Kinder von psychisch kranken

Hallo,

wann, genauer gesagt ab welchem Alter, kann man einem Kind erklären, welche Abstufungen psychischer Erkrankungen es gibt?

Zur Erklärung: Eine direkte Bezugsperson meines Sohnes (8) hat Borderline.
Soll ich überhaupt etwas erklären? Ist die Erklärung der Erkrankten ausreichend, wenn die frischen Narben angeblich von einem Fahrradunfall stammen?

Ratlose Grüße
Chrisma

Hallo,

Hallo,

Ich persönlich glaube, dass die Kinder in diesem Alter nicht unbedingt alles über die psychischen Erkrankungen wissen müssen. Sie würden mit diesem Wissen überfordert. Mit 8 Jahren können sie einfach nicht einmal wissen, dass es so was wie eine Psyche gibt, die dann noch krank sein kann.

Ist jemand aus der Umgebung psychisch krank, könnte man einfach sagen: „Er/sie fühlt sich nicht gut“. In der Regel fragen die Kinder auch nicht groß nach. Sollten sie es aber, könnte man sagen „Er/sie hat schlecht geschlafen/hat Kopfschmerzen“ usw.

Soll ich überhaupt etwas erklären? Ist die Erklärung der
Erkrankten ausreichend, wenn die frischen Narben angeblich von
einem Fahrradunfall stammen?

Ja, ich glaube die Erklärung würde vorerst ausreichen.
Mit ca. 13-14 Jahren wird das Kind schon selbst auf die Idee kommen, dass da was nicht stimmt. Erst dann sollte man ihm alles etwas genauer erklären, aber auch ohne tiefe wissenschaftliche Einschntte. Denn es geht einem Kind vor allem darum, dass die betreffende Person doch noch bei ihm ist, es liebt/mag und sonst noch „in Ordnung“ ist.

Jaro

Hallo es bringt nichts, das Kind anzulügen, es wird es herausfinden, denn soviele Unfälle kann man nicht haben, erst recht nicht an immer denselben Stellen. Je nachdem wie eng die Beziehung mit der „Direkten BEzugsperson“ ist, wird das Kind herausfinden, das da was nicht stimmt. Da es aber auch merkt belogen zu werden, wird es seine eigenen Verdachte nicht aussprechen und sich dann weiß Gott was ausmalen, da es eben nicht versteht, das es eine Krankheit ist.
Ich habe im Bekanntenkreis eine Familie mit Borderliner und erst seit das Kind wusste dass es eine Krankheit ist und insbes. auch dass etwas dagegen getan wird, hatte es die Chance selbst ein angstfreieres und zeitweise glückliches Leben zu führen. Zuvor hat es angenommen, dass der Vater entweder von der Mutter oder von Arbeitskollegen oder irgendwo von einer Gang etc. verletzt würde…verbunden mit der Angst, Hänseleien aus der Schule hören NIE auf, vorzugsweise wenn es selbst grad Schulprobleme hatte. Wenn da alles super lief und es eigentlich glücklich sein konnte, kam die Gewissheit eigentlich in einer extrem zerrütteten Familie (häusliche Gewalt) zu leben wo nur der Schein nach aussen gewahrt wird. so sehr, dass man selbst nicht einmal weiß, wie man der eigenen Familie helfen kann. Nicht zuletzt fühlen sich Kinder für Familienprobleme mitverantwortlich. Auch das Papa ab und an mal für Wochen „ins Hotel“ zog hat doch eher für die Vermutung Familienprobleme gesorgt. Als sich alles als extrem aufgeblasene Luftblase herausstellte, war es für das Kind auch nicht doll, als sie zerpatzte, also nicht nur erleichternd.
Allerdings entwickelte das Kind nach dem erklärenden Gespräch auch ein übersteigertes Verantwortungsgefühl. Der Vater durfte nicht einmal mehr beim Kartoffelschälen helfen und irgendwann verschwanden auch seine Utensilien zum Nassrasieren. Also der Gesprächsbedarf hört nicht auf, immer wieder sollte man sich zusammensetzen und die Familiensituation besprechen. Dabei sollten alle zu Wort kommen, also die Ängste des Kindes sollten ernstgenommen werden, aber es sollte ihm auch deutlich gemacht werden, welches Verhalten übertrieben ist.
Also ich denke mit 8 Jahren ist das Kind alt genug zu verstehen, dass manche Menscen eben einen Knacks haben, oft ja auch weil sie schlimmes durchgemacht haben. Auch dass das SVV ein Symptom der Krankheit ist, ist verständlich, das wieso (Druckablassen durch Schmerz) ist auch für einen Erwachsenen nur schwer verständlich. Daher sag es deinem Kind ruhig, dass du es selbst nicht verstehst, aber es eben zur Krankheit dazugehört. Das Verhalten ist eben „verrückt“ im besten Sinn des Wortes, anders als normal.
Wichtig ist auch zu erklären dass und was dagegen gemacht wird und dass trotzdem nur kleine Fortschrtte zu erwarten sind. Und dass das Kind nichts machen kann um es zu verbessern, aber auch nichts um es zu verschlechtern. Ganz natürlich neigt man dazu Rücksicht zu nehmen, aber das sollte man ruhig lassen, der Borderliner nimmt auch keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten seiner Familie. Also was solls (ist ein gutes Thema für eine Familienkonferenz)
Und man sollte sich eine Strategie für „nach aussen“ überlegen, je nach Situation. Also dem Kind kleine Notlügen an die Hand geben, falls mal ein Schulkamerad was mitbekommt, bei Klinikaufenthalt (wo ist denn…?), etc.
Also setzt euch zusammen, erklärt so gut es geht, signalisiert dass ihr Fragen nicht aus dem Weg geht, aber dass eben vieles noch nicht erklärt werden kann (zB. da sich das WARUM erst im Verlauf der Therapie herausstellen wird), macht deutlich dass eben nicht nur das SVV typisch ist, sondern auch gewisse Beziehungsprobleme, bzw. Probleme damit seine Gefühle zu zeigen bzw. überhaupt eine gewisse Gefühlsverwirrung dazugehört. Es gibt da einen buchtitel der das gut beschreibt „Ich hasse dich, verlass mich nicht“
Pass auf dass dieses Verhalten (klammern und zugleich Stacheln zeigen)nicht auf das Kind abfärbt, vorzugsweise indem du es auch dem Borderliner nicht durchgehen lässt.
Hab ein Auge auf das Kind und sobald es abweichendes Verhalten (Krankspielen, Schuleschwänzen etc.) zeigt, holt euch professionelle Hilfe. Und nehmt Kontakt mit Selbsthilfegruppen für Angehörige auf. Mancherorts gibt es auch extra welche für kinder von psychisch Kranken.
Gruß Susanne

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Hi,

Hallo es bringt nichts, das Kind anzulügen,

Ich möchte deinem Artikel in jeder Hinsicht beipflichten.
Kinder bekommen mehr mit als man denkt und wenn man ihnen nicht die Informationen gibt, denken sie sich selbst Erklärungen aus, die meist wesentlich verwirrender und beängstigender sind, als kindgerechte Erklärungen.

Gruß
Elke

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Hallo,

sicher sollten Kinder in dem Altern nicht mit wissenschaftlichen Informationen überfordert werden… jedoch… wenn ein Kind unter der Erkrankung einer erwachsenen Bezugsperson leidet, kann man wohl nicht allein damit kommen, derjenige habe Kopfschmerzen oder ähnlich harmlose Erklärungen. Ein einigermaßen „wachsames“ Kind würde solche Erklärungen ohnehin (bald) als nicht zutreffend durchschauen. Dann wird es ich vielleicht auch noch damit herumschlagen müssen, wieso man nicht sagt, was ist oder es wird denken, dass es eine ganz falsche Wahrnehmung von den Dingen hat, eben verunsichert werden.

Warum sollte es außerdem erst mit 13/14 selbst auf die Idee kommen müssen? Muss es erst von sich aus anfangen, Bücher zu lesen oder im Internet zu surfen, um herauszufinden, welche Krankheitsbilder es gibt und was da passen würde? Wenn es das macht, ist schon Vieles gelaufen.

Einem Kind geht es darum, dass es geliebt und geschützt wird, ja… aber das bedeutet doch nicht zwangsläufig, dass es sich von der erkrankten Person auch geliebt und geschützt fühlt, oder?
Darum sollten andere erwachsene Bezugspersonen mit dem Kind das offene Gespräch suchen, sich mit dem Kind austauschen über seine Wahrnehmung und ihm behutsam erklären, was vor sich geht.
Ich glaube, dass es dann, wenn es 13/ 14 ist, dafür sicher erleichert und vielleicht auch dankbar sein wird, dass es Erwachsene gab, die es ernst genommen und ihm geholfen haben, die Zusammenhänge besser zu verstehen.
Gruß - Iceage

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Kindgerecht
Hallo Susanne,

meiner Meinung nach muss man nicht alles an Kinder heranlassen, denn das überfordert sie unter Umständen.

Ich frage mich gerade, wie ein 8-jähriges Kind das irrationale Verhalten psychischer Erkrankungen nachvollziehen und vor allem akzeptieren kann. Ich finde auch, einem Kind nicht alles zu sagen bedeutet nicht, es anzulügen.

Wie Du selber sagst, wird bei einem Kind u.U. problemorientiertes Lösungsverhalten gezeigt werden. Es will helfen, wahrscheinlich mit der Erwartung, das Problem lässt sich lösen.

So gerne ich zustimmen möchte, dass man sich auch früh im Leben mit dem Lernen der Lektion „Überwinden von Enttäuschungen“ befassen soll, so ist die Hürde in einem derart gestrickten Fall ungleich höher. Das Kind hat wahrscheinlich auf Grund der Krankheit sowieso schon persönliche Defizite aufzuarbeiten, zusätzlich soll man ihm noch eine unlösbare Aufgabe stellen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ein 8-jähriges Kind schon etwas über Selbstverletzendes Verhalten lernen sollte. Der Focus sollte meiner Meinung definitiv darauf liegen, die existenten eigenen Defizite aufzufangen (ggf. gestörtes Bindungsverhalten).

Das Kind wird sich eventuell schon von alleine zurückziehen und sich ohnmächtig fühlen. Ihm jetzt auch noch im Gespräch anzubieten, den Focus von ihm wegzulenken hin zu den Problemen des betroffenen Elternteils heißt ihm eigene Verdrängungsmechanismen zu stärken.

Eine Auseinandersetzung mit den Problemen des Kindes, nicht der Eltern, ggf. mit therapeutischer Hilfe, scheint sinnvoll. Das Kind will wahrscheinlich nicht wissen, was selbstverletzendes Verhalten oder eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist. Es möchte wahrscheinlich vielmehr wissen, dass das ganze nichts mit ihm zu tun hat. Dass die Reaktionen seiner Umwelt auf es selbst nicht bei ihm Ursächlich zu vermuten sind, wie vielleicht seine eigenen Befürchtungen sein könnten.

Eine neue „Form der Offenheit“ dahingehend, bereits früh keine „Tabuthemen“ zu kennen scheint mir verfehlt. Eine wirkliche Offenheit (welche sich eventuell auf emotionaler Ebene abspielt) könnte darunter in Mitleidenschaft gezogen werden.

Natürlich ist es auch für einen Erwachsenen einfacher, einem Kind ein komplexes Störungsbild auseinander zu setzen (da begegnen sich beide auf ungleichen Ebenen). Dem Kind aber auf der eigenen Ebene zu begegnen, um ihm seine emotionale Angst zu nehmen ist ungleich schwerer. Aber das ist es, was ich letztlich in diesem Fall empfehlen würde.

Das Bild des Kindes als „kleiner Erwachsener“ stammt aus dem Mittelalter. Da die Bildung wichtiger neuronaler Strukturen innerhalb des ZNS erst mit 10 Jahren abgeschlossen ist (deren anschließende Etablierung einmal ausgenommen), scheint dieses Bild überholt. Warum es zu einer Renessance kommen lassen?

LG
Patrick

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