Kinder und Beten

So, nun überwinde ich mich mal und stelle in diesem gewöhnungsbedürftigen Design eine Frage, die sinnvoll nur von Atheisten beantwortet werden kann:

Meine Kollegin vermittelt den Grundschulkindern unserer Klasse, dass man bei Sorgen, Ängsten zu Gott beten kann. Sie tut dies ausgesprochen vorsichtig und recht sachlich.

Für mich als Atheisten ist Beten ein selbstbetrügerisches Handeln, bei dem man sich vorgaukelt, „da oben“ wäre irgend jemand, der einen hören könnte. Allerdings kann ja dieser naive Glaube durchaus therapeutische Wirkung haben, indem sich Menschen selbst beruhigen.

Die Frage, die ich mir und euch stelle, ist: Wenn Kinder mich auf das Thema Beten ansprechen, soll ich ihnen sagen, dass ich so etwas für Unsinn halte, oder soll ich Kindern die Vorstellung lassen, dass ein lieber Gott sie beschützt, weil das vielleicht Sicherheit gibt?
Karl

Hallo,

ich würde das ganze Thema so rational wie möglich beschreiben: seit vielen Tausend Jahren glauben viele Menschen an höhere Wesen, die man weder sehen noch sonst irgendwie wahr nehmen kann. Viele Menschen brauchten diesen Glauben, um die Mühsal ihres Lebens an jemand anderes delegieren konnten, da sie keine Möglichkeit hatten, das zu ändern. Zudem diente vielen Menschen der Glauben dazu, etwas zu erklären, was sie nicht verstanden (z.B. woher Blitz und Donner oder Erdbeben kommen).

Und vielen dieser Menschen hilft der Glauben, mit ihren Sorgen und Wünschen klar zu kommen. Andere Menschen wiederum vertrauen auf sich selbst und ihre Mitmenschen und reden lieber mit denen, statt mit Wesen, die noch niemand wahr genommen hat.

Man könnte, je nach Alter, auch den Unterschied zwischen Glauben und Wissen darstellen.

Grüße
Pierre

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Hallo,
ich finde es schon hilfreich, denn so lernen Kinder, ihre Sorgen zu benennen!
Manche Gefühle können Kinder eben nur heimlich ausdrücken. Warum nicht Gott, der nichts ausplaudert? :wink:
Mao

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Hi,

Jeder Mensch muss im Laufe seines Lebens lernen, mit seinen Ängsten und Sorgen umzugehen. Ein kleines Kind hat dafür Mama, ein Erwachsener Freunde und sich selbst, eventuell einen Therapeuten. Der Weg vom kindlichen zum erwachsenen Umgang muss gelernt werden.
Manchmal hat man nur sich selbst, um mit einem Problem fertig zu werden, weil man es niemandem sagen kann. Was tut man mir Angst umd Sorge, die so bedrohlich sind, dass man sie nicht aussprechen kann?
Die Therapie zeigt einem den korrekten Umgang mit sogenannten Störgedanken („Ich bin zu dumm zu allem!“ Oder " Ich bin ein trampel!"): man sagt sich selbst, laut oder leise:„Stop! So will ich nicht denken.“ Und ersetzt die schlechten Gedanken durch positive: „Ich kann…“
Wenn man hingegen betet, bittet man Gott um hilfe:„gib mir die Kraft, netter zu sein, auch wenn ich selbst mich zu schwach fühle. Gib mir die Geduld, aufmerksamer das Geschirr einzuräumen, damit…“.
In der Therapie bekommt man den sicheren Ort gezeigt: ein Ort, der nur in der Fantasie des Patienten existiert, an dem er sich absolut sicher, geschützt umd unbeobachtet fühlt und an dem er absolute Kontrolle über Wetter, Besucher, Landschaft,
… hat. Nicht einmal der Therapeut weiss, wie es dort ist. Und der Patient stellt sich zB bei einer panikattacke vor, er wäre da und kann die Angst draussen lassen. Ein Gläubiger betet:„der Herr ist mein Hirte, mir wird es an nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue…“

Beides erfüllt den gleichen Zweck, kirchliches und therapeutisches. Und beides hat mit Dingen zu tun, die nur im Kopf existieren. Und beides führt im idealfall dazu, dass der mensch sein Gleichgewicht wiederfindet.

Die Franzi

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Da meine Tochter an einer katholischen Grundschule ist, haben wir hier ein sehr ähnliches Problem vorliegen (die Grundschule ist 50 m von unserer Haustür entfernt und alle ihre Freunde sind da, deswegen haben wir sie nicht woanders hingeschickt).

Wir halten es so, dass wir klar kommunizieren, dass es Menschen gibt, die an Götter glauben und das es weltweit ganz verschiedene Gott-Vorstellungen gibt. Wir kommunizieren auch sehr deutlich, dass wir (meine Frau und ich) nicht an Götter glauben, dass es unseren Kindern aber freisteht zu glauben woran sie wollen. Wobei ich hin und wieder schon mit ihnen über Rationalität und den Zustand der Welt (der eine Existenz Gottes effektiv nicht zulässt) spreche. Ich versuche also sehr klar, zu vermitteln, dass Beten und dergleichen nichts bringt.

Für den Umgang mit Sorgen und Nöten haben wir Sorgenfresser und Tagebücher empfohlen.

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Moin,

hmm… Unsinn halte ich für übertrieben - wir haben in unserem Umfeld doch sehr viele Konfrontationen mit Gotteshäusern und Religionen. Weihanchten/Ostern, Ramadan, Hochzeiten, Firmung…
Wie würdest das dann alles erklären wollen? Alles Idioten? Ein Geisterfahrer…?

Bei meinen beiden habe ich das offen gelassen, aber keinen Hehl daraus gemacht, dass ich viele Religionen zwar akzeptiere aber nicht an dessen Procedere teilnehme.

Wie der Osterhase: es ist schön zu sehen, wie sie sich in der Phantasie sich das alles ausmalen - das Wissen kann dann später kommen.

Warum zerstören? Was hat das für Vorteile?

LG
Ce

Hi Karl,

ich würde dir empfehlen, es den Kindern recht offen zu halten, ob sie an Gott glauben möchten oder nicht. Erkläre ihnen, dass es je nachdem, wo man herkommt, verschiedene Glaubensrichtungen und damit verschiedene Gottesgesichter gibt, an die manche Menschen glauben. In dem Zusammenhang kann man Kindern denke ich Toleranz im Allgemeinen anerziehen.
Zum Thema Beten kannst du ja sagen, dass das manchen Menschen hilft, Zuflucht zu finden oder ihren Ballast loszuwerden, dass du selbst es aber nicht praktizierst.
Wenn sie älter werden, werden sie sich sowieso ihr eigenes Bild machen, daher rate ich dir von jedem „Extrem“ (Gott regelt alles vs. Gott gibt es nicht) ab.

VG

Hi,

dass es Krieg und elend und not gibt und Mord und Totschlag, lässt sich sehr wohl mit der Existenz eines Gottes vereinbaren, auch mit der des christlichen Gottes. (Ich bin übrigens konfessionslos, so aufgewachsen, aber niemand hat mir beigebracht, Religionen oder gläubige Menschen zu hassen oder zu verachten). Wenn der christliche Gott existiert und immer gleich eingreifen sollte, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft - wozu braucht es das Jüngste Gericht, und warum hat er Seinen Sohn auf die Erde geschickt, damit er für die Sünden der Menschen stirbt, auf dass ihnen vergeben werde?
Der Buddhismus hat gleich mehrere Götter, und er erklärt das Problem mit der Fehlbarkeit des Menschen karmisch: wer Fehler macht, wird im nächsten Leben auf einer niederen Stufe wiedergeboren und muss sich durch korrektes Verhaalten wieder „hocharbeiten“. Die niederste Stufe der Wiedergeburt ist übrigens der Mensch.
und ob Beten was hilft oder nicht, dazu habe ich mich oben schon geäußert.

die Franzi

Das war nicht der Kern meines Arguments. Das Problem ist, dass ein Gott um gegen die Naturgesetze verstoßen zu können, diese verändern müsste - die hätte prinzipiell katastrophale Auswirkungen. Unser Universum ist ein unendlich komplexes System aus Wechselwirkungen und göttliches Handeln funktioniert darin schlicht nicht.

Davon mal ganz abgesehen: Vielleicht ist irgendwie vorstellbar, dass der Gott der Bibel all das Elend und das Leid in der Welt bewusst zulässt. Aber dann ist er halt weder ein liebevoller, noch ein fürsorglicher noch ein besonder netter Gott. Wie das Känguru so schön sagte: Die Welt ist viel verständlicher, wenn man davon ausgeht, dass Gott einfach ein Arschloch ist.

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Naja, man muss sich ja wirklich nicht so ein maximal-naives „da oben“ (der liebe Gott mit Rauschebart und Weltkugel in der Hand) vorstellen.
Allein schon ein „da drinnen“ (das Göttliche in sich selbst) lässt das Beten schon weit weniger ‚selbstbetrügerisch‘ wirken. Oder ein „da alles“ usw.

Natürlich kannst du offen sagen, dass du selbst nicht gläubig bist und nicht betest.
Aber wie bei allen anderen Themen wirst du dich eh nicht für das Maß aller Dinge nehmen, so dass dein Atheismus und die verschiedenen Vorstellungen der Kinder ganz leicht nebeneinander bestehen können.
Ich sehe keinerlei Nutzen, Kindern als Lehrer irgendwelche weltbildhaften Vorstellungen aus- oder einzureden.
Ihre Vorstellungen als „Unsinn“ zu betiteln, wäre für mein Empfinden jedenfalls ganz grob unprofessionell.

Gruß
F.

Rede mit der Lehrerin und nicht mit den Kindern.

Wieso? Kinder dürfen doch erfahren, dass manch einer mehr, andere weniger und wieder andere gar nicht an die Existenz eines höheren Wesens glauben. Ob es ein Gott, eine Göttin, oder das Spaghettimonster ist, ist erst einmal egal.

Auch wenn ich nicht daran glaube, warum soll jemand anderes es mir gleich tun? Und früher oder später kommt die Frage eh auf. Sei es weil es Kirchen gibt, sei es weil irgendwo ein Kreuz hängt. Lass die Kinder doch ihr eigenes Urteil fällen auch wenn sie es vllt später revidieren.

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Hi,

genau das ist es, was die verschiedenen Religionen auf verschiedene Weise tun - die Existenz Gottes mit den Naturgesetzen in Einklang bringen. Dass man geheilt wurde oder einen Unfall überlebt hat, obwohl das medizinisch oder durch logik nicht zu erklären ist, läßt sich etwas leichter auf Gott schieben als aus „Das ist eben so.“ Ob ich nun an Gott glaube oder nicht - ich muss es irgendwie verpacken, dass ich als einer der wenigen lebend aus dem World Trade Center raus bin, dass ich für einen der flüge, die in die Türme oder das Pentagon geflogen sind, gebucht war, und dann den Flieger verpasst habe/aus irgendeinem Grund umgebucht habe; warum haben manche Auschwitz überlebt und so viele nicht? Das Kind einer Mutter, die vor ihr eine Fehlgeburt hat, wird sich irgendwann fragen: wäre ich am leben, wenn meine Mutter vor mir keine Fehlgeburt hatte? Usw usf.
Wir alle wünschen uns, dass Unglück und Krankheit und Sorge fernbleiben, und jeder tut auf seine Weise sein Bestes. Verhindern können wir es nicht, und auch, wen wir an Gott glauben, können wir nur wünschen.

die Franzi

Sehr aufgeschlossen, so eine Frage zu stellen!

Mein Hintergrund: ich bin Atheist, meine Lebensgefährtin moderne Christin und Erzieherin in einer staatlichen KiTa und mein Neffe besucht die Grundschule.

Meine Meinung: Wenn die Kinder dich auf das Thema beten ansprechen sag ihnen sie sollen ihrem Gefühl folgen. Wenn sie sich mit dem Beten besser fühlen können sie es machen, wenn nicht sollen sie es lassen und sich an eine andere Instanz wie Eltern, Lehrer oder eine Sorgenpuppe mit ihren Problemen oder Wünschen wenden.

Im Grundschulalter sind sie noch so von außen und magischem denken geprägt, dass sie mit philosophischen oder theologischen Erklärungen eh nichts anfangen können. Bring ihnen lieber kritisches denken näher, damit sie später die mentalen Fähigkeiten haben um selbst zu entscheiden ob bzw welche Religion sie für sich in welchem Maß gut finden.
Der Aussage, dass Religion Unsinn ist stimme ich verkürzt gesagt zwar zu, und ein Erwachsener muss so eine Aussage als freie Meinungsäußerung auch hinnehmen, aber als Erwachsener und vor allem als Lehrer solltest du dich Schülern gegenüber nicht so unprofessionell ausdrücken. Erklär ihnen lieber warum es nichts für dich ist - weil du nicht das Gefühl hast, dir „hört jemand zu“ oder was auch immer es eben ist.

Btw. Beten ist nicht nur Selbstbetrug oder Placebo - Ziele und Wünsche aus der schwammigkeit heraus holen indem man sie als Ansprache konkret formuliert klärt Unsicherheiten oft ein Stück weit und hilft so sein Leben zu verbessern. Ich benutze dafür aber lieber ein Tagebuch.

Ich hoffe es hilft ein bisschen. Viel Erfolg!

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Nun beten, mal von religiöser Folklore völlig befreit, ist ein Selbstgespräch, also ein Gespräch unseres präzisen, analytischen = zerteilenden und die Sicht einengenden Bewusstseins mit unserem Unbewussten das im inneren Dialog eher die Synthese von allem vertritt. Alles hat mit allem zu tun und alles ist mit allem verbunden. Selbst als Analytiker können wir diesen ubiquitären Zusammenhang kaum leugnen. Man kann sogar dieses auch die individuellen Grenzen überwindende Unterbewusstsein als Gott definieren, wenn man diesem Unterbewusstsein die Fähigkeit einer ständigen Rekombination alter und neu hinzugekommener Fakten in -durchaus nicht nur- logischer Weise zuspricht, wofür es durchaus Argumente gibt. Interessant in diesem Zusammenhang sind die von Rupert Sheldrake definierten sogenannten „morphogenetischen Felder“, die er aus seiner Erforschung tierischer Lernstrategien postuliert. Dass Gott ein alter Mann mit weißem Rauschebart ist, entspricht wohl eher der Vergöttlichung irdischer römischer und später mittelalterlicher Kaiser. Hier würde eine Sammlung komplexer und miteinander verwobener morphogenetischer Felder als stringentere Definition herhalten können. Jedenfalls scheint es eine Art speziesabhängigen aber ohne direkten Kontakt funktionierenden Lernprozess zu geben. Um diese Beobachtung zu erklären, postulierte Sheldrake diese Felder. Sein Paradebeispiel: Eine Singvogelart in England lernte, die mit Alufolie verschlossenen Milchflaschen, die die Milchverkäufer ihren Kunden vor die Tür stellten aufzupicken und sich so einen guten Schluck dieses nahrhaften Trankes zu genehmigen. Die selbe Vogelart hat im östlichen Sibirien eine von der westeuropäischen völlig getrennte Population. Diese Population lernte das aufpicken von Milchflaschen viel schneller und einfacher, als die ursprüngliche „Erfinderpopulation“. Nun was hat das alles mit beten zu tun? Ein Zwiegespräch zwischen den bewussten und den unbewussten Anteilen unseres Wesens dürfte, wenn erfolgreich, ein wahrer Segen für das aus dem Zwiespalt gerettete Individuum sein.

Ich finde hoch erstaunlich, was hier in den Vorgang „Beten“ rein interpretiert wird. Letztendlich ist es ja nur die bewusst geäußete Bitte an was oder wen auch immer, das betende Individuum zu entlasten, zu beschützen, ihm zu helfen. Oder um sich für etwas zu bedanken, für den es keinen Absender gibt.
Für mich hat die Frage mit Atheismus Null zu tun.
Ob ich nun bete (an wen und für was auch immer) oder Bäume umarme oder daran glaube, dass Ingwertee meinen Speck abschmelzt, ist doch wurscht. Wichtig scheint mir nur zu sein, dass es einen friedlichen und freundlichen Orientierungspunkt gibt.
LG
Amokoma1