Kleine »umfrage« zum thema kommunikation

hallo zusammen,

wir hatten gerade eine interessante frage:
man nehme: 1 sender, 1 empfänger, 1 kommunikation zwischen den
beiden.

wie hoch ist der prozentuale anteil des senders, wie hoch der des
empfängers am gelingen der kommunikation?

(es gilt: sender% + empf% = 100%. wir schließen mal störvariablen wie
übertragungsmedium etc. der einfachheit halber aus.)

ich bin gespannt!

gruß
tobias

Sehr spannende Frage, Tobias!

Leider kann man sie nicht beantworten. Denn ich glaube, daß alle Kommunikation nur subjektiv ist.

Das heißt: Es bedeutet 100% für jeden einzelnen. Der Sender nimmt nur das Gesandte wahr, der Empfänger und das Empfangene. Insofern kann man gar nicht prozentual aufteilen, wie Du es vorschlägst. Man kann höchstens versuchen zu errechnen, wie hoch die Schnittmenge ist.

Aber die hängt wiederum von vielen hunderten kleinen Einzelfaktoren ab, und sie wolltest Du ja herauslassen.

Liebe Grüße,
Nike

aus dem bauch heraus…
hallo nike,

ja, ja, da stimme ich dir schon zu. es soll hier ja aber auch keine
empirisch exakte untersuchung werden, sondern einfach nur mal aus dem
bauch heraus:

S : E
50 : 50 ?
40 : 60 ?
75 : 25 ?

trau dich :o)

grüßle
tobias

Schulz von Thun - Vier-Seiten-Modell:

Man „spricht“ und „hört“ bei jedem Kontakt zu einem anderen Menschen auf vier verschiedene Weisen:

  1. Der Sachinhalt ist das, was durch gesprochene Worte ausgedrückt wird bzw. beim Gegenüber ankommt.
  2. Der Appell einer Botschaft oder einer Handlung drückt die unausgesprochenen Wünsche und Sehnsüchte aus - bzw. was davon der Partner auf sich bezieht.
  3. Im Beziehungshinweis wird ausgedrückt bzw. aufgenommen, wie das Verhältnis der beiden Personen empfunden wird.
  4. Die Selbstkundgabe umfasst verborgene Werte, Emotionen und Triebe. Dieser Teil der Botschaft ist fast nur nonverbal und beinhaltet das Freud’sche „Es“ (Triebanteil der Psyche), das „Über-Ich“ (Normen und unbewusste Vorstellungen) sowie das Selbstwertgefühl.

Mit „Gelingen der Kommunikation“ meinst Du wahrscheinlich, daß das, was der „Sender“ kommunizieren will, zu 100 % so beim „Empfänger“ ankommt, oder?
Dazu ist Voraussetzung, daß der „Sender“ unter den oben dargestellten Aspekten lupenrein „arbeitet“ und der „Empfänger“ so disponiert ist, daß er das Gesendete auch lupenrein so „versteht“, wie es „gemeint“ ist.
Ich würde - auch wenn es mathematisch natürlich nicht hinhaut - Deine Frage so beantworten: von beiden zu 100 %, und zwar nacheinander.

Ciao, Wotan

Hallo, Tobias,
ich bin ja erst seit ca 45 Jahren mit (technischer) Kommunikation beschäftigt.
Ich glaube, du hast einen Faktor noch nicht mit berücksichtigt.
Selbst wenn Empfänger hört, Sender sendet und Verbindung besteht, muss noch nicht unbedingt eine Kommunikation stattfinden.

Notwendig ist, dass sich Sender und Empfänger außerdem noch über das zu verwendende Protokoll (Sprache, Modulationsart, Übertragungsart und -geschwindigkeit etc.) verständigen.
Es nützt wenig, wenn ein Sender Sprachsignale an einen Empfänger verschickt, der nur Morsecode interpretieren kann.

Aber ungeachtet dessen, nach einer alten Funkerweisheit ist „Aufnehmen seliger denn Geben“. Noch zu Zeiten der Morsefunkerei hatte sich der Geber (=Sender) in seiner Geschwindigkeit nach den Möglich- und Fähigkeiten des Empfängers zu richten.

So liegt IMHO die Verantwortung für das Zustandekommen einer Kommunikation zu größeren Teilen beim Sender als beim Empfänger.

Ich hoffe, ich habe so gesendet, dass du meine Sendung empfangen konntest :smile:

Grüße
Eckard

menschliche Kommunikation
Hi tobias,

du setzt bei der frage etwas voraus:

man nehme: 1 sender, 1 empfänger, 1 kommunikation zwischen den beiden

von dem du meinst, ein menschliches Kommunikationsszenarium zu beschreiben. Wie dir Eckard bereits sagte: Das sind aber die Elemente einer technischen Kommmunikation, und zwar die der ganz klassischen Modelle aus der Zeit der Entwicklung der Kybernetik durch den Mathematiker Norbert Wiener.

In deiner Vorgabe steckt, daß bereits klar ist, worin der Kommunikationprozess besteht. Und weiter setzt du voraus, was mit „Gelingen der Kommunikation“ gemeint ist. Und weiter macht deine Frage die Präsupposition, daß es einen „prozentualen Anteil“ gäbe und dann noch, daß ein Sender und ein Empfänger unterschieden werden könne.

Alles ok, sofern es um ein kybernetisches Aggregat geht: „Gelungen“ ist der Austauschprozess dann, wenn der Empfänger die „Botschaft“ exakt so interpretiert, wie der Sender es wollte, oder den „Befehl“ exakt so ausführt, wie der „Geber“ es wollte.

Dazu gehören bestimmte Voraussetzungen. Eckart nannte einen wichtigen Teil davon bereits. Redundanz in der „Botschaft“ kommt mindestens noch dazu: Das sind Elemente, die dafür sorgen, daß die Möglichkeiten, die Botschaft mißzuverstehen, auf ein Minimum reduziert werden …

Das alles sind aber Dinge, die nur in den elementarsten Formen der menschlichen Kommunikation eine Rolle spielen: 1. beim Informationsaustausch und 2. beim Argumenteaustausch. Einige Autoren, wie z.B. die öffentlich bekanntesten (Schultz v. Thun, Watzlawick) gehen aber tatsächlich von diesem technischen Grundmodell aus und entwickeln darauf einige Empfehlungen des „Gelingens“. Worin aber das genau besteht, dieses Gelungensein, bleibt dabei unklar.

Menschliche Kommunikation ist gegenüber diesen Grundformen aber viel komplexer, und vor allem kommt etwas dazu, wovon der Ablauf des Prozesses entscheidend abhängt: Von der Deutung, die die beteiligten Gesprächspartner von eben diesem aktuellen Szenarium haben und von dem jeweiligen Interesse, sich in diesem Szenarium zu befinden.

Zudem gibt es dabei nicht mehr die eindeutige Unterscheidung eines Senders und Empfängers. Der Austausch ist nie ein differenziertes 1. Hin und 2. Her. Es gibt da nur rein textlich (naja, auch nicht immer) ein Nacheinander.

Wie und wodurch diese komplexeren Anteile sich zeigen und zum Tragen kommen, ist allerdings nicht gerade trivial zu beschreiben …

Wenn z.B. beide die Absicht haben, dem anderen Sympathie kundzutun (im Hintergrund, nicht per gesprochenem Text), und wenn sie dann zusätzlich beide das unbedingte Interesse haben, nicht primär sich verständlich zu machen, sondern primär den anderen zu verstehen, dann können Szenarien der Verständigung entstehen, die allein auf der Basis des Textaustausches gar nicht möglich wären.

Wenn ein anderer die Texte als solche allein hören (oder lesen) würde, könnte er nicht nachvollziehen, wieso sich die beiden einig geworden sind. Es spielt sich auf ganz anderen Wegen ab, als es bei der elementaren (s.o.) Kommunikation oder bei der technischen der Fall ist.

Umgekehrt, wenn obige Bedingung nicht vorliegt, wenn z.B. einer der beiden einen Widerwillen dagegen hat, sich mit dem anderen in einer Situation der Einigkeit zu befinden, dann werden sie auch keine Einigkeit erreichen, selbst, wenn sie sich über den Gesprächsgegenstand einig wären.

Aber auch dann ist die Kommunikation als gelungen zu betrachten (sie entspricht ja dem Ziel mindestens des einen der Partner), wenn man nicht den Fehler macht, unter „gelungen“ die umarmende Einigkeit zu verstehen. Auch ein Streit - sogar ein eskalierender - ist ein Kommunikationsszenarium.

Soweit in Kurzform …

Gruß

Metapher

Halle Eckard!

Aber ungeachtet dessen, nach einer alten Funkerweisheit ist
„Aufnehmen seliger denn Geben“. Noch zu Zeiten der
Morsefunkerei hatte sich der Geber (=Sender) in seiner
Geschwindigkeit nach den Möglich- und Fähigkeiten des
Empfängers zu richten.

So liegt IMHO die Verantwortung für das Zustandekommen einer
Kommunikation zu größeren Teilen beim Sender als beim
Empfänger.

Dazu passt auch eine Grundregel des Journalismus, die ich von meinen Journalistenfreunden öfter zu hören bekam und gegen die leider häufig verstoßen wird: „Die Nachricht entsteht beim Empfänger!“

Grüße
Christiane

Huhu!

Eigentlich wollte ich 100:100 schreiben, aber das habt ihr ja wegdefiniert - dann bleiben mir nur noch 50:50 über - der Sender muß sich voll darauf konzentrieren, seine Botschaft loszuwerden, der Empfänger darauf, sie zu empfangen.

Grüßlis!
Scrabz aka Philipp (aka Drache).

Hallo Tobias
Meiner Meinung nach kommt es JEDESMAL absolut auf den speziellen Einzelfall an. Wenn der Sender ein Mensch mit einer Psychose, sagen wir mal z.B., einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie, ist, dann wird ihn höchstens der erfahrene Psychiater oder die ihn gut kennende Bezugsperson zu einem gewissen Prozentsatz verstehen, die meisten anderen so gut wie gar nicht. Wenn umgekehrt der Empfänger eine Wahrnehmungsstörung o.ä. hat, dann ist es eben vergelichsweise umgekehrt.
Natürlich helfen bestimmte Sprach-und Sprech-Formen beim Übermitteln von Botschaften. Ich habe in den 70ern und 80ern Jahren über den Einfluss metaphorischer Sprachform auf den Hörer (Empfänger) geforscht, wobei ganz interessante Ergebnisse herauskamen, die hier aber zu weit von Deinem Thema wegführen würden.
Gruß,
Branden

Ohne den Empfänger läuft gar nichts!

Sprich, die message & der sender können sich noch so anstrengen, aber was der Empfänger dann mit der message anfängt, hängt einzig und allein vom Empfänger ab.

gruss, isabel

‚Kommunikation ist nicht das, was rausgeht, sondern das, was ankommt‘

‚No two people read the same book‘

Hi tobias,

wenn es denn um Menschen gehen soll: Die Leistung liegt nicht im Sprechen, sondern im Verstehen. Mehr noch: So, wie gesprochen wird, ist es ein Wunder, dass überhaupt jemand etwas versteht.

Gruß Ralf

Hiho,

S : E

trau dich :o)

Hat mit Trauen nix zu tun. Ich würde sagen:

S : E
100 : 100

oder wahlweise, aus Sicht des Senders:

100 : 0

oder aus Sicht des Empfängers:

0 : 100

Verständlicher formuliert?

Liebe Grüße,
Nike

Hatte schon…
… auf Deinen Kommentar zum Thema gewartet, nachdem wir uns ja unlängst persönlich genau darüber unterhielten. :smile:

Gut erklärt, dafür ein *chen. :smile:

Liebe Grüße,
Nike

Hi
wenn der Sender die Schwächen des Empfängers kennt und mit der entsprechenden fehlervermeidung sendet :smile: ?
HH

Hallo!

Das, was bisher gesagt wurde, bezieht sich weitgehend auf Gegebenheiten innerhalb des „Systems“, das durch Sender und Empfänger gebildet wird (verbale und nonverbale Signale, Bereitschaft zur gegenseitigen Empathie usw.).
Zusätzlich spielen auch Faktoren eine Rolle, die eher von außen kommen und die Sprech- und Hörgewohnheiten der Partner prägen, also etwa durch die Lebenserfahrung eingeschliffene Denkgewohnheiten, regionale und soziale Herkunft und ihre Auswirkungen auf die Sprache, angewöhntes Rollenverhalten usw.
Dabei gilt oft: Je ähnlicher, desto besser geht es: Zwei Leute, die im selben Dorf gemeinsam aufgewachsen sind, verständigen sich besser als ein Stadt- und ein Landmensch, die sich zum ersten Mal begegnen.

Gruß,

Beate

Hallo,

Dazu passt auch eine Grundregel des Journalismus, die ich von
meinen Journalistenfreunden öfter zu hören bekam und gegen die
leider häufig verstoßen wird: „Die Nachricht entsteht beim
Empfänger!“

bleibt aber doch zu hoffen, dass diese Grundregel nicht in
Populismus endet! :wink:

Gruß
Susi

vielen dank allen!
hallo zusammen,

herzlichen dank für das zahlreiche feedback. es war spannend, das
alles zu lesen.

die frage kam in einer kleinen runde geselligen beisammenseins
zustande und erinnerte mich in ihrer art an das brettspiel
»therapie«: »schätzen sie auf einer skala von 1 bis 10 …« und
genauso haben wir sie dort diskutiert, also in ihrer naiven
einfachheit, das komplexe ganze ignorierend. es sollte nie der
»versuch eines modells« o.ä. sein.
die antworten in unserer runde waren interessant. von (sender :
empfänger) 75 : 25 bis 40 : 60 war alles dabei - die hauptnennung war
50 : 50 (wir waren nur zu fünft…).

aber was ich an der frage im nachhinein spannend fand: es war eher
eine frage, die die persönlichkeit der beantworter ein wenig
beleuchtete. wir kennen uns ganz gut, so dass ich schon sagen konnte,
dass der »75 : 25-sager« grundsätzlich viel auf sich bezieht. er sei
meist an dem und jenem schuld, die stimmung im hause hänge immer von
seiner laune ab usw. der »40 : 60-sager« hat als grundeinstellung
eher: »ich kann ja machen, was ich will, es wird eh anders.«

naja, ich wollte einfach mal sehen, wie ihr so reagiert, nochmals:
vielen dank für die kritischen fachantworten.

gruß
tobias

Bin ein Nachzögling ;o)
Hi!

Auch, wenn ich spät dran bin…

Ich würde so auf 70% Sender und 30% Empfänger tippen!

Mach mal folgendes Spielchen:
Vier Leute verlassen den Raum, zwei bleiben drin.
Der Eine von den beiden erzählt dem anderen eine Bildbeschreibung (nehmt ein eher einfaches Bild), ohne dass dieser nachfragen darf.

Dann gibt dieser diese Bildbeschreibung an einen der Leute weiter, die draußen waren, usw. usf. (stille Post halt).
Der Letzte darf dann das Bild malen, wie er es sich vorstellt :wink:

Irgendwie habe ich bei diesem Spielchen immer den Eindruck, dass nur jeweils ca. 70% widergegeben werden…

Wenn der Empfänger aber in aller Ruhe nachfragen darf, steigert sich das Ergebnis deutlich!

LG
Guido

Hallo Tobias,
spannende Diskussion hast du angstoßen.
Bei der Beantwortung deiner klaren Frage gibt es folgendes Problem:
Wie lassen sich 100 % gelungene Kommunikation definieren?

  1. Die im Kopf des Senders entstandene Nachricht ist hinterher vollständig im Kopf des Empfängers? (Das wird man aus verschiedenen Gründen niemals nachprüfen können)
  2. Der Sender hat alles erreicht, was er wollte? (ist das „gelungen“?)
  3. Alles das, was eine Kamera akustisch und visuell vom Sender aufzeichnet, kann der Empfänger hinterher wiedergeben? (Und was ist mit dem Geruch und der Interpretation der Botschaft: z.B. „Der Chef ist so gereizt, weil seine Frau ihn letzte Woche verlassen hat“)
  4. Sender und Empfänger gehen hinterher zufrieden auseinander? (Das geht auch bei haarsträubenden Missverständnissen)
  5. Was ist mit den unabsichtlich gesendeten Anteilen der Botschaft?
    Gruß!
    Christian

wir hatten gerade eine interessante frage:
man nehme: 1 sender, 1 empfänger, 1 kommunikation zwischen den
beiden.

wie hoch ist der prozentuale anteil des senders, wie hoch
der des
empfängers am gelingen der kommunikation?

(es gilt: sender% + empf% = 100%. wir schließen mal
störvariablen wie
übertragungsmedium etc. der einfachheit halber aus.)

ich bin gespannt!

gruß
tobias