Hallöchen,
ich hoffe ich bin hier richtig.
Ich hatte gestern mit einem Freund eine heftige Diskussion über die Eigenarten von Sprachen.
Er meinte, daß vor allem alte Sprachen mit einer komplizierten Grammatik und einem riesigen Wortschatz besser geeignet sind, seinem Gegenüber eine Sachlage zu schildern.
Zum Beispiel wenn wir im Deutschen kein Wort für „peinlich“ hätten. Dann würden wir sagen, daß ist uns vielleicht unangenehm, wir finden die Situation nicht schön, etc. Aber nichts beschreibt „peinlich“ umfassend.
Er meinte, daß eine komplexe Sprache mit vielen Wörtern für jede Situation schon das passende haben wird und man nicht gezwungen ist, durch Umschreibungen jemand anders was zu erklären.
Ich bin jedoch anderer Meinung. Ich denke, die Art, wie man spricht ausschlaggebend ist und auch, inwieweit man sich in seinen Gesprächspartner hineinversetzen kann. Z.B. ich akzeptiere, daß der andere Null Ahnung hat, deshalb fange ich bei Adam und Eva an.
Ich kann auch Unverständlich daher reden, wenn ich die Sprache in seiner ganzen Form ausnutze.
Hallo, Sina,
bei einem Dialog sind ja zwei Personen beteiligt. Gleich ob der Wortschatz umfangreich oder eher karg ist, von Nutzen werden nur diejenigen Wörter sein, die beiden gleichermaßen bekannt sind.
Dabei ist es, wie Du ja schon festgestellt hast zudem wichtig, dass sich die Gesprächspartner aufeinander und ihren Wissensstand einstellen.
Wenig sinnvoll wäre es, einem Kind z.B. einen Vortrag über die „Phylogenetik der nicht-menschlichen Primaten“ zu halten, Allerdings könnte man dem gleichen Kind schon klarmachen, dass Menschenaffen gemeinsame Vorfahren haben.
Es ist also nicht der Umfang des möglichen, sondern der Bereich des gemeinsam beherrschten Wortschatzes ausschlaggebend. Solange es sich um die gemeinsame Muttersprache handelt, spielen auch komplizierte Syntaxregeln keine wesentliche Rolle.
Was allerdings wieder von erheblicher Bedeutung ist, ist die Prosodie, die Satzmelodie, die kleinen Sprechpausen, die Betonung, die in nicht unerheblichem Maße zum Sprachverständnis beiträgt.
Hallöchen,
ich hoffe ich bin hier richtig.
Ich hatte gestern mit einem Freund eine heftige Diskussion
über die Eigenarten von Sprachen.
Hallo,
mein Beitrag zur Eigenart von Sprachen kommt hier. Die Schlüsse daraus kannst Du selber ziehen.
Mir hat jemand erzählt von Kindern, die dreisprachig aufwuchsen: Deutsch, Rumänisch, Ungarisch, also drei grundverschiedene Sprachen. Die Kinder hatten zwar eine Vorliebe für eine gewisse Sprache, nur war die nicht ganz allgemein, sondern immer von der Situation abhängig: Wollten sie z.B. ihre Eltern um etwas Bitten, oder sonst irgendwie Vorteile ergattern, so baten sie in rumänisch darum. Wollten sie dagegen einen komplizierten Sachverhalt genau erklären, so taten sie das auf Deutsch. Ungarisch aber wählten sie, wenn sie voller Wut ganz fürterlich schimpfen und fluchen wollten.
Er meinte, daß vor allem alte Sprachen mit einer komplizierten
Grammatik und einem riesigen Wortschatz besser geeignet sind,
seinem Gegenüber eine Sachlage zu schildern.
dann müssten Programmiersprachen das ideale Verständigungsmittel sein - die Grammatik ist eindeutig festgelegt, der Wortschatz geht gegen unendlich. Trotzdem kenne ich niemanden, der sich in Cobol oder Java unterhalten möchte. Wie kommt’s? Sprachliche Kommunikation scheint wesentlich mehr zu sein als nur das Aneinanderreihen von Wörtern nach festen Regeln. Es ist sowieso ein Wunder, dass unser Gegenüber kapiert, wovon wir sprechen - wir stammeln, nuscheln, verschlucken ganze Satzteile, stellen grammatische Reihenfolgen auf den Kopf, verwenden Begriffe, die nur entfernt das treffen, was wir meinen - und es klappt trotzdem. Mein Respekt gehört nicht dem Sprecher, sondern dem Zuhörer, der ist nämlich derjenige, der die Arbeit hat (und nicht sagen darf „Red nicht so einen Quark“).
Viel wichtiger als die Komplexität der Sprache ist die Komplexität der Teilnehmer, genau wie Du sagst: Sich in den Anderen hineinversetzen ist schon die halbe Miete.
Dazu kommt natürlich das, was neben der Sprache benutzt wird, um sich zu verständigen: Gestik, Mimik, Tonfall, Lautstärke, Nähe. Sonst wäre wohl kaum vorstellbar, dass sich Leute auch auf Kisuaheli (soll nur 300 Wörter haben) verständigen können.
Er meinte, daß vor allem alte Sprachen mit einer komplizierten
Grammatik und einem riesigen Wortschatz besser geeignet sind,
seinem Gegenüber eine Sachlage zu schildern.
dann müssten Programmiersprachen das ideale
Verständigungsmittel sein - die Grammatik ist eindeutig
festgelegt, der Wortschatz geht gegen unendlich.
Das mußt du mir mal erklären!
Die „Grammatik“ einer Programmiersprache ist extrem unflexibel und alles andere als kompliziert - Programmierbefehle kann man nicht variieren. Versuch mal, die Syntax von
IF Bedingung THEN Anweisung1 ELSE Anweisung2 END-IF
zu verändern (z.B. Anweisung1 IF Bedingung ELSE Anweisung2 END-IF). Fluppt nicht.
Und Programmiersprachen mit einer unendlichen Anzahl von Befehlen dürfte es auch kaum geben. Die Anzahl der Schlüsselwörter liegt meist im überschaubaren Bereich - von ein paar Dutzend (z.B. in C) bis hin zu vielleicht 200 oder 300 in anderen Sprachen. Vergleich das mal zum Wortschatz eines Duden (mehrere zehntausend Wörter). Es ist sicher richtig, daß man mit den Schlüsselwörtern einer Programmiersprache eine unendliche Anzahl von Funktionen oder Programmen basteln kann, aber das wäre vergleichbar mit einer unendlichen Anzahl von Texten, die durch mittels der Sprache geschrieben werden.
Er meinte, daß vor allem alte Sprachen mit einer komplizierten
Grammatik und einem riesigen Wortschatz besser geeignet sind,
seinem Gegenüber eine Sachlage zu schildern.
Zum Beispiel wenn wir im Deutschen kein Wort für „peinlich“
hätten. Dann würden wir sagen, daß ist uns vielleicht
unangenehm, wir finden die Situation nicht schön, etc. Aber
nichts beschreibt „peinlich“ umfassend.
Er meinte, daß eine komplexe Sprache mit vielen Wörtern für
jede Situation schon das passende haben wird und man nicht
gezwungen ist, durch Umschreibungen jemand anders was zu
erklären.
Also Sprache - elaborierte Sprache - lässt sich ja nicht nur auf Gesprochenes reduzieren. Aber ich glaube den Zusammenhang von „komplizierter Grammatik und riesigem Wortschatz“ nicht. Den größten Wortschatz hat das Englische, und das ist eine vergleichsweise sehr wenig komplexe Sprache. Vielleicht sind Wortschatz und grammatikalische Komplexität zwei verschiedene Strategien, um subtile Sachverhalte aussagbar zu machen … dass es da einen Unterschied gibt, merkt man ja sofort, wenn man einen literarischen oder philosophischen Text aus einer romanischen Sprache ins Englische übertragen will.
meiner Meinung nach bedürfen komplexe Zusammenhänge komplexer Sprachen. Nicht umsonst haben sich eine Vielzahl von Fachsprachen gebildet. Und selbst innerhalb einer Fachsprache gibt es so viele Richtungen, daß ein Speziallist der einen Richtung Probleme mit einer anderern Richtung kriegen kann. Passiert mir als Chemiker (spezialgebeit: Synthese, organische Chemie) regelmäßig, wenn ich z.B. mit einem Physikochemiker oder Theoretiker zusammenkomme.
Nachteil ist natürlich, das Außenstehende ein riesiges Problem haben, die anderen zu verstehen. Aber mit einem rudimentären Wortschatz von 500 Worten läßt sich m.E. ein komplexes Problem nur sehr umständlich beschreiben.
zu dem Thema ist mir gleich ein kleines feines Büchlein eingefallen, was sich aber nicht direkt auf deine Frage bezieht, aber beziehen lässt. Und zwar: Uni-Angst und Uni-Bluff von Wolf Wagner. In einigen der kurzen Kapitel geht es um die Sprache der Wissenschaftler und Professoren und wie völlig verkompliziert und zunverständlich sie manchmal ist und warum es so eine „Schande“ ist, „volkstümlich“ zu reden. Vielleicht bringt dir das ja was.
hier läuft was schief: Ich habe von eindeutig festgelegt gesprochen, keineswegs von flexibel. Und mit Wortschatz sind natürlich nicht die Schlüsselwörter gemeint (PL/I kennt zB fast keine), sondern das, was an Begriffen (Expressions) konstruiert werden kann.
Meine Kunden haben sowieso eine etwas andere Auffassung von Flexibilität, sie kennen nur eine einzige Spezifikation: „Wenn ja, dann nicht; wenn nein, dann doch, sonst wohl!“ bzw in der englischen Fassung: „If else then otherwise“.
Gruß Ralf
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Zusammenfassung und Gesprächsverlauf
Einen schönen guten morgen an Euch alle,
ich möchte mich erstmal herzlich für die vielen Meinungen und Anregungen bedanken.
Ich dachte zuerst, daß mein Freund engstirnig an die Sache heran geht, aber wenn ich Eure Antworten lese, merke ich, daß das Problem bzw. die Frage sehr viele Punkte für eine weitere Diskussion bietet.
Ich habe die gleiche Problematik auch noch mit meiner besten Freundin diskutiert und vielleicht liegt die Art der Verständigung wirklich nicht so sehr an der Sprache an und für sich, sondern eher wie man sie spricht.
Meine Freundin ist eher der Meinung (so wie ich inzwischen auch), daß eine Verständigung ja zwischen mindestens zwei Personen erfolgen muß. Wenn die Randbedingungen wie Sachkenntnis, Auffassungsvermögen, Kreativität etc. nicht vorhanden ist, dann wird es immer zu Schwierigkeiten in der Verständigung kommen. Ebenso, wenn der Wortschatz einer Sprache nur beuspielsweise 500 Wörter beträgt.
Mein Freund ist eher der schwarz-weiß Typ. Ihn sagt die eine Theorie mehr zu, also ist das die richtige. Irgenwelche Grauzonen werden einfach ignoriert.