Hallo Nena,
ich finde es sehr erfrischend, Deine Empörung zu den „redseligen“ Therapien zu lesen. Ich denke auch, daß man irgendwann an den Punkt kommen muß, Taten folgen zu lassen und Eigeninitiative zu ergreifen. Und als genau das erscheint mir Dein Wunsch: Weg von der Theorie und hin zur körperlich-sinnlichen Praxis des Sich-Wirklich-Erlebens.
Nicht immer nur auf der Landkarte in längst verlassene oder noch zu ergründende Länder reisen, sondern sich in den Tag stürzen und den Augenblick mit allen Sinnen er-leben. Wenn dieser Wunsch aufkommt, wenn dieser Durst wieder gespürt wird, beginnt man sich wieder etwas zuzutrauen. Man fühlt sich fähig, mit den Unwägbarkeiten des Alltags fertig zu werden und traut sich zu leben, obwohl man nicht wissen kann, was einen erwartet.
Wenn Du aber von Körpertherapien sprichst, so könnte darin wieder eine Sicherheitsleine gesehen werden. Warum überhaupt Therapie? Warum sich nicht in die Tradition der Selbstkultivierung einreihen. Eine Therapiebedürftigkeit annehmen, bedeutet immer eigene Kompetenz anzuzweifeln. Sich weiter-entwickelnd akzeptiert man die momentanen Grenzen als vorrübergehende Durchgangsstadien. Notwendige Wegpunkte, die nicht fremdbestimmt beseitigt werden müssen, sondern mit eigener Durchdringung erkennend durchschritten werden können.
So modern es heute geworden ist von Körpertherapien zu sprechen, und so wichtig ich diesen Ansatz eigentlich finde, so abhängig machend kann er sein, wenn die Perspektive nicht stimmt.
In Asien, wo die Kultur des Übens eine jahrtausendalte Tradition hat, spricht kein Mensch von Therapie dabei.
Der Schüler wird so weder für schwach gehalten noch wird er verwöhnt. Er ist auf dem Weg, auf seinem ganz persönlichen Weg, für den er die kompetenteste Person werden kann. Dieses Zutrauen zu sich selbst, ist das Wichtigste beim Erkennen des eigenen „Körpers“. Man kann seinen Körper nicht erkennen. Man erkennt immer nur sich selbst.
Ich bin seit 15 Jahren im Bereich Körpertherapien tätig und halte sehr viel davon. Aber ich sehe immer mehr, daß die meisten Teilnehmer in den Kursen eine Abkürzung des Erkenntnisweges suchen. Andere sollen helfen, andere sollen die Mühe abnehmen. Es ist sehr selten, daß jemand einfach aus erlebnishungriger Neugier kommt. Man hat immer schon ein Ziel im Sinn. Man möchte Streßabbau, Spaß, Gesundheit. Wie kann Selbsterkenntnis eintreten, wenn man den in der Vergangenheit eingeschlagenen Weg nicht verlassen möchte?
Herzliche Grüße und viel Erfolg bei Deiner Suche.
Hans
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