Hallo Christian,
aus meiner Sicht heraus trifft dieses Sprichwort nicht in allen Fällen zu, sollte also nicht absolut gesehen werden. Aber es steckt eine „Weisheit“ in ihm: Menschen vergleichen das, was sie haben / sind, mit dem, was andere Menschen haben / sind, oder was sie haben wollen / sein möchten. Es geht hier um (Vergleichs-)maßstäbe, aus deren Anwendung Unzufriedenheit erwachsen kann, aber nicht muß. Das ist primär ein normalpsychologisches Phänomen und kein pathologisches.
Die Dissonanztheorie von Leon Festinger, die Susanne in diesem Zusammenhang anführte, kann man heranziehen, um psychologische Prozesse in diesem Zusammenhang zu erklären. Ich denke aber, daß in Deinem Fall eine andere Theorie Festingers als Erklärungsversuch geeigneter ist. Sie hängt zwar mit der Dissonanztheorie zusammen, ist aber spezieller auf das zugeschnitten ist, was das Sprichwort meint: Es ist die Theorie sozialer Vergleichsprozesse.
Nach dieser Theorie haben Menschen das Motiv, die eigenen Fertigkeiten und Meinungen zu bewerten, weshalb ein Mensch sich mit anderen Menschen vergleicht. Der Vergleich soll nach der Theorie stärker anhand von „objektiven“ Kriterien vorgenommen werden und weniger nach sozialen. Außerdem - und das ist in diesem Zusammenhang entscheidend - wird ein Streben nach Verbesserung der eigenen Position angenommen. Zum Vergleichen werden v.a. diejenigen Personen herangezogen, die man als ähnlich erlebt. Stellt man beim Vergleich mit diesen anderen fest, daß man schlechter abschneidet, dann erwächst daraus Unzufriedenheit und eine Motivation, diese Unzufriedenheit abzubauen.
Die Existenz des Motivs nach sozialem Vergleich begründet Festinger so: Menschen müssen angemessen auf Situationen der sozialen Realität reagieren. Um dies tun zu können, müssen sie ihre Umwelt und ihre eigenen Fertigkeiten und Meinungen angemessen wahrnehmen und bewerten. Daraus ergibt sich u.a. ein Motiv nach einer subjektiven Sicherheit über die Einschätzung eigener Fertigkeiten und Meinungen. Um diese Sicherheit zu erlangen, braucht man Vergleichsmaßstäbe, die möglichst zuverlässig und nicht nur subjektiv sind. Dazu richtet man sein Augenmerk auch auf das, was andere Menschen tun und sind. Hinsichtlich der eigenen Fertigkeiten nimmt Festinger an, daß Menschen bestrebt sind, diese ständig zu verbessern. Die Annahme dieses Motivs kann mit der größeren Wahrscheinlichkeit, angemessen auf die Umwelt und ihre Anforderungen zu reagieren, wenn man bessere Fertigkeiten hat, begründet werden. Gleichzeitig erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit einer besseren Bewertung der eigenen Fertigkeiten, wenn man erfolgreicher auf Umweltanforderungen reagieren kann.
Mit Hilfe der Theorie kann man u.a. auch versuchen, Vergleiche „nach unten“, Abwertungen von Vergleichspersonen, Selbstwertschutz, Wechsel der Vergleichsdimensionen (hinsichtlich welcher Aspekte verglichen wird) u.v.m. zu erklären.
Ausführliche Informationen zu dieser Theorie geben Frey, Dauenheimer, Parge und Haisch im Buch von Frey und Irle: „Theorien der Sozialpsychologie. Band I: Kognitive Theorien“ (2. Auflage 1993). Ich kann alle Bände stärkstens empfehlen. Es handelt sich allerdings um Fachbücher.
Gruß,
Oliver Walter