Hallo Utah,
folgendes kann ich dazu beisteuern:
Die Regelung der inneren Gleichgewichte, zu denen auch das physikalische Ergebnis des Stoffwechsels - die Temperatur - gehört, übernimmt eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Region im Gehirn. Das ist verständlich, weil eigentlich alle, nicht wechselwarmen, Tiere ihre Körpertemperatur regeln müssen, um weder zu erfrieren noch zu überhitzen und debei auszutrocknen.
Im Hirnstamm bzw. Zwischenhirn bis hin zu den großen Kernen - Nuclei - der Hypothalamus-Region sitzen einige bedeutsame Steuer-Einheiten, die für solche Regelvorgänge gemeinsam zuständig sind.
Über die Riechbahn kommt Information über chemische Stoffe, auch etwa Lockstoffe (Pheromone) und Hormone - die werden emotional verarbeitet.
So kann sich jedes Tier / jeder Mensch in der Umgebung, in Anwesenheit Anderer orientieren, kann Andere sympathisch, gefährlich, reizvoll finden - und entsprechend mit Zuwendung, Abwehr/Angst, geschlechtlicher Erregung reagieren.
Über innere Temperatur-Sensoren kommen Informationen über die so genannte „Kerntemperatur“ in die Region des Hypothalamus und zu den „Raphekernen“.
Hier werden einige Hormone zur Regelung des Kreislaufs gebildet, z.B. Vasopressin/Argenin und Oxytocin. Das Argenin-Vasopressin-System (AVP) ist zuständig für den Flüssigkeitshaushalt, wirkt Blutdruck-steigernd, verringert die Wasserausscheidung, und Oxytocin wiederum ermöglicht eine besondere Dehnung der Gefäße, bei Frauen bereitet es u.a. auch den Geburts- und Stillvorgang vor.
Hier erfolgt also nicht nur die Steuerung der Nierenfunktionen, sondern auch der Eng- und Weit-Stellung der Gefäße. Das hat Auswirkungen auf die Bereitschaft zu flüchten/kämpfen, aber eben auch auf die Regelung der inneren Temperatur („Kerntemperatur“).
Im Hypothalamus und dem so genannten limbischen System werden überhaupt die Grundfunktionen von Lebenserhaltung bis Fortpflanzung geregelt. Das geschieht immer in so genannten (positiven oder negativen) „Rückkoppelungs-Kreisen“, wo hormonartige Substanzen „förderlich“ bzw. „hemmend“ in einen Vorgang eingreifen können: „Librine“ (Freisetzer) und „Statine“ (Hemmer).
Die Temperaturfühler nehmen wahr, welche Temperatur durch die ständigen „Verbrennungsvorgänge“ des Grund-, Erhaltungs- und Leistungsumsatzes entsteht. Verständlich ist, dass vermehrte Bewegung, Muskelarbeit, vermehrt Wärme produziert, weil in den Zellen ein erhöhter Umsatz von verfügbarer Energie in Leistung und Abwärme entsteht.
Ist uns kalt, beginnen die Muskeln reflexartig zu vibrieren und so Wärme zu erzeugen. Sind wir sexuell erregt, entsteht ebenfralls vermehrt Wärme.
Ist uns heiß, beginnen die Blutgefäße in der Haut sich zu weiten, die Haut wird rot und „gut durchblutet“, und auch die Schweißdrüsen bekommen einen Impuls Flüssigkeit abzusondern. Die große Oberfläche der Haut, an der Wärme abstrahlen und Flüssigkeit verdunsten kann („Verdunstungskälte“), bewirkt eine Verringerung der Hauttemperatur.
Über den Blutkreislkauf gelangt diese niedriege Temperatur auch in den Körperkern und an die Temperatur-Regler in der Hypothalamus-Region. Diese reagieren, so bald eine Kerntemperatur von ziemlich genau 36,8°C erreicht wird.
Über die Vasopressin-Ausschüttung kann danach die Weit-Stellung der Kapillaren wieder reduziert werden. Damit wird ein zu großer Wärmeverlust vermieden.
Scharf gewürzte Speisen verursachen eine erhöhte Aktivität von Schmerzrezeptoren in der Mundhöhle. Diese Aktivität wird ähnlich interpretiert (gedeutet) wie ein Hitzereiz und verursacht deswegen ebenfalls eine Weit-Stellung der Hautgefäße und die Aktivierung der Schweißdrüsen.
Fieber stellt in dem Zusammenhang einen Sonderfall dar.
Sind Infektionskeime eingedrungen, beginnen diese im Fall von Bakterien: sich zu vermehren und auch Gifte zu erzeugen, im Fall von Viren: in Zellen einzudringen und das dort vorhandene genetische System umzuprogrammieren, damit eine Verfvielfältigung(Reduplikation) des viralen Gen-Materials stattfindet, und das wieder führt zu Fehlfunktionen oder Zerstörung der befallenen Zellen, die wiederum von Fresszellen (Makrophagen) umgesetzt werden müssen. Auch hier entstehen Zellgifte, die auf chemischem Wege das Wärmezentrum rezen können.
In beiden Fällen kommt eine Kaskade von Abwehrreaktionen in Gang: erst „unspezifisch“, einige Tage später „spezifisch“ gegen bestimmte körperfremde Strukturen (von Bakterien oder Viren) gerichtet.
All diese Vortgänge erzeugen - über chemische Botenstoffe oder durch den erhöhten Stoffwechsel - eine erhöhte Temperatur.
Im Zwischenhirn gibt es dabei auch eine Region, die eine „Hochregelung“ der Kerntemperatur zulässt. Fieber kann entstehen. Aus der Evolutionsgeschichte haben Säugetiere und auch der Mensch gelernt, dass bestimmte Vorgänge bei der Immunabwehr durch eine erhöhte Kerntemperatur begünstigt werden.
Daher ist es verkehrt, Fieber durch Medikamente sofort zu bekämpfen. Man fühlt sich ja nicht bloß deswegen unwohl, weil es „heiß“ ist. Bekämpft man einen Fieberschub voreilig, kann man dadurch einen Teil der Immunabwehr behindern.
Abwehr-Zellen, die durch „chemotaktische“ Reaktion (also „angelockt“ durch Moleküle, auf die sie zielsicher mit Annäherung reagieren) an den Ort des Geschehens kommen und dort schädliche Strukturen zerstören sollen, gelangen langsamer dahin, andere chemische Reaktionen, die beschleunigt werden sollten, bleiben sozusagen im „Standby“, und damit gibt man den Bakterien, zum Teil auch Viren, die Chance mehrere Vermehrungszyklen durchzumachen.
Fieber kann in vielen Fällen relativ früh solche Zyklen behindern und so ganz allgemein bessere Voraussetzungen für die langsam in Gang kommende Abwehr schaffen.
Kurz gesagt: Bei allen Säugetieren und beim Menschen gibt es im alten Teil des Gehirns (Paläozephalon) Regelmechanismen, die unsere Körperfunktionen auf die veränderlichen Außenbedingungen einstellen. Das geschieht zum Teil neuronal (durch Nervenbahnen und spezialisierte Nervenzellen) und, damit im Zusammenhang, auch humoral - über freigesetzte steuernde chemische Substanzen.
21.05.2011 Dr. V. Ellmauthaler http://www.medpsych.at