Kindheits-Ich

Ich habe es mit Kunst zu tun und gerate immer wieder in die Falle, meine Arbeit durch ein stark ausgeprägtes kritisches Eltern-Ich zu kontrollieren. Das ist eine Katastrophe, denn alles, was dabei herauskommt, taugt nichts. Gibt es Methoden, das, was ich „mit der Selbstvergessenheit eines Kindes“ nenne, zu „üben“? Nur dieses selbstvergessene Tun bringt wirklich gute Ergebnisse. Ich erfahre das immer wieder (sehr glücklich) - doch dann stürze ich wieder in die nächste kontrollbedingte Krise…
Danke für Antworten
Anja Adler

Hallo Anja,

viele kreativ arbeitende Menschen kennen wohl Dein Problem. Der Wunsch frei wie ein Kind „selbstvergessen“ zu agieren. Die Schwierigkeit besteht wohl darin, dass wir im sonstigen täglichen Leben als durchaus kritische, aber natürlich auch fürsorgliche Eltern agieren sollten. Ich habe immer Menschen bewundert, denen es für eine Zeit gelingt in die Rolle des freien Kindes zu schlüpfen. Mir gelingt es nur bedingt, aber ich habe einen Trost:

Kein Ich- Zustand ist an sich nur positiv oder negativ:

kritisches EL-Ich: Kontrolle kann positiv sein, weil sie Sicherheit bringt, Kontrolle kann negativ sein, weil sie einschränkt.

freies Kind: Ein Kind ist z.B. auch frei, ein Tier zu quälen.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Maler, der ein GUTES Bild malen möchte, beides braucht: Kontrolle und Freiheit: und beides kann positiv und negativ sein!

Im Übrigen: Jeder Mensch kennt das wohl: Ich möchte immer so drauf sein, wie es die Situation gerade erfordert: Bei der Arbeit konzentriert, bei der Party gut gelaunt, beim Sport motiviert, usw.
Bei mir ist das nur selten der Fall, deshalb geh ich zur Arbeit, WENN ich konzentriert bin und Joggen kommt nur in Frage WENN ich fit bin.

Ich mache von meinem Zustand abhängig, was ich gerade tue und genau deshalb siehst Du mich nicht schlecht gelaunt auf einer Party.
Warum also willst Du arbeiten, wenn Du Dich nicht „selbstvergessen“ genug fühlst??
Es ist gut so, dass wir unseren Zustand NICHT auf Knopfdruck ändern können. Der Mensch sollte ME nicht funktionieren, sondern nach seinem wechselnden Befinden tätig sein.

Gruß

Frank

Hallo Anja,

du fragst danach, ob man das üben kann, wenn du arbeitest, nicht zu kritisch zu sein.

Wenn ich selbst beim Lernen oder Vorbereiten einer Prüfung z.B. nur darauf geachtet habe, ob die Note gut sein würde, also nur das Ergebnis im Kopf hatte und die Zeit, die viel zu kurz schien um es bewältigen zu können, dann war ich wie gelähmt.

Mir hat es geholfen, mich zu erinnern, dass die Sache mir auch Spass gemacht hat. Also zurück zu den Anfängen und diese Gefühle neu in Dir verankern. Dies kann man tun, indem du dich z.B.gedanklich wieder in einen Moment oder eine Zeit hinein zu denken versuchst, wo du dich so selbstvergessen gefühlt hast. Dazu kannst du dich hinlegen, Augen zu, muskuläre Entspannung und hinträumen, solange bis sich das Gefühl wieder einstellt. Klappt das nicht, was anderes machen. Nix geht mit Zwang, Lust schon gar nicht.

Das Zauberwort ist glaube ich, „Lust“.! Nämlich die Lust darauf, dies jetzt zu tun. Bei der Lust am Tun spielt das Ergebnis nämlich keine so große Rolle. Ein gutes Ergebnis steigert das Selbstbewusstsein, aber auch nicht bei allen Menschen. Es kommt darauf an, ob man sich prinzipiell etwas zutraut. Und du sagst, dir sind schon gute Arbeiten gelungen. Darauf, das du das kannst, kannst du dich also verlassen.

In der Selbstvergessenheit liegt auch Lust und ein Flowerlebnis stellt sich ein.

Frank hat sicherlich recht, man sollte, wenn man es sich zeitlich und finanziell leisten kann, dann etwas tun, wenn man Lust verspürt, alles andere ist Pflichtgefühl oder ein existentielles Muss.

Wenn sich keine Lust einstellt, dann muss man es sich gönnen, eben keine zu haben und dann aber auch keine Hochleistung von sich zu fordern.
Überhaupt - Lust und Leistung sind eh´ kontraindiziert.

Auf keinen Fall beim Arbeiten, malen oder was auch immer du tust, das Ergebnis im Kopf haben. Geht´s momentan nicht voran, aufhören, Pause machen, nächsten Tag oder auch Tage später weitermachen, wenn sich die Lust wieder einstellt.

Die Lust kann sich auch nur dann einstellen, wenn man es aufgeben kann, von einer guten Bewertung abhängig zu sein.

Mut zum Scheitern haben. Es sich auch zugestehen, Mist zu produzieren. Dann kommt mehr Gelassenheit.

z.B.: Sich sagen: "Ich darf auch scheitern.Weil es dann egal ist, was rauskommt. Deshalb kann ich mir die Lust auch gestatten. Und, was kann schon passieren im schlimmsten Fall? Was ist der schlimmste Fall, sterbe ich deshalb?
Was würdest du tun im schlimmsten FAll, wenn´s nix wird? Dich grämen, verzweifelt sein, schlimmstenfalls, von anderen runtergemacht werden, als Versager abgestempelt werden. Na und!!
Sollte das Talent am Ende fehlen, brauchts Mut sich das einzugestehen. Na und!!!
Schlimmstenfalls was anderes machen. Liegt´s nicht am Talent, dann eben das versaute Werk auf die Seite stellen und ein neues anfangen, bestenfalls?

Sich erinnern an das Gefühl der Selbstvergessenheit. Wie und wo hast du das gespürt. Was ging dem voraus? Wieso war es möglich, dieses Gefühl dann zu haben. Dies hilft vielleicht, herauszufinden, unter welchen Umständen es dir besonders leicht fällt, so zu fühlen.

Ja, so sind meine Tips für´s üben:

  • Entspannungstechnik lernen, wie progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training und dabei wenn dann entspannt, Phantasiereisen in die Lust und das Gefühl der Selbstvergessenheit herbeidenken, bis Gefühl sich auch nur ein bischen einstellt. Dann Gefühl verankern. Wo im Körper spürst du es z.B.

  • Sich das Scheitern erlauben, es ist okay. Auch wenn man scheitert, ist man noch derselbe liebenswerte Mensch. Wenn man sich das Scheitern erlaubt, ist das Leben leichter. Das Scheitern muss man sich selbst erlauben. Niemand anderes kann dies für uns tun.

  • Mehr bei Lust zum Tun arbeiten. Und der Unlust Raum geben, pausieren. Bei Lust geht´s nämlich schneller, leichter und vor allem schöner (Flow).

Mehr fällt mir dazu momentan nicht ein. Mir hilft´s jedenfalls.
Vielleicht ist dies alles nicht neu, aber oft ist´s schon gut, es wieder zu hören.

Alles Liebe und viel Spass beim Ausprobieren
von Angelika

An Frank+Angelika
Lieber Frank, liebe Angelika,
ja, das sind gute Ansätze. Ich hab’ mir jetzt „Kunstfrei“ genommen, den Hund meines Sohnes geschnappt und bin lange mit ihm gegangen. Zu diesen Entspannungsübungen bin ich leider nicht fähig… Es stimmt, ich erwarte von mir, immer in Hochform sein zu müssen (sowohl was die Laune, als auch was die Leistung betrifft). An meinem Talent zweifele ich allerdings nicht. Ich hatte ein neues Material (mache Plastiken) probiert und bin verzweifelt, weil nichts funktionierte, wie ich es mir vorgestellt hatte – und habe mich damit enorm unter Druck gesetzt. Und es ist wahr: kein Zustand ist per se positiv oder negativ, in jeder Krise liegt ja bekanntlich auch eine Chance. Vielleicht hätte ich dazu sagen sollen, dass ich Alkoholikerin bin und seit zwei Monaten trocken. Der Alkohol ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, selbstauferlegte Schranken fallen zu lassen und sich hinzugeben den Spielen des Lebens, auch in der Kunst… Vielleicht habe ich einfach diesen Zustand vermisst – ich werde weiter arbeiten – an der Kunst und an mir…
Vielen, vielen Dank
und liebe Grüße
Anja

Hi Anja,
sag mal, fuer wen machst Du Kunst? Fuer Dich? Fuer Ausstellungen, wenn’s was geworden ist? Fuer Kunden?
Ich hab mit der Fotografie zu tun, und hab immer eine Riesenangst, was, technisch oder kreativ, falschzumachen, wenn’s drauf ankommt. Andererseits, wenn ich was fuer mich, bzw meine Mappe, mache, naja - dann kommt’s in die Mappe, wenn’s gut ist, sonst nicht. Und dann kann mal halt mal rumspielen.
Ist das nicht aehnlich, wie unter dem Druck einer Klausur / eines Abgabetermins zu stehen, und vor Panik friert einem sozusagen das Hirn ein? Kannst Du arbeiten, bzw ‚spielen‘ (I’m not trying to belittle your work when I say that - I hope you know what I mean), wenn Du nicht unter Druck stehst, gerade JETZT was zu machen?
Wie kommen Dir Deine Ideen? Durch einen Spaziergang in der Natur, durch Besuch von Galerien/Museen, durch Lesen von Buechern, wo das Thema einen anregt, unbedingt was zu dem Thema machen zu wollen, weil man ‚was zu sagen hat‘?
Ich denke, Kunst kann man nicht zwingen - sondern es muss aus Dir raus wollen. Wenn Du willst, weil Du ‚musst‘, dann laesst Du Dir von keinem, auch von keinem in deinem Hirn, sagen, dass Du das so nicht machen kannst. Wenn Dich aber jemand unter Druck setzt, oder Du Dich selbst unter Druck setzt, JETZT was zu machen, JETZT kreativ zu sein, kommt nichts. I guess it’s like writer’s block. Abwarten, bis eine Idee auf einen zukommt & einen fast umhaut?

Ich hab keine Ahnung, ob ich was hilfreiches gesagt habe.
But the very best of luck to you.
Gruss, Isabel