Kirschen in Nachbars Garten

Hallo,
ich grübel gerade über das englische Sprichwort „The grass is always greener on the other side of the fence“ nach (bzw. Kirschen in Nachbars Garten sind immer die Leckereren - oder so). Dabei denke ich auch etwas an Vorstellungen vom Paradies, die in einigen Religionen vermittelt werden (hier ist’s schlecht, auf der anderen Seite wird es besser).
Gibt es dafür eine psychologische Erklärung (oder besser vielleicht Erklärungsversuche)? Man ist nicht zufrieden, mit dem was man erreicht hat bzw. erreichen kann? Hier muss ich leiden, aber später wird es besser?
Gibt es psychologische „Krankheitsbilder“ oder charakterliche Grundeinstellungen, die eine solche Einstellung fördern? Hat es mit Neid zu tun (klingt wahrscheinlich; aber woher kommt es dann)?

Schon mal Dank für eure Antworten.

Christian

Oliver Walter wo bist du?
HAllo Christian, müsste was mit Reaktanz- oder Dissonanztheorie zu tun haben.
Man erreicht etwas, ist aber unzufrieden, weil andere mehr oder besseres haben, oder man kreigt kurz vor der Hochzeit kalte Füsse (Errgungszustand durch dass erreichte, Abbau durch Flucht oder durch Fremdgehen am Junggesell/inn/enabend)
Schöne Grüße Susanne

Hi Christian,

so weit mußt Du da glaube ich gar nicht gehen…
Schon Kinder essen woanders Dinge, die sie zuhause nieniemals essen würden, und wenn doch, dann schmeckt es woanders immer besser als zuhause.
Auch beim Spielzeug verhält sich das so…selbst wenn man doch nahezu das gleiche Zeug zuhause hat spielt es sich mit dem anderen mindestens doppelt so gut.

Es ist einfach das Andere , was man nur zeitlich geborgt benutzen darf, würde man es geschenkt bekommen, wäre es nachher sicher genauso grün, wie der eigene Rasen.

Aber, es gehört einem nicht, man besitzt es nicht…es ist anders und man möchte dahin streben… aber nur der Weg ist interessnt nicht das eigentliche Ziel.

Gruß
Maja

Hallo Christian,

aus meiner Sicht heraus trifft dieses Sprichwort nicht in allen Fällen zu, sollte also nicht absolut gesehen werden. Aber es steckt eine „Weisheit“ in ihm: Menschen vergleichen das, was sie haben / sind, mit dem, was andere Menschen haben / sind, oder was sie haben wollen / sein möchten. Es geht hier um (Vergleichs-)maßstäbe, aus deren Anwendung Unzufriedenheit erwachsen kann, aber nicht muß. Das ist primär ein normalpsychologisches Phänomen und kein pathologisches.

Die Dissonanztheorie von Leon Festinger, die Susanne in diesem Zusammenhang anführte, kann man heranziehen, um psychologische Prozesse in diesem Zusammenhang zu erklären. Ich denke aber, daß in Deinem Fall eine andere Theorie Festingers als Erklärungsversuch geeigneter ist. Sie hängt zwar mit der Dissonanztheorie zusammen, ist aber spezieller auf das zugeschnitten ist, was das Sprichwort meint: Es ist die Theorie sozialer Vergleichsprozesse.

Nach dieser Theorie haben Menschen das Motiv, die eigenen Fertigkeiten und Meinungen zu bewerten, weshalb ein Mensch sich mit anderen Menschen vergleicht. Der Vergleich soll nach der Theorie stärker anhand von „objektiven“ Kriterien vorgenommen werden und weniger nach sozialen. Außerdem - und das ist in diesem Zusammenhang entscheidend - wird ein Streben nach Verbesserung der eigenen Position angenommen. Zum Vergleichen werden v.a. diejenigen Personen herangezogen, die man als ähnlich erlebt. Stellt man beim Vergleich mit diesen anderen fest, daß man schlechter abschneidet, dann erwächst daraus Unzufriedenheit und eine Motivation, diese Unzufriedenheit abzubauen.

Die Existenz des Motivs nach sozialem Vergleich begründet Festinger so: Menschen müssen angemessen auf Situationen der sozialen Realität reagieren. Um dies tun zu können, müssen sie ihre Umwelt und ihre eigenen Fertigkeiten und Meinungen angemessen wahrnehmen und bewerten. Daraus ergibt sich u.a. ein Motiv nach einer subjektiven Sicherheit über die Einschätzung eigener Fertigkeiten und Meinungen. Um diese Sicherheit zu erlangen, braucht man Vergleichsmaßstäbe, die möglichst zuverlässig und nicht nur subjektiv sind. Dazu richtet man sein Augenmerk auch auf das, was andere Menschen tun und sind. Hinsichtlich der eigenen Fertigkeiten nimmt Festinger an, daß Menschen bestrebt sind, diese ständig zu verbessern. Die Annahme dieses Motivs kann mit der größeren Wahrscheinlichkeit, angemessen auf die Umwelt und ihre Anforderungen zu reagieren, wenn man bessere Fertigkeiten hat, begründet werden. Gleichzeitig erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit einer besseren Bewertung der eigenen Fertigkeiten, wenn man erfolgreicher auf Umweltanforderungen reagieren kann.

Mit Hilfe der Theorie kann man u.a. auch versuchen, Vergleiche „nach unten“, Abwertungen von Vergleichspersonen, Selbstwertschutz, Wechsel der Vergleichsdimensionen (hinsichtlich welcher Aspekte verglichen wird) u.v.m. zu erklären.

Ausführliche Informationen zu dieser Theorie geben Frey, Dauenheimer, Parge und Haisch im Buch von Frey und Irle: „Theorien der Sozialpsychologie. Band I: Kognitive Theorien“ (2. Auflage 1993). Ich kann alle Bände stärkstens empfehlen. Es handelt sich allerdings um Fachbücher.

Gruß,

Oliver Walter

Hallo Christian
ich „darf“ mal wieder die postings meiner Vorredner mit analytischer Antwort ergänzen

Gibt es psychologische „Krankheitsbilder“ oder charakterliche
Grundeinstellungen, die eine solche Einstellung fördern? Hat
es mit Neid zu tun

Von den sogenannten CHARAKTERTYPEN würde dies auf den ORAL-DEPRESSIV getönten Charakter zutreffen. Man spricht ja diesbezüglich auch von „oralem Neid“. Der DEPRESSIV akzentuierte Mensch hat eben eher das Gefühl, dass es woanders besser ist, also da, wo ER NICHT ist. Er hat sozusagen wieder mal nichts abgekriegt bzw. das schlechtere Los gezogen.
Gruss, Branden

Saure Trauben
Manche Leute interpretieren dann ihre Umwelt so, dass das, was nicht erreicht wird, eher schlechter ist. Dies ist dann selbstwertdienlich (die Trauben, die man nicht erreicht sind wahrscheinlich eh sauer)

Hallo,
vielen Dank erstmal für die ausführliche Antwort. Ich habe mal ein wenig gesurft und mir Infos zu den genannten Theorien gesucht. Wenn ich das grob richtig verstanden habe, zielt die Theorie aber auf einen Vergleich der Fähigkeiten ab („ich bin darin besser“, „ich verdiene mehr“), nicht aber auf eine Bewertung des Zustandes oder der Situation, in der ich mich befinde („mir geht es besser als ihm“, „ich habe Macht“ o.ä.).

Und bei der Stelle mit den Paradiesvorstellungen helfen die Theorien vielleicht nicht weiter, da ja hier kein objektiver Vergleich der (sozialen) Situationen vorgenommen werden kann. Hier streben die Betroffenen ja einen Zustand an, von dem sie glauben, dass er existiert und folgen dafür bestimmten Handlungsweisen oder Geboten.

Hilft mir an dieser Stelle vielleicht Jung weiter, der sich wohl mit der Thematik auseinander gesetzt hat?

Christian

Hallo Christian,

Wenn ich das grob richtig verstanden habe, zielt die
Theorie aber auf einen Vergleich der Fähigkeiten ab („ich bin
darin besser“, „ich verdiene mehr“),

ja, auch,

nicht aber auf eine
Bewertung des Zustandes oder der Situation, in der ich mich
befinde („mir geht es besser als ihm“, „ich habe Macht“ o.ä.).

doch, auch.

Hilft mir an dieser Stelle vielleicht Jung weiter, der sich
wohl mit der Thematik auseinander gesetzt hat?

Bei Jung habe ich immer den Eindruck, daß er haltlos spekuliert.

Gruß,

Oliver Walter

Hi,

den Namen „Jung“ kann ich nicht hören, ohne mich zu schütteln. Für mich unter den „klassischen“ PSychoanalytikern der suspekteste (außer vielleicht noch W. Reich).

Gruß

Yoyi

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]