Zu betrachten ist die Energie, die dem
Wasser „entzogen“ werden muß. Und da ich davon ausgehe, daß
die Wassergefäße vergleichbar sind, und unter den selben
Bedingungen abgekühlt werden, sind die Randbedingungen auch
völlig egal.
Da machst Du es Dir entschieden zu einfach. Wichtig ist nicht nur wieviel Energie abgegeben wird, sondern auch wie schnell das geschieht. Da die Geschwindigkeit des Wärmeaustausches proportional zur Temperaturdifferenz zwischen Gefäß und Umgebung ist, sind die Randbedingungen von entscheidender Bedeutung.
Zunächst zur Theorie:
Die quantitative Beschreibung der Abkühlung eines Gegestandes wird durch das Newtonsche Abkühlungsgesetz beschrieben:
- (Wärmeaustausch) : dQ/dt=-K*(T-TU)
- (Temperaturveränderung): dT/dt=-(T-TU)/τ
dQ/dt … Leistung der Wärmeabgabe
T … Temperatur des Gegenstandes
TU … Temperatur der Umgebung
K … Wärmeaustausch-, -übergangs- oder -durchgangskonstante
dT/dt … Temperaturänderung
τ … Zeitkonstante der Abkühlung
Die Zeitkonstante τ entspricht dem Quotienten von K und der Wärmekapazität C des Gegenstandes. Unter der Annahme, daß TU und τ konstant sind, führt die Integration der Differentialgleichung für die Temperaturänderung zu
ΔT(t)=ΔT0*exp(-t/τ)
und die Zeit für die Abkühlung des Gegenstandes von einer Ausgangstemperaturdifferenz ΔT0 auf eine Endtemperaturdifferenz ΔTe beträgt
t=τ*ln(ΔT0/ΔTe)=τ*ln[(T0-TU)/(Te-TU)]
Für eine Umgebungstemperatur von –10°C und eine Zeitkonstante von 85 Minuten (die ich gerade an einem 1l-Glasgefäß gemessen habe), ergibt das bei 20° Anfangstemperatur eine Zeit von 93 Minuten und bei siedendem Wasser 204 Minuten bis zum Gefrierpunkt.
Aus der Differentialgleichung für den Wärmeaustausch können wir auch die Zeit berechnen, die für das Erstarren nötig ist:
Δt=-τ*ΔQ/(C*ΔT)
Ber Vernachlässigung der Dichteunterschiede können wir näherungsweise ΔQ=-333,89kJ und C=4,186kJ/K setzen und erhalten eine Zeit von 678 Minuten für das Erstarren von einem Kilogramm Wasser. Es müssen demnach nur 164g Wasser verdunsten um die längere Abkühlzeit zu kompensieren.
Das wäre zwar schon im Bereich des Möglichen, aber jetzt kommt der entscheidende Trick: Das siedende Wasser kühlt nicht nur durch einfachen Wärmeaustausch mit der Umgebung ab. Den Löwenanteil des Wärmeverlustes führt der entweichede Wasserdampf in Form der Verdampfungswärme mit sich. Durch diesen Effekt (den wir übrigens selbst zur Temperaturregulation verwenden, indem wir schwitzen) führt zu einer erheblichen Beschleunigung der Abkühlung von 100°C auf 20°C, was die notwendigen Verdunstungsverluste auf wenige Milliliter begrenzt.