Kindgerecht
Hallo Susanne,
meiner Meinung nach muss man nicht alles an Kinder heranlassen, denn das überfordert sie unter Umständen.
Ich frage mich gerade, wie ein 8-jähriges Kind das irrationale Verhalten psychischer Erkrankungen nachvollziehen und vor allem akzeptieren kann. Ich finde auch, einem Kind nicht alles zu sagen bedeutet nicht, es anzulügen.
Wie Du selber sagst, wird bei einem Kind u.U. problemorientiertes Lösungsverhalten gezeigt werden. Es will helfen, wahrscheinlich mit der Erwartung, das Problem lässt sich lösen.
So gerne ich zustimmen möchte, dass man sich auch früh im Leben mit dem Lernen der Lektion „Überwinden von Enttäuschungen“ befassen soll, so ist die Hürde in einem derart gestrickten Fall ungleich höher. Das Kind hat wahrscheinlich auf Grund der Krankheit sowieso schon persönliche Defizite aufzuarbeiten, zusätzlich soll man ihm noch eine unlösbare Aufgabe stellen?
Ich bin mir nicht sicher, ob ein 8-jähriges Kind schon etwas über Selbstverletzendes Verhalten lernen sollte. Der Focus sollte meiner Meinung definitiv darauf liegen, die existenten eigenen Defizite aufzufangen (ggf. gestörtes Bindungsverhalten).
Das Kind wird sich eventuell schon von alleine zurückziehen und sich ohnmächtig fühlen. Ihm jetzt auch noch im Gespräch anzubieten, den Focus von ihm wegzulenken hin zu den Problemen des betroffenen Elternteils heißt ihm eigene Verdrängungsmechanismen zu stärken.
Eine Auseinandersetzung mit den Problemen des Kindes, nicht der Eltern, ggf. mit therapeutischer Hilfe, scheint sinnvoll. Das Kind will wahrscheinlich nicht wissen, was selbstverletzendes Verhalten oder eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist. Es möchte wahrscheinlich vielmehr wissen, dass das ganze nichts mit ihm zu tun hat. Dass die Reaktionen seiner Umwelt auf es selbst nicht bei ihm Ursächlich zu vermuten sind, wie vielleicht seine eigenen Befürchtungen sein könnten.
Eine neue „Form der Offenheit“ dahingehend, bereits früh keine „Tabuthemen“ zu kennen scheint mir verfehlt. Eine wirkliche Offenheit (welche sich eventuell auf emotionaler Ebene abspielt) könnte darunter in Mitleidenschaft gezogen werden.
Natürlich ist es auch für einen Erwachsenen einfacher, einem Kind ein komplexes Störungsbild auseinander zu setzen (da begegnen sich beide auf ungleichen Ebenen). Dem Kind aber auf der eigenen Ebene zu begegnen, um ihm seine emotionale Angst zu nehmen ist ungleich schwerer. Aber das ist es, was ich letztlich in diesem Fall empfehlen würde.
Das Bild des Kindes als „kleiner Erwachsener“ stammt aus dem Mittelalter. Da die Bildung wichtiger neuronaler Strukturen innerhalb des ZNS erst mit 10 Jahren abgeschlossen ist (deren anschließende Etablierung einmal ausgenommen), scheint dieses Bild überholt. Warum es zu einer Renessance kommen lassen?
LG
Patrick