Männer unter sich
Hi Nike
daß Teppichratten riesige Ohren haben, brauch ich dir nicht zu erzählen 
Daß die Mama ab Freitag für die schrecklich lange Zeit von 1o Tagen nicht da sein wird und daß die Mama und der Papa schon länger darüber Gedanken austauschen (vielleicht sogar sorgenvolle? die haben nämlich so einen besonderen Sound), das hat der kleine Geheimdienst ganz sicher längst erfaßt. Papa hat sich Urlaub genommen: Da bahnt sich etwas an!
Höchste Zeit also, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um das zu verhindern … und schwupps - hats ihn schon!
Der überaus „geeignete“ Zeitpunkt, eine längerfristige Krankheit zu starten, ist ja nicht zu übersehen. Das ist die eine Perspektive.
Die andere Perspektive ist: Eine neue, unbekannte Erfahrung dräut, die Immunabwehr ist überlastet und Bordetella pertussis nimmt ihre Chance wahr. Seltsamerweise somatisieren sich Probleme mit Trennung und Zuwendungsmangel sehr leicht in Form von Atemwegserkrankungen, vom „dicken Hals“ bis zum Asthma bronchiale …
Für mich und meinen Sohn Joshua, 18 Monate alt, die erste Trennung.
Ja, und damit die erste Gelegenheit für den Zwerg, ein wichtiges Psycho-Fitnesstraining zu absolvieren. Das Thema heißt: Frustrationstoleranz lernen.
Er hat zwar das Glück, sich Eltern ausgesucht zu haben, bei denen es ihm an den wichtigsten Dingen bisher nie fehlte: Nähe, Wärme, Berührung, Geborgenheit, Aufmerksamkeit. Aber das Gegenteil, der vorübergehende Verzicht auf wenigstens die Hälfte davon: Das erlebt zu haben ist mindestens genauso wichtig - gerade weil er bisher daran nie Mangel erlebte. Er ist geimpft gegen Krankheiten, aber noch nicht geimpft gegen Zuwendungsmangel.
Aber unter den Voraussetzungen solcher Eltern wird sich die angstvolle Erwartung, die die Bakterienabwehr unterminierte, daher sehr schnell besänftigen lassen aus all den Gründen, die Renee bereits so famos beschrieb. Bei dem Papa an der Hand und zudem die Mama zumindest mit ihrer Stimme trotz Abwesenheit präsent: So wird der Frust in der Männerrunde gewiß auf ein erträgliches Maß für beide reduziert werden können, zumal ja die Männer unter sich ein tolles Abenteuer am Meer erleben. So wie du schon sagtest: Das gibt nicht nur Ablenkung vom Drama, sondern auch Hinlenkung auf Aufregendes im positiven Sinn. Das Drama erweist sich als überstehbar und die Krankheit wird sich bewältigen lassen.
Aber die erste Perspektive - der Krankheitsgewinn bzw. die Strategie, die zu erwartende vorübergehende Trennungsfrustration zu verhindern - ist in ihrer möglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen: Wenn er z.B. erleben würde, daß er damit Erfolg hat (indem etwa die Mama die angekündigte Abwesenheit storniert), dann würde er lernen, daß der Einsatz des Immunsystems zur Frustrationsverhinderung zweckmäßig ist. Nun ja, das ist dir ja alles vertraut.
Wie lang war denn bisher die längste Zeitspanne, in der er auf dich verzichten mußte? Du hast bis Freitag noch ein wenig Zeit: Du könntest ihn ein wenig „impfen“, indem du z.B. einen halben Tag abwesend bist und ihn dadurch den Lernschritt machen läßt, daß es nicht ganz so schlimm ist, wenn die Mama weggeht - denn sie kommt ja wieder und dann ist die Freude doppelt groß …
Wenn ihr es hinkriegt, daß das zu erwartende Ereignis nicht das ist, daß die Mama unterwegs ist, sondern vielmehr, daß der Papa den Zwerg mit auf eine Abenteuereise nimmt, dann sollte das doch sicher dazu beitragen, daß er diese erste steile Kurve im Leben hinkriegt …
Wenn du aber umgekehrt eine gemeinsame Abenteuerreise ankündigst, die in diesem Fall als Belohnung für das Aushalten deiner Abwesenheit erkannt würde, dann zeigst du ihm damit, daß deine Abwesenheit ein Drama ist, dessen Bewältigung einer Belohnung überhaupt bedarf. Das könnte zur Folge haben, daß der o.g. Versuch, das Drama durch Krankheit zu verhindern, um so stärker als notwendig erscheint. Das könnte die Immunabwehr weiter schwächen.
Was würdest du einer anderen Mutter raten, die in deiner Situation wäre?
Gute Reise und gute Besserung
Metapher