Hallo India,
es ist ja schon viel auf Dein Posting hin geschrieben worden, daher nur noch ein paar Ergänzungen.
Es ist ziemlich schwierig, ohne Erfahrung die Signale eines Hundes richtig zu verstehen. Knurren kann Dominanz, Spiellaune, Wohlgefühl1 und noch einiges anderes ausdrücken, abhängig von der Situation, der sonstigen Körpersprache, dem Klang des Knurrens usw.
Wedel mit der Rute bedeutet auch nicht immer Freude, auch das hängt von weiteren Signalen und Rahmenbedingungen ab.
Um die Signale eines Hundes wirklich zu verstehen, muss man seine Lautäußerungen, die Ohrenstellung (hochgestell, angelegt etc.), die Rute (hoch, geklemmt, wedelt …), das Fell (gesträubt, wo gesträubt), die Mundwinkel (spitz, rund), die Augen (Blick wohin, normal oder weit aufgerissen), die Zunge (züngelt er?) und seine gesamte Körperhaltung mit einbeziehen.
Hierzu empfehle ich das Buch „Hundepsychologie, Wesen und Sozialverhalten“ von Dr. Dorit Feddersen-Petersen, einer der führenden Verhaltensforscherinnen bei Caniden (ISBN 3-440-05589-2 Buch anschauen).
Im vorliegenden Fall gehe ich aufgrund der Umgebungsvoraussetzungen schon davon aus, dass das Knurren hier tatsächlich eine Verteidigungsäußerung war, allerdings bei einem Welpen möglicheweise auch ohne Ernstbezug, d.h. es war spielerischer Natur. Wenn ich mit unseren Hunden spiele , knurren sie mich auch an, das würden sie aber außerhalb des Spiels niemals tun.
Wenn es ein ernst gemeintes Signal war, solltest Du so etwas als Rudelführer unterbinden (Schnauzengriff, von oben die Schnauze umfassen, klares entschiedenes „NEIN!“). Ganz wichtig ist aber hier das Timing. Wenn er knurrt, und Du machst das zehn Sekunden später - vergeblich. Die Reaktion muss sofort kommen, innerhalb von einer Sekunde, zwei sind eher schon zu lang. Das gilt übrigens auch für Bestärkungen.
Für die Festlegung der Rangordnung ist es nicht nötig, den Hund dauernd zu unterwerfen oder „runterzudrücken“, viel wichtiger und effektiver ist, stets und immer darauf zu achten, dass man als Rudelführer agiert und nicht reagiert , d.h. man darf sich niemals von seinem Hund steuern lassen. Einen dominanten Hund streichelt man, wenn man ihn streicheln will, nicht dann, wenn er ankommt und gestreichelt werden will. Er bekommt sein Fressen, wenn man es ihm geben will, nicht, wenn er danach verlangt. Sobald der Hund die Erfahrung macht, dass er seinen oder seine Menschen steuern kann, in der Hand hat, ist die Rangordnung gestört.
Der Empfehlung, eine Hundeschule zu besuchen, kann ich mich nur anschließen. Ich habe seit 20 Jahren Hunde und bilde mich immer noch weiter, man lernt immer noch dazu. Leider ist es nicht einfach, eine gute Hundeschule als solche zu erkennen, wenn man selbst noch wenig Ahnung hat. Auf jeden Fall sollte dort mit wenig Zwang und viel Motivation und Bestärkung (Lob, Spiel, Leckerli) gearbeitet werden.
Die in meinen Augen beste Herangehensweise für eine positive und erfolgreiche Hundeerziehung habe ich jetzt kürzlich kennengelernt. Sie nennt sich „Lind-art“ nach Ekard Lind (http://www.lind-art.de/). Sie bedient sich in erster Linie der Primärmotivation (Freude am Tun) durch artgerechtes Spielen und Verwendung einer arttypischen Körpersprache, in zweiter Linie der Sekundärmotivation (Belohnung) und nur dann, wenn es unvermeidbar ist, der Meidemotivation (Vermeidung von negativem Feedback). Insofern ist das noch ein deutlicher Schritt weiter als die Erziehung vorwiegend durch Bestärkung, die ja auch schon sehr positiv zu sehen ist.
Hier muss zunächst erst einmal der Hundeführer richtig ausgebildet werden, bevor man das richtig anwenden kann, aber es lohnt sich. Lind-art Hunde sind mit so viel Freude bei der Sache, das ist fantastisch. Ein Lind-art-Könner macht mit fremden Hunden, die er noch nie gesehen hat, die tollsten Sachen, ohne ein Wort zu sprechen, nur mit Körpersprache, Gestik, Mimik, Lauten etc., ich hab’s selbst gesehen.
Auch bei Lind-art ist die Einhaltung der Rangordnung ein wichtiges Thema. Die drei Säulen der Mensch-Hund-Beziehung: Vertrauen, Kommunikation und Rangordnung.
Ekard Lind arbeitet übrigens auch mit Frau Dr. Feddersen-Petersen (siehe oben) zusammen.
So, ist ganz schön lang geworden, sorry, aber speziell über Lind-art könnte man stundenlang schreiben.
Grüße
Sebastian
1 Unsere Hündin (6 Monate) knurrt wie ein Tiger, wenn man sie knuddelt und massiert, und zwar aus Wonne.