Hallo Multivista,
Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, jedenfalls nicht in Bausch und Bogen. Am Anfang des Mittelalters veränderte sich die Welt. Wenn man sich die Anzahl neuer Entdeckungen ansieht, die Anzahl von Personen, die aus untersten Verhältnissen heraus plötzlich in der Geschichte auftauchen, dann kann man in dieser Phase eher behaupten, es gab eine Menge Einflußfaktoren, aber keinen, der alleine wirksam war. Was andererseits natürlich für die Antike ebenfalls gegolten hatte, denn die Tragödie war ha sicherlich nicht allein formender Faktor antiker Gesellschaften.
Für das frühe Mittelalter gilt, dass immer noch mit dem Arianierproblem gerechnet werden musste. D.h. die Macht der Kirche war rein räumlich eingeschränkter. Erst im 7.Jahrhundert bekehrten sich die letzten Gotenfürsten zum katholischen Christentum. In Skandinavien dauerte es bis ins 9.Jahrhundert bis die Christianisierung wirklich griff. Und da andererseits Nordmänner sich verschiedentlich niederließen, wo sie nicht hingehörten, entstand auch ein gesellschaftlicher Einfluß. Rollo, ein Däne endete in der Normandie und wurde Herzog derselben. Sein Nachfahr eroberte bekanntlich England. Einersaeits, Rollo wurde Christ, andererseits ist die Normandie der größte Fundort für nordische Runensteine außerhalb Skandinaviens. Es gab also für eine Zeit beides nebeneinander.
Das die katholische Kirche allbeherrschend wurde, kann man also je nach Gebiet erst ab dem 8. bzw. 10 Jahrhundert annehmen. Jedenfalls laut etlichen Geschichtsbüchern.
Der gesellschaftliche Einfluss der Kirche kollidierte jedoch durchaus mit den Interessen des Feudalismus. Wenn nun also eine Gesellschaft entstand, in der jeder seinen Platz hatte und kaum Möglichkeiten, diesen Platz zu verändern, dann war das nicht die Schuld der Kirche. Selbst ein ziemlich eingefleischter Gegner der Kirche wie ich muss das an dieser Stelle zugeben. Warum? Ganz einfach: Der Feudalismus beruhte darauf, dass jemand per Geburtsrecht herrschte. Es ging um den Adel, das, was man später als ersten Stand bezeichnen würde. Der jedoch wollte seine Untertanen nett, friedlich und etwas unterentwickelt. Dem gegenüber stand die Kirche, die zwa durchaus auch eigenen Ziele verfolgte, aber zunächst einmal die einzige Gelegenheit darstellte, lesen und schreiben zu lernen und sich Bildung anzueignen. Es war also nicht so, dass die Kirche in diesem Fall die Vernunft davon abgehalten hätte, den Mythos zu ersetzen. Vielmehr lieferte sie die Werkzeuge der Vernunft. Natürlich nicht komplett, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Das Dogma spielte da eine eher untergeordnete Rolle, das größte Hindernis bestand damals noch darin, dass zwar alles Wissen der Zeit irgendwo in einer kirchlichen Bibliothek lag, aber die lag dann auch gleich drei Reisemonate von der eigenen Klosterbibliothek entfernt.
Für die Kirche selbst war es auch nicht unbedingt eine stressfreie Zeit. Die Phase vom 7, bis in die Mitte des 9.Jahrhunderts war geprägt von inneren Auseinandersetzungen (z.B. Monophysitenproblem) dann, gegen Ende dieser Zeit sah es durchaus so aus, als würden die fränkischen Kaiser aus der Karolingerdynastie schwach werden. Was heute z.B. als Politik zur Lösung der Kirche aus karolingischer Abhängigkeit beschrieben wird (Leo der Große), kann bei näherem Hinschauen auch als der Versuch einer Neuauflage Merowinger%Karolinger ausgelegt werden. Da hatte die Kirche schon einmal einen Bündnispartner beseitigt und sich einer neuen Schwertmacht zugewandt. In diesem Falle allerdings gab es keinen logischen Kandidaten, der diese Rolle hätte spielen können und das drängte den politischen Einfluß der Kirche, z.B. im Streit um die skandinavische Mission, zurück.
Das 10. und der größte Teil des 11.Jahrhunderts waren eher Stagnation. Aber eine Stagnation, die eine eigene Dynamik auslöste. Die Kriegerkaste wurde unruhig. Ritter, die ihr Leben für den Krieg trainierten, wollten auch mal einen Krieg. Aber die Kirche hielt ihre Könige zu fest in der Hand, da konnte nicht mehr jeder mal auf seinen Nachbarn losgehen, wie er wollte. Exkommunion und Anathema waren damals noch schrfe Waffen des Papstes. Da außerdem zunehmend bereits ab der Schlacht von Ostia Päpste militärische Kompetenz gezeigt hatten und durchaus Mittel zur Verfügung hatten, gesellte sich zu dieser eher geistlichen Drohung auch eine handfeste weltliche. Diese Zeit ist also nicht gerade von vielen Auseinandersetzungen innerhalb der christlichen Welt gekennzeichnet. Eigentlich was Gutes, aber der Schuss ging nach hinten los.
Das Rittertum geriet außer Kontrolle. Die, die bereits mächtig waren, begannen ihre Macht auszubauen. Die, die zu wenig Macht hatten, griffen zu anderen Mitteln. Dazu schrieb man sich gegenseitig die Gesetze um. Ein Händler, der von Paris durch das Rhonetal nach Süden reiste musste nicht weniger als 114 Zollstellen durchqueren. Dazu kamen lokale Brückenabgaben, Straßenmaut und dergleichen. Auf dieser Reise unterlag er 31 verschiedenen Rechtsprechungen weltlicher Herren. Mindestens drei Abschnitte der Reise führten durch Jagdgebiet bekannter Raubritter.
Es ging um Gold, es ging um Macht. Aber, und das zeigt sich in den aus unserer Sicht so völlig sinnlosen Fehden dieser Herren, es ging um etwas wesentlich Primitiveres: Adrenalin. Heute würden die wahrscheinlich Bungee-springen. Aber damals lieferte man sich eben mit dem lokalen Nachbarn ein kleines Gemetzel. Wer dazwischen geriet hatte eben Pech.
Die Macht der Könige beruhte auf der Macht des Adels. Mit anderen Worten, die Könige hatten praktisch kaum Möglichkeiten, diese Situation in den Griff zu bekommen. Es blieb also wieder einmal der Kirche überlassen, zu handeln. Und die Kirche tat es. Als Urban II zum Kreuzzug aufrief löste er eine Welle der Begeisterung aus. Aber es waren zwei Effekte, die er in Wirklichkeit auslöste. Er lieferte den Rittern den Krieg, den sie sich wünschten, schön weit weg von zuhause. Aber er gab auch der breiten Bevölkerung etwas, und das hatte Urban wahrscheinlich gar nicht bedacht. Der Papst hatte ja eigentlich eine geniale Idee. Er schaffte überzählige Ritter einfach weg. Das aber Bauern und sogar Straßenkinder auf Kreuzzüge gehen wollten, daran hatte keiner gedacht. Und das führte natürlich zu Desastern.
Was hier deutlich wird, ist das Spiel zwischen weltlichen und kirchlichen Mechanismen bis zum ersten Kreuzzug. Wenn man der Kirche den Vorwurf machen will, dass sie der Vernunft im Wege stand, muss man erst einmal sehen, welcher Art von Vernunft sie im Wege stand. Denn was damals von weltlichen Herren als „vernünftig“ angesehen wurde, wäre nach unseren Maßstäben totaler Irrsinn. Im Zusammenhang mit der Ursprungsfrage offenbart sich hier m.E. der Denkfehler des oben zitierten Werkes. Die Vernunft, die den Mathos hätte ersetzen können, gab es gar nicht in ausreichendem Maße und vor allem, es gab sie nicht außerhalb der Kirche. Und schon dreimal gab es sie nicht nach unseren Maßstäben.
Schauen wir mal, was sich während der Kreuzzüge tat. Militärisch war die Sache zunächst ein Erfolg. Gesellschaftlich, soweit es Europa betraf, aber auch. Das Problem eines außer Kontrolle geratenen Rittertums löste sich von selbst und stattdessen entstand eine neue Wirtschaft.
Heute sprechen wir immer von den Templern. Das ist zu einem Prozentsatz richtig, aber größtenteils falsch. Alle geistlichen Ritterorden wanre u.a. auch Wirtschaftsfaktoren. Die Templer waren lediglich die, die es auf die Spitze trieben. Da wurde Geld ohne Ende verdient. Nur betrachten wir einmal, wo das Geld hinging. Da begegnen wir nämlich einem weiteren Novum.
Ein großer Teil ging in die Kassen der Ritterorden. Die weiderum bauten Infrastruktur. Hospize, Straßen, Brücken. Bisweilen sprangen sie auch ein, wenn die Nachbarn sich auch eine neue Kirche bauen wollten. Ein Teil ging an den Papst, aber der war eher gering. Aber nichts ging an die Könige. Die profitierten indirekt zwar auch etwas von der Infrastruktur, die entstand, aber das war ein Tropfen auf den heißen Stein.
Das meiste Geld wurde schlicht und ergreifend in der Nachbarschaft ausgegeben. Nebeneffekte des Mönchsrittertums mit seinem ungeheuren Materialbedarf waren das entstehen einer durchaus wohlhabenden Handwerkerschicht und etwas, das man heute Technologietransfer nennen würde. Z.B. waren bis zu den Kreuzzügen englische Ritter für ihre schlechte Ausrüstung bekannt. Bis zum Ende der Ritterorden hatten sie mehr oder weniger mit Frankreich gleichgezogen.
Das waren gesellschaftliche Veränderungen, die sich da schleichend breitmachten. Mönchsorden verbreiteten eine eher theoretische Bildung, Ritterorden verbreiteten neben ihren kriegerischen Idealen eine praktische Bildung. Baumeister, Steinmetze, Sattler, Hinz und Kunz lernte bei den Rittern. Weil die gildefrei waren. Nicht nur, dass man bei denen nicht zahlte, nein die bezahlten sogar noch.
Aber all das war eine untere Ebene, eine direkte Ebene. Die obersten Ebenen der Kirche verstrickten sich mehr und mehr in die Fangseile der Politik. Und jeschlechter die Kreuzzüge liefen, desto enger wurde die Bindung Papst-Frankreich. Papst Clemens V zieht nach Frankreich um. Heute wird das so dargestellt, als habe ein mächtiger französischer König sich einen Papst zugelegt. Aber Clemens war Franzose und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er zuerst Franzose und dann erst Papst war. Er und Philipp waren seit Jahrzehnten persönlich befreundet, teilten viele Ansichten auch in der Politik. Und, das führt diese Mär völlig ad absurdum, Philipp war nicht so mächtig, wie er heute dargestellt wird. Vielmehr kippelte sein Thorn ganz erbärmlich und Frankreich war an allen Fronten Bedrohungen ausgesetzt.
Es war also nicht Philipp, der Clemens hielt, vielmehr war es Clemens, der Philipp hielt.
Beide zusammen zerschlagen die Templer. Lassen wir die ganzen Mysterien der Templergeschichte mal außen vor. Wesentlich ist, dass sich nun ein völlig politisch orientiertes Papsttum auf Seiten Frankreichs etabliert. Die Wirtschaftsmacht der Templer verschwindet zu einem großen Teil, der geringere Teil wird fortgeführt in Händen der Johanniter. Der Versuch der französischen Staatsmacht nach Philipp dem Schönen, diesen Wirtschaftserfolg zu kopieren mißlang bereits wegen schlechter Verwaltung unter Ludwig dem Zänker. Die hohen Steuern, die noch Philipp eingesetzt hatten, führten zu einer Konfrontation zwischen Adel und König, wesentlicher Streitpunkt war aber nicht nur die Steuer sondern auch das Fehderecht des Adels. Man war also wieder gesellschaftlich da angelangt, wo man vor den Kreuzzügen schon gewesen war. Pleite und blutrünstig.
Dieses Mal handelte die Kirche nicht. Viele Bischöfe trugen auch weltliche Rittertitel, die Kirche war also handlungsunfähig. Und so bleib es mehr oder weniger für den Rest des Mittelalters.
Das Fazit ist also, dass die Kirche nicht der Vernunft im Wege stand. Etliche Dinge waren ja durchaus vernünftig und vernünftiger als alles, was die weltliche Feudalherrschaft so ausbrütete. Die Kirche selbst allerdings konnte ihre Rolle nicht mehr spielen, als sie sich selbst zu stark in Politik verstrickte. Der Wendepunkt ist hier ganz klar die Wahl Clemens V.
Was die Ursprungsfrage betrifft: Es gibt also keine Phase des Mittelalters, in der so etwas wie eine „Vernunft“, die den Mythis hätte ersetzen können, überhaupt außerhalb der Kirche zur Verfügung gestanden hätte. Alleine schon aus diesem Grund ist die oben angesprochene Theorie sicher in dieser absoluten Form falsch. Was allerdings passiert wäre, wenn es keinen Clemens gegeben hätte, das ist die große Frage. Das Papsttum zeigte ja bereits mit Benedict VIII eine gewissse Tendenz zur Dekadenz. Hätte die Kirche also unter einem besseren Papst ein weiteres Mal das Ruder rumgerissen? Wäre das der Weg zur gepriesenen Vernunft gewesen? Wir wissen es nicht. Wenn dem so wäre, dann würde das genau das Gegenteil obiger Theorie bedeuten.
Gruß
Peter B.
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