Hi!
Nachdem die „Cinema“ in zwei Ausgaben hintereinander den Film „Königreich der Himmel“ über den grünen Klee gelobt hat (Zitat: „Ridley Scott gibt uns mit ‚Königreich der Himmel’ die Freude am historisch korrekten Kostümfilm zurück. Hier stimmt einfach alles: die Schauspieler, die Story, die Botschaft und vor allen Dingen das Vergnügen am Zuschauen.“, Bewertung: Daumen senkrecht hoch), habe ich mir den Film angesehen.
Während der Vorstellung nahmen meine Zweifel an der Qualität des zuständigen Redaktionsmitgliedes stetig zu.
„Stimmige Schauspieler, Stroy, Botschaft“ - halte ich für einen puren Witz.
Orlando Bloom gelingt es in keiner Phase des Filmes, mich wirklich für seinen Balian zu begeistern oder auch nur irgendwie mitzufiebern. Balian ist ein Schmied in einem kleinen französischen Dorf und gilt dort als Außenseiter (warum wird nicht erklärt); er kann lesen und schreiben (was für das Mittelalter schon eine Sensation ist), aber nicht mit dem Schwert kämpfen; dafür beherrscht er später aber perfekt die Bewässerungstechnik in der arabischen Wüste, und - was dem Ganzen die Krone aufsetzt - er weiß als kleiner, unbekümmerter Schmied exakt, wie man eine befestigte Stadt gegen ein überlegenes Heer verteidigt. Um was geht es diesem Balian denn nun wirklich?
Hmmpf!
Dreiviertel der Zeil im Kino habe ich mich gefragt, warum Balian (Bloom) sein Leben riskiert. Anfangs hieß es, die Pilgerfahrt nach Jerusalem würde seine Seele und die seiner durch Selbstmord geendeten Frau vor dem Fegefeuer erretten. Ich im Logen-Kinosessel: „Aha, schwerer innerer Konflikt.“ Pustekuchen. Kaum war Papa Neeson gestorben, ging es Balian/Bloom nur noch um das Familienerbe. Auf nach Jerusalem, um Anspruch auf Grund und Titel zu erheben. Er riskiert sein Leben für Land und Titel eines Mannes (Vaters), den er noch nie in seinem Leben vorher gesehen hat? Sehr schlüssig, Herr Drehbuchautor Monahan! Und was ist mit seiner ursprünglichen Motivation? Vergessen, besonders als (die absolut nervige und völlig überflüssige) Sybilla auftaucht. Da wird sofort geguckt, gegrabbelt und sich auf dem Laken gewälzt.
Hmmpf!
Als es schließlich zum Krieg gegen Saladin kommt, sind alle Motive (Seelenheil, Grundbesitz) für die Katz. Jetzt geht es Balian nur noch um die Rettung der Jerusalemer Bevölkerung, weil Saladin mit 200.000 Mann vor den Toren steht. Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in der Situation auf Verhandlungen gesetzt: Jerusalem ist gegen diese Übermacht nicht zu halten, das weiß auch Balian, und Saladin weiß sehr gut, dass eine Sturmangriff vielen Muslimen das Leben kosten wird. Was wäre also logischer als die Übergabe der Stadt gegen freien Abzug aller Einwohner auszuhandeln? Nein, so clever ist Balian - oder der Drehbuchautor - nun doch nicht. Statt dessen rennen Saladins Krieger gegen die Stadtmauern an und auf beiden Seiten gibt es viele Tote und Verletzte, bis Saladin schließlich die Verhandlungen eröffnet.
Was für ein Käse!
Nehmen wir eine andere Figur des Filmes: Tiberias (Jeremy Irons). Er kämpft verzweifelt um den Erhalt des Friedens, wird aber nach dem Tod des Königs von Jerusalem gezwungen, den neuen Herrscher namens Lusignan (einer der Kriegstreiber) die Treue zu schwören. Was für eine Situation für eine Geschichte: Da will einer Frieden und muss einem Kriegstreiber dienen! Was für ein Konfliktpotential! Aber was macht der Film damit? Tiberias zieht sich nach Zypern zurück und ward im Film nicht mehr gesehen. Dafür schiebt diese gräßlich Sybilla andauernd ihre hennabemalten Händen ins Bild.
Hurrks!
Okay, die Schlachtszenen sind wirklich beeindruckend. Aber das sind viele Kampfszenen aus B-Movies auch. Die historische Genauigkeit ist größtenteils gegeben (der König von Jerusalem litt wirklich extrem unter Lepra und trug diese silberne Gesichtsmaske, Lusignan und Raynald waren die dargestellten kriegstreiberischen Volltrottel; hingegen bekamen die Einwohner Jerusalems keinen freien Abzug, sondern mussten sich bei Saladin freikaufen).
Für einen wirklich und rundum gelungenen Film erwarte ich aber deutlich mehr - zum Beispiel Figuren, mit denen man mitempfinden kann. Eine Handlung, die in sich stringend ist und nicht von einem Plot Point zum nächsten humpelt. Nach den zweieinhalb Stunden im Mittelalter kann ich nur sagen, dass der Film von der Cinema-Redaktion weit über Wert eingestuft wird.
Gibt es hier ähnliche / entgegengesetzte Meinungen?
Grüße
Heinrich

