Hallo Leandra,
ich habe soeben ein paar der Antworten auf deine Ausführungen gelesen und bin ziemlich erschrocken über die Selbstverständlichkeit, mit der Schläge gegenüber Kindern als üblich angesehen werden.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht schon im Grundgesetz. Das klingt aufs Erste ziemlich hochgestochen, ist´s aber bei genauer Betrachtung nicht: Schwächere sollen in ihrer Würde gegen Übergriffe des Staates oder von Stärkeren geschützt werden. Interessant ist, dass z.B. das Leben oder die körperliche Unversehrtheit nicht diesen absoluten Schutz genießen. Einen Verbrecher, der andere Menschenleben bedroht, darf die Polizei zB erschießen, um Gefahr für Leib u Leben abzuwenden. Wenn das Erschießen aber die Würde des Verbrechers durch das Erschießen verletzt würde( würde, würde, Würde …
), dürfte er nicht erschossen werden.
Das ist zwar wieder ein bisschen weit hergeholt, macht aber anschaulich, was Würde bedeutet.
Schläge mit einem Schuh würden, wenn sie gegen einen Dritten/Fremden ausgeübt würden, den Tatbestand der (gefährlichen) Körperverletzung erfüllen.
Wir reden ja nicht vom Ausrutscher/Klaps, der zwar auch zu missbilligen ist, aber wohl jeden Eltern im Zustand hilfloser Schwäche schon passiert ist (mir bisher glücklicherweise noch nicht).
am WE war der geburtstag meines Vaters. Dort war auch meine
Tante mit ihrem neuen Lebensgefährten und dessen 5-jähriger
Enkelin.
Die Kleine lebt in etwas schwierigen Verhältnissen. Die
Tochter des LG meiner Tante hat sie mit 17 bekommen. Die
Familie lebt von der Sozialhilfe. Der Vater hat ein
Alkoholproblem. Sie ist sehr oft bei den Großeltern, denen es
ganz gut so auch dieses WE, weil die Eltern umzogen.
Ich dachte immer es ist eigentlich sehr nett von ihnen, das
sie das Kind, daß ja nun mal in schwierigen Verhältnissen groß
wird unterstützen. Seit letztem WE bin ich anderer Meinung.
Die Kleine wird dressiert wie ein Hund, sobald sie
widerspricht wird ihr ein „Arschvoll“ angedroht, dauernd wird
ihr gesagt „Kinderwille“ ist Dreck wert usw.
Prima, das ist´s, was wir unseren Kindern vermitteln wollen: Andere/lästige Meinungen von Schwächeren werden ignoriert und/oder mit körperlicher Gewalt geahndet, das Ganze gespickt mit ein bisschen Gossen-Vokabular, da kann man gratulieren.
Meine Eltern meinten als sie bei meiner Tante zu Besuch waren,
hat sie einen Hintern voll (nicht nur einen Klaps, sondern
richtig mit dem Latschen) bekommen, weil sie nicht ins bett
wollte. Ihre Eltern standen daneben und fanden es in Ordnung,
daß der Großvater ihr den Hintern versohlt.
Es wird noch besser: Die, auf deren Schutz ein Kind hofft, lassen es im Stich. Noch ein Meilenstein auf dem Weg ins Erwachsenenleben.
die Eltern sind vielleicht mit dem Kind überfordert. Die
Mutter war 17 als das kind gebohren ist!
Ich denke daß sie eine tracht Prügel ab und zu ganz normal
finden ,da sie selber so aufgewachsen sind. Die Mutter
(Tochter des Großvaters) macht noch heute einen sehr
eingeschüchterten Eindruck. Ich habe den Eindruck die Mutter
ist dankbar, daß die Großeltern dem Kind ein paar Dinge bieten
kann, die sie ihr nicht bieten kann.
Die kleine ist trot allem gerne bei den Großeltern. Sie wächst
in einer eher armen Umgebung auf bei Eltern , die von der
Sozialhilfe leben und ihr deshalb materiell nicht viel bieten
können.
Von den großeltern bekommt sie Spielzeug, Süßigkeiten etc. Sie
fahren mit ihr mal ins Erlebnisbad, in den Zoo und anderes.
welchem Kind gefällt da nicht?
Aber was passiert wenn sie mal richtig was anstellt, wird sie
dann krankenhausreif geprügelt?
Auch meine Eltern finden das nicht in Ordnung, sind aber der
Meinung, es ginge sie nichts an.
Mir geht das ganze allerdings nicht mehr aus dem Kopf.
Kann man da was tun, muß man da was tun?
Ich habe gestern erstmal beim Kinderschutzbund angerufen, um
mit Fachleuten die genaue Vorgehenswiese zu klären.
Die meinten daß ich oder meine Eltern ertsmal mit meiner Tante
und ihrem LG reden sollten, um ihnen sozusagen die
Konsequenzen ihres Handelns klarzumachen.
Den möglichen Gang zum Jugendamt sollen wir offen ansprechen
und dann auch wahr machen, wenn die Gespräche nichts nützen.
Nur ist das alles nicht so einfach.
Das Problem ist ich wohne vom Ort des Geschehens 200km weg und
sehe meine Tante (Cousine meiner Mutter) vielleicht 3mal im
Jahr.
Natürlich ist es ein Problem, auf die Distanz zu helfen: Das Sinnvollste wäre, sich selbst ab und zu um die Kleine zu kümmern, das geht über diese Distanz aber nicht. Wenn du dich aus der Ferne einschaltest, indem du das Ganze kommentierst, wirst du sicherlich Gegenwind erfahren im Sinn von: Kümmere dich um deinen Kram, krieg erst mal selbst Kinder (wie du das ja geschildert hast), außerdem besteht ja die Gefahr, dass du INfos über Treffen Opa-Enkelin dann nur noch gefiltert erhältst.
Meine Eltern werden nichts unternehmen. Sie finden das ganze
zwar nicht in Ordnung und würden ein Kind nicht so behandlen,
aber als so dramatisch sehen sie es auch nicht an. Sie meinen
ich reagiere über.
Sie würden deshalb nie zum Jugendamt oder so gehen.
Also wenn ich was unternehemn will bin ich in dieser Hinsicht
Einzelkämpferin.
Ich habe am Samstag abend versuchtdie Sache anzusprechen, weil
ich fast einen Ausraster bei der Art wie der Opa sie behandelt
hat bekommen habe. Darauf bekam ich nur zu höhren, ich solle
erstmal selber Kinder haben, bevor ich mitreden darf.
Du hast deine eigene Kindheit als Erfahrung und du hast das Recht auf deiner Seite. Ich bin weder Psychologe noch Erzieher, nur erziehender Vater, aber ich finde es gut, dass du dich einmischst, so dezent wie das im Übrigen geschieht.
Spannend ist aber allemal, dass du wohl mehrere Anzeigen von Tierschützern am Hals hast, wenn du deinen Hund zu stark an der Leine ziehst; wenn du dein Kind in der Öffentlichkeit grün und blau prügelst, wird sich kaum jemand einmischen.
Das Argument, dass die älteren Generationen das eben nicht anders gelernt hätten, geht - höflich formuliert - wohl an deiner Frage vorbei. Denn die Frage, wie viele Personen es gewohnt sind, anderer Würde zu verletzen, macht diese Verletzung noch nicht zu etwas Positivem.
Weil wir alle mal schwach sind, jeder auf seine Weise, will ich niemanden vorschnell verurteilen, der - in erzieherischer Hilflosigkeit - mal einen Klaps austeilt. Dieses aber auch noch methodisch zu machen und gut zu heißen als richtig und „schon immer funktioniert“, das ist dumm.
Es hilft der Kleinen sicherlich auch nicht viel, dass es viele Kinder gibt, denen es sicherlich viel schlechter geht. Dann dürfte man aber keinem helfen. Denn es wird immer einen geben, der unserer Hilfe vielleicht noch mehr bedürfte.
Deshalb:Greife da ein, wo du helfen kannst. Hilf, so gut du kannst. Misch dich ein.
Das ist auch eine positive Erfahrung für ein Kind: Es gibt Menschen, die helfen wollen, auch wenn das nicht immer optimal funktionert, es gibt Menschen, die ohne Gegenleistung sich für Schwächere einsetzen, es gibt Menschen, die Courage genug haben, sich einzumischen, auch wenn sie sich dadurch unbeliebt machen können, und dass man auch mal schwach sein darf, ohne gleich eine drüber zu kriegen.
Das ist´s jedenfalls, was ich meiner Tochter - unter anderem - vermitteln will.
Bleibe stark, bleibe schwach, bleibe Mensch, viel Glück, beste Grüße, Jan