem Schreiben in die Wehrmacht einberufen.

So war das aber sicher nicht. Ich denke, was du meinst, ist der „Volkssturm“. Als der Krieg eigentlich schon längst verloren war, wurden dann eben alle verfügbaren „Soldaten“, also Jugendliche und alte Männer einberufen. Interessanterweise übrigens keine Frauen, soviel ich weiß bis zum Ende nicht!

Und zu dem Zeitpunkt waren definitiv keine geordneten Verhältnisse mehr gegeben.

  • Welche Chancen hatte man der Einberufung zu entgehen? Wurden
    Kinder, deren Eltern Einfluss hatten,
    verschont?

Wer sich weigerte zu kämpfen, setzte sein Leben aufs Spiel!

Ich weiß jetzt leider nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber in Berlin wurden noch im April 45 diejenigen erschossen, die sich nicht als Kanonenfutter verheizen lassen wollten und das Pech hatten, einem fanatischen Nazi zu begegnen, der sich nicht eingestehen wollte, dass der Krieg verloren war.

Vielen war das damals schon klar. Man sprach es zwar nicht offen aus - das durfte man auch nicht, denn das wäre „Defätismus“ gewesen, und darauf stand die Todesstrafe. Aber man verhielt sich doch ein wenig anders als zuvor. Nicht mehr ganz so überzeugt und siegesgewiss. Ich lese auch in Berichen von Auschwitz-Überlebenden immer wieder, dass die SS plötzlich einen etwas weniger unfreundlichen Ton an den Tag legte. Man machte sich offenbar Sorgen um die Zeit nach dem Krieg …

Es gab aber auch solche Nazis, die eben bis zuletzt an den „Endsieg“ glaubten. Und um die machte man besser einen weiten Bogen, wenn man denn konnte. Es war lebensgefährlich, ihnen zu begegnen.

  • Welche Quellen gibt es zu diesem Thema?

Schau dir mal den Film „Der Untergang“ an, falls nicht schon geschehen. Da bekommst du ein bisschen einen Eindruck, welche Zustände gegen Ende des Krieges herrschten. Da gab es keinen „Einfluss“ mehr. Da ging es nur noch ums Überleben.

Schöne Grüße

Petra

Was ist denn das alles für ein Unsinn?

  • Ab welchem Alter wurde einberufen?

Nach der Schule bzw nach der abgeschlossenen Berufsausbildung und nach dem Arbeitsdienst.

  • Wie ging die Einberufung vonstatten (bekamen die
    betreffenden Familien Post von der Wehrmacht oder
    wurde einfach jeder über 16jährige auf der Straße
    aufgegriffen)?

Sie wurden eingezogen, wie auch heute. Schriftlich. Man kam 12 Monate zum Arbeitsdienst und danach zum Militär.

  • Wurde jeder Junge im betreffenden Alter einberufen oder nur
    ein Teil der Bevölkerung?

jeder, der KV war.

  • Welche Chancen hatte man der Einberufung zu entgehen? Wurden
    Kinder, deren Eltern Einfluss hatten,
    verschont?

Nein, zumindest ist das nicht bekannt. Selbst der Führer der HJ (Axmann) wurde eingezogen und verlor während dieser Zeit einen Arm.

  • Wer hat die Einberufung durchgeführt - die Nazis oder die
    Wehrmacht?

Die zivilen Behörden, wie auch heute. Im Auftrag der Wehrmacht.

  • Welche Quellen gibt es zu diesem Thema?

Genügend, nur nicht Wikipedia.

Viele Fragen, ich weiß.

Ziemlich voreingenommene Fragen.

Der Sohn des französischen Botschafters in Berlin war Mitglied der HJ.

mfgConrad

Der Sohn des französischen Botschafters in Berlin war Mitglied
der HJ.

Diesen Satz habe ich nur geschrieben, um mal deutlich zu machen, dass nicht alles so finster war, wie heute behauptet.

Flakhelfer
Hallo PP
Hier ein Ausschnit aus den Erinnerungen meines Vaters, der 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde. Übrigens direkt von der Schule, ohne erst beim Arbeitsdienst gewesen zu sein, wie einer meiner Vorredner behauptet hat.
Mein Vater wohnte eigentlich in Berlin, war aber wegen der Bombenangriffe evakuiert und lebte bei den Großeltern in Demmin.
Du siehst, es ging alles seinen bürokratischen Gang, niemand wurde auf der Straße weggehohlt.

Flakhelfer 1944 - 1945
In den ersten Januartagen 1944 holte mich in Demmin die Einberufung zum Dienst als Flakhelfer ein.Die Schüler des Jahrgangs 1928 „waren dran“.
An einem grauen Januarmorgen fand ich mich,zusammen mit einem Teil meiner Mitschüler, im „Stadthaus“ ein, um uns einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. -Dort, im Stadthaus, war zu jener Zeit das Gesundheitsamt untergebracht.
Nach nur flüchtiger Untersuchung bekamen wir gleich unsere Einsatzbefehle. Am nächsten Morgen um 7 Uhr mußten wir uns bei der „2.Batterie der Schweren Flakabteilung 362“ in Bohnsdorf bei Grünau melden.
(Liegt im Südosten Berlins, dort wo heute der Flughafen Schönefeld ist.)
So machte ich mich am nächsten Morgen in aller Frühe und noch recht müde auf den langen Weg nach Bohnsdorf. An der Endhaltestelle stand ein Soldat und nahm uns in Empfang; es lag ja noch eine Viertelstunde Fußweg vor uns.
Außer den Schülern meiner und der Parallelklasse waren auch noch Schüler der nächsthöheren Klasse dabei, ebenfalls des Jahrgangs 28. Der Stichtag für die Einschulung war der 31.5. gewesen. Danach richtete sich aber die Einberufung nicht, diese nahm den Jahrgang vom 1.1. bis 31.12.
In der Stellung angekommen, wurden wir in einer Baracke in einem großen Raum, der „Kantine“ genannt wurde, gesammelt und begrüßt. Ein junger Oberleutnant, so elegant zurechtgemacht, wie es bei Uniformen eben noch möglich ist, stimmte uns auf unser künftiges Leben ein. Nach seinen markigen Worten kam ein untersetzter Mann in der schon viel bescheideneren Uniform eines „Hauptwachmeisters“ und fing an, uns die prosaischen Dinge des Soldatenlebens zu vermitteln, wie Einkleidung, Kleiderordnung, Dienstordnung, Auftreten in der Öffentlichkeit usw. - Wir hörten,daß wir im Moment noch nicht in der Batterie übernachten könnten,da unsere Baracke noch nicht fertig sei. Die Batterie war erst vor kurzem hier eingezogen, alles war noch recht provisorisch. Nun,wir waren nicht böse,am Abend wieder nach Hause zu kommen.

Ich hoffe, es hilft Dir
Chrischi

Wenn man solche Fragen stellt, kann man ruhig etwas mehr von sich preisgeben.

Hier ein Ausschnit aus den Erinnerungen meines Vaters, der
1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde. Übrigens direkt
von der Schule, ohne erst beim Arbeitsdienst gewesen zu sein,
wie einer meiner Vorredner behauptet hat.

Das schreiben auch Dülk/Fickentscher in ihrem Buch „Die Feuerglocke“.
Sie waren als Luftwaffenhelfer im Raum Schweinfurt eingesetzt.
Zudem hatten sie ein paar mal die Woche Unterricht.
http://mrauschert.de/luftwaffenhelfer.htm

nicht nur Flakhelfer
Hallo,
es gab auch die 12. SS-Panzer-Division ‚Hitlerjugend‘. Da rekrutierte man bereits 1943 16, 17-jährige. Keine Rede von 12 Monaten Arbeitsdienst vor Grundausbildung und Fronteinsatz …

Im Volkssturm wurden dann nicht nur Jugendliche, sondern auch Kinder verheizt. Ging alles ganz korrekt seinen bürokratischen Gang - daran sieht man, „dass nicht alles so finster war, wie heute behauptet“.

Gruß,
Ralf

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Die Frage betrifft aber nicht die letzten Monate eines verlierenden Krieges, sondern die normale Vorkriegszeit.

Am Ende eines Krieges, der auch noch verloren geht, ist das natürlich anders. Man machte aber trotzdem keine Jagd auf Jugendliche. Diese kamen meistens sogar freiweillig.

Hallo Ralf,

wieviel unter-18-jährige Soldaten, „Volksstürmler“ oder was immer sind denn eigentlich gefallen?

Wurde von Seiten der Alliierten irgendeine Rücksicht auf deren Alter genommen? Wahrscheinlich nicht, oder?

Und der Volkksturm muss doch ganz absurd gewesen sein: 14-jährige gemeinsam mit 60-jährigen gegen heranwalzende russische Panzer.

Danke im Voraus für Antworten,

Gruß Jasper.

Ist der Film ‚Die Brücke‘ eigentlich realistisch?
Hallo und Guten Tag,

Das wollte ich immer schon einmal wissen, und kann es hier gleich an die Frage princeparadox anschließen:

ist der berühmte Film „Die Brücke“
( http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Br%C3%BCcke_(1959) ) eigentlich realistisch? Dort wird es ja so dargestellt, als wären die Jungs voller Begeisterung von sich aus in den Krieg gezogen, nur, um im bereits verlorenen Krieg eine strategisch nutzlose Brücke ihres unbekannten Heimatdorfes zu verteidigen. Ich meine, natürlich sind die jungen Leute indoktriniert worden, aber man hat doch um 1945 schon einiges mitbekommen von Kriegsheimkehrern usw.

Danke im Voraus für Antworten,

Gruß Jasper.

Hallo Jasper,

ist der berühmte Film „Die Brücke“
( http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Br%C3%BCcke_(1959) )
eigentlich realistisch?

Du hast ja den Link auf den Wiki-artikel gleich mit drin.
Dort hast du dann ja auch gelesen, dass der Film auf einem autobiografischen Roman basiert.
Der mag nun nicht im Letzten stimmen, vom Grundtenor darf man es aber annehmen. Es gibt ja auch anderweitig Berichte, das HJ-Verbände besonders verbissen auftraten.
Jugendliche sind oft besonders begeisterungsfähig und wollen sich in ihrem erstrebten Erwachsensein beweisen.
Ich halte das also für durchaus realistisch.

Gruß
Werner

Und der Volkksturm muss doch ganz absurd gewesen sein:
14-jährige gemeinsam mit 60-jährigen gegen heranwalzende
russische Panzer.

Hallo Jasper
Ich glaube, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, daß es diesen Volkssturm überhaupt gegeben hat. So bekommst auch Du einen Auschnitt aus den Kriegserlebnissen meines Vaters:

Am 29. April reihte sich unsere Kolonne mit ihren Fahrzeugen in die lange Flüchtlingsschlange ein, die auf der B 109 parallel zur Küste in Richtung Anklam- Greifswald zog.
Langsam und immer wieder stockend erreichte unsere Batterie am Mittag Anklam und hielt in dem Dorf Ziethen, bereits jenseits der Peene. - Bis jetzt war mir der Ernst der Situation noch nicht so ganz klar geworden, aber bei einem Halt in Anklam sah ich ein Bild, was sich mir einprägte:
Aus dem Stadttor marschierte eine Kolonne von Jugendlichen, Jungen und Mädchen, in zusammengesuchten Uniformen, unter der Führung eines weißhaarigen Hauptmanns oder gar Majors, mit einem todtraurigem Lied auf den Lippen, an uns vorbei.- Eine bessere Illustration des „letzten Aufgebots“ konnte es nicht geben!
In Ziethen wurden wir neu formiert. Die beiden Geschütze mit Besatzung und einer Eskorte von ca. 20 Mann mit Karabinern zur Bedeckung wurden auf 2 Standorte am Stadtrand von Anklam aufgestellt. Auf der Fahrt dorthin begegneten wir den am Vormittag gesehenen „todesmutigen Jugendlichen“ wieder - auf Fahrrädern und zu Fuß suchten sie das Weite!

Andere hatten nicht das Glück, sich „im Gelände zu verpissen“, und mußten kämpfen, wo die regulären Truppen schon auf der Flucht waren.

Es war schon gegen Abend, als wir an einem kleinen Flüßchen aufgehalten wurden. Feldjäger kontrollierten den Flüchtlingsstrom und waren besonders auf Soldaten ohne Einheit scharf. Durch den Schein unseres Leutnants kamen wir durch, -daß er gefälscht war, fiel den Kontrolleuren zu unserem Glück nicht auf. Erst viel später sickerte durch, daß Lt. H., um seine Leute zu retten, dieses Papier mit falschen Stempeln und Unterschriften versehen hatte. Aber da wir bewaffnet waren -wir hatten ja noch Karabiner und Munition- mußten wir diese den an der Sperre postierten Volkssturmleuten überlassen. Das taten wir nur allzugern! - Wenige km hinter dem Flüßchen Recknitz, an dem wir diesen Aufenthalt hatten, endete die Reise für diesen Tag in einer Scheune, wo wir für die Nacht unterkamen. So endete der I. Mai.

Hoffe ich konnte Dir helfen
Chrischi

Hallo Jasper,

wieviel unter-18-jährige Soldaten, „Volksstürmler“ oder was
immer sind denn eigentlich gefallen?

da gibt es mW keine verläßlichen Statistiken. Beim Volkssturm insgesamt (also einschließlich Erwachsene) ist von 175.000 Toten die Rede. Als Luftwaffen- oder Marinehelfer wurden übrigens insgesamt etwa 200.000 Jugendliche eingesetzt.

Wurde von Seiten der Alliierten irgendeine Rücksicht auf deren
Alter genommen? Wahrscheinlich nicht, oder?

Auf Befehlsebene meines Wissens nicht. Sie waren zumindest durch Armbinde mit der Aufschrift „Deutscher Volkssturm - Wehrmacht“ als Kombattanten kenntlich gemacht und wurden entsprechend behandelt.

Standardlektüre zum Thema:

Ludger Tewes
Jugend im Krieg
von Luftwaffenhelfern und Soldaten 1939 - 1945
Bouvier 1989
ISBN 3416806425 Buch anschauen

Die rechtliche Grundlage für die Einziehung von Jugendlichen ab Vollendung des 15. Lebensjahres wurde von den Nazis in weiser Voraussicht übrigens schon zu Friedenszeiten gelegt - durch die Notdienstverordnung vom 15.10.1938. Diese ergänzte §1 Abs. 3 und § 6 des Wehrgesetzes vom 21.05.1935 (http://www.documentarchiv.de/ns/1935/wehrgesetz.html) - im Friedensfall galt die Wehrpflicht erst ab 18. Mit der Verordnung wurde auch § 8 Abs. 3 (Wehrdienst nach Ableistung Arbeitsdienst) durch Sonderbestimmung umgangen.

Gebrauch von dieser Rechtslage wurde dann ab 1943 (Erlass über den Kriegshilfseinsatz der Jugend bei der Luftwaffe vom 22.01.1943) gemacht. Der Rest wurde dann durch Dienstanweisungen geregelt - etwa, dass den Jugendlichen keine Alkohol- und Tabakrationen zustanden, sondern stattdessen Vitamindrops oder Süßigkeiten an sie ausgegeben werden sollten. Wie schrieb Conrad so schön: „dass nicht alles so finster war, wie heute behauptet“ …

Freundliche Grüße,
Ralf

Die Frage betrifft aber nicht die letzten Monate eines
verlierenden Krieges, sondern die normale Vorkriegszeit.

Wo bitteschön steht dann das in der Frage? Im Übrigen kannst Du in meiner anderen Antowrt von heute nachlesen, zu welchem Zeitpunkt die rechtlichen Bedingungen für den Kriegseinsatz von Jugendlichen geschaffen wurden - nämlich in der ach so ‚normalen Vorkriegszeit‘.

Gruß,
Ralf