Konservieren von Papier

Seid mir gegrüßt, wwwler!

Nach langer Abstinenz habe ich nun endlich wieder Internetzugang und somit den Weg zu disem Hort des Wissens gefunden.
Ich weiß zwar nicht, ob meine Frage so wirklich in diese Sparte passt, aber da sicher viele geschichtsinteressierte Menschen diesen Eintrag lesen werden, hoffe ich, dass mir jemnd diese Frage beantworten kann. Mein Problem ist nämlich folgendes:

Von meinem inzwischen verstorbenen Großvater habe ich einige Schriften, Zeitungen und Propagandamaterial aus dem Zweiten Weltkrieg bekommen. Inzwischen sind die Papiere aber recht vergilbt und werden brüchig.
Wie kann ich sie vor dem Verfall retten? Schließlich sollen auch meine Nachkommen diese Originaldokumente noch lesen können!

In Hoffnung auf Hilfe,
€va

Hallo, Eva,
auf jeden Fall erst mal digitalisieren! (Scannen) das machen auch die Profis: http://bibliotheksdienst.zlb.de/1997/1997_03_Bestand…
Grüße
Eckard

Hallo, Eckard und Eva,

auf jeden Fall erst mal digitalisieren! (Scannen) das machen
auch die Profis:

jaul! Die Profis machen das nur mit größten Bedenken. Papier ab ungefähr 1860 wurde unter Verwendung von Säuren aus Holzschliff hergestellt. Diese Säure blieb im Papier und ist auch für Vergilben/Brüchigwerden verantwortlich. Jede Belichtung (Scannen) führt dazu, dass das Papier noch weiter zerstört wird.

Deshalb haben einige wissenschaftliche Zeitschriften in der Bib., in der ich arbeite, zum Beispiel striktes Kopierverbot …

Der Zerfall ist übrigens ohne Einsatz der „richtigen“ Chemie unaufhaltsam. Weil das Geld und viel Zeit kostet, retten Bibliotheken deshalb auch nur das aller- allerwertvollste im Bestand.

Wenn Eva ihre Dokumente wirklich retten will, ist der Gang zu einem Restaurator unumgänglich.

viele grüße
Geli

Einmalige Reproduktion?
Hallo Geli,

das hat mich immer interessiert, daher meine Nachfrage:

Die Profis machen das nur mit größten Bedenken. …
Deshalb haben einige wissenschaftliche Zeitschriften in der
Bib., in der ich arbeite, zum Beispiel striktes Kopierverbot

Ist es nicht besser, von einem Original wenigstens eine einzige Ablichtung herzustellen und so wenigstens den Inhalt zu retten, als nach einigen Jahren festzustellen, dass diese oder jene Ausgabe der einen oder anderen Zeitschrift gar nicht mehr reproduziert werden kann und als verloren gewertet werden muss?

Ich hatte schon einmal so ein Problem, wo einige Ausgaben der „Deutschen Hausfrauenzeitschrift“ (oder so ähnlich) nicht mehr zu bekommen waren, weder über Fern- noch über Auslandsfernleihe. Eine einmalige Reproduktion hätte den Inhalt erhalten, auch wenn kein echtes Exemplar mehr vorhanden ist. Und wie stuft man solche Zeitschriften ein, die zunächst als unbedeutend gewertet werden, aber nach Jahrzehnten vielleicht als kulturell oder historische Belege Bedeutung erlangen könn(t)en?

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Thomas,

das hat mich immer interessiert, daher meine Nachfrage:

Die Profis machen das nur mit größten Bedenken. …
Deshalb haben einige wissenschaftliche Zeitschriften in der
Bib., in der ich arbeite, zum Beispiel striktes Kopierverbot

Ist es nicht besser, von einem Original wenigstens eine
einzige Ablichtung herzustellen und so wenigstens den Inhalt
zu retten, als nach einigen Jahren festzustellen, dass diese
oder jene Ausgabe der einen oder anderen Zeitschrift gar nicht
mehr reproduziert werden kann und als verloren gewertet werden
muss?

grundsätzlich ja.
Nur: welche Art der Reproduktion?
Gewöhnlicher Schwarzweiß-Rollfilm?
= zersetzt sich ebenso wie Papier, wenn auch in anderen Zeiträumen, auf Grund anderer chemischer Zusammensetzung.
1:1 Papierkopie?
Auch säurefreies Papier lebt nicht ewig.
Digital?
welches Dateiformat? (welcher Datenträger?)
kannst Du noch 5,…Disketten lesen?
Versteht Dein PC noch DOS? (nur so als Beispiele)

Und die Kardinalfrage: wer soll das bezahlen?
Bereits Anfang der 90er Jahre herrschte im Bayerischen Finanzminsiterium Euphorie:
prima, Bibliotheken können jetzt alle Zeitschriften auf Microfilmen archivieren. Dann können wir doch die Etats kürzen!
Jahre später …
die Politiker lernten von den Bibliothekaren, dass Microfilme Lesegeräte brauchen, dass Zeitschriften erst einmal im Original vorhanden sein müssen, wenn Du sie verfilmen willst.

Ich hatte schon einmal so ein Problem, wo einige Ausgaben der
„Deutschen Hausfrauenzeitschrift“ (oder so ähnlich) nicht mehr
zu bekommen waren, weder über Fern- noch über
Auslandsfernleihe. Eine einmalige Reproduktion hätte den
Inhalt erhalten, auch wenn kein echtes Exemplar mehr vorhanden
ist. Und wie stuft man solche Zeitschriften ein, die zunächst
als unbedeutend gewertet werden, aber nach Jahrzehnten
vielleicht als kulturell oder historische Belege Bedeutung
erlangen könn(t)en?

Die Geschichte des Bibliothekswesens kennt ein Auf und Ab der Diskussion über wertvolle Literatur.
Heute gilt: alles, was in Deutschland erscheint und zur Kenntnis der Deutschen Bibliothek in Frankfurt und Leipzig kommt, wird in beiden Standorten archiviert. Nicht unbedingt ausgeliehen! Alles, was bundesweit nur einmal vorhanden ist, wird ganz sicher nicht entliehen. Es könnte ja verloren gehen/beschädigt werden.
Aber: was nicht in die Fernleihe geht, kann auf direkte Anfrage vom Benutzer sehr oft wenigstens am Standort eingesehen und evtl. kopiert werden.

Da aber auch die Deutsche Bibliothek nie Mitarbeiterüberfluss hatte, wurde und wird bei der Archivierung, die immer gleichzeitig eine Veröffentlichung des bibliographischen Nachweises ist, „gewichtet“. Es kann durchaus sein, dass Deine Hausfrauen-Zeitschrift friedlich neben den Heften des Maggi-Kochstudios irgendwo in den Tiefen eines Magazins schlummert und seit Jahrzehnten darauf wartet, dass Meinesgleichen sie ausgräbt und katalogisiert. (seufz)

viele Grüße
Geli

Hallo Geli,

danke schön für den ausführlichen Bericht.

Es kann durchaus sein, dass Deine
Hausfrauen-Zeitschrift friedlich neben den Heften des
Maggi-Kochstudios irgendwo in den Tiefen eines Magazins
schlummert und seit Jahrzehnten darauf wartet, dass
Meinesgleichen sie ausgräbt und katalogisiert. (seufz)

Das müsste dann aber doch sicher ein Zufallsfund sein, wenn es in der ZDB nicht verzeichnet ist und wenn das Original aus den 20er Jahren oder aus noch früherer Zeit stammt. In Falle der genannten Zeitschrift war es meiner Erinnerung nach so, dass die meisten Jahrgänge einmal vorhanden waren, der Gesamtbestand aber lückenhaft (also etwa L=5,1898; 2,1901 - oder so ähnlich). Es ist nicht mehr aktuell, mich interessiert das eher generell.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Ergänzung

achja, entschuldige bitte nochmal:
Das Wichtigste habe ich vergessen zu sagen:

Nur: welche Art der Reproduktion?

Ich wollte sagen, dass man eine Reproduktion auf Papier - wenn sie denn schon von einem Interessenten angefordert wird, der sie womöglich auch noch selbst ausführt - vornehmen sollte, also nicht ein generelles Kopierverbot aufstellt, sondern vielleicht erlaubt, dass im Fall der Nachfrage der Nutzer eine Kopie erhält und gleichzeitig verpflichtet wird, eine Kopie seiner Kopie der Bibliothek zur Verfügung zu stellen. Diese wäre dann natürlich säurefrei und länger haltbar als das Original. Damit wäre dann sowohl dem Nutzer gedient als auch der Bibliothek, die ja dann ein kopiertes Exemplar hat, das länger hält.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo, Geli,
klar in dem Maßstab, in dem es bei euch in der Bibliothek gemacht werden müßte, stehen dem etliche Hindernisse entgegen.

Aber bei Eva handelt es sich ja „nur“ um einige, mehr private Originale, die man nach dem Digitalisieren ja in einer Art „Zeitkapsel“ verschwinden lassen kann. Da kommt dann auch nichts mehr dran.

Und wohl wahr, die 5 1/4 Zoll Disketten (bei mir liegen noch etliche rum) kann man mangels Laufwerken und Betriebssystem nur noch schwer lesen :smile: Ich habe sogar noch Daten auf Datasetten, die mit CP/m erzeugt sind. Irgendwann einmal werde ich sie auch auf CD brennen :smile:

Selbst 3,25"-Disketten sterben langsam aus und in ein paar Jahren wird es den heutigen CDs ähnlich ergehen.

Aber bei ein paar privaten Kopien kann man die Mühen des Umkopierens schon auf sich nehmen und so die Daten von Generation zu Generation retten. Notfalls müssen sie eben neu codiert werden um auch mit modernen Programmen lesbar zu sein.

Über die Probleme mit großen und wertvollen Beständen, über die du schreibst, bin ich mir wohl im Klaren.

Lieben Gruß nach BY
Eckard

Hallo,
ich denke man kann zwar ohne weiteres den Inhalt retten und vervielfältigen, was z.B. bei „wichtigen“ Büchern oder Zeitschriften im Vordergrund stehen mag, aber ich denke gerade bei Matarial, wie das von Eva, geht es nicht unbedingt nur um den reinen Inhalt, sondern um Material an sich - als Zeitzeuge wenn man so will. Für mich ist es zumindest etwas anderes ein originales Schriftstück aus dem Zweiten Weltkrieg o.ä. zu betrachten oder in den Händen zu halten, als lediglich eine Kopie. Ich hoffe ihr versteht, wie ich das meine.

Ich denke aber auch, dass es doch fortschrittlichere, schonendere Methoden geben muss, als das Einscannen. Wie ist es zum beispiel mit photographieren?
Dunkel errinere ich mich zu dem Thema mal eine Reportage gesehen zu haben, ich kann mich allerdings garnicht mehr an den Inhalt errinern :frowning:

Wenn Eva ihre Dokumente wirklich retten will, ist der Gang zu einem Restaurator unumgänglich.

Wie würde denn ein Restaurator mit Evas Material verfahren?

Gruß,
Stanly

Hallo,

danke für deine Antwort, aber wir reden wohl aneinander vorbei.

Ich denke an solche Fälle, wo eine mit einer ausnahmsweisen Kopiererlaubnis verbundene Pflicht, eine Zweitkopie (in Papierform) an die Bibliothek abzugeben, den Inhalt des Exemplars, das als Unikat verfällt (womit Form und Inhalt gleichermaßen untergeht), wenigstens den Inhalt rettet. Natürlich ist es besser, Originale zu haben, aber wenn die schon zerfallen, könnte man wenigstens in diesen Fällen Kopien zulassen.

Ich hatte z. B. Probleme mit Exemplaren der folgenden Zeitungen und Zeitschriften:

  • Königsberger Hartungsche Zeitung
  • Pester Lloyd
  • Beiträge zur Kenntniß der Justizverfassung … in den preußischen Staaten
  • Archiv des Criminalrechts
  • Critisches Archiv der neuesten juristischen Literatur und Rechtspflege in Teutschland
  • Neues Archiv der Preußischen Gesetzgebung und Rechsgelehrsamkeit

Die letzteren sind Beispiele aus dem frühen 19. Jahrhundert, von denen in der Regel nur noch ein Exemplar existiert, vielleicht auch zwei, aber in einigen Bänden überhaupt nicht greifbar, eben weil der Verfall des Papiers das Kopieren nicht zulässt. In zehn Jahren sind vielleicht wieder eine Ausgaben vernichtet, weil eine rechtzeitige Kopie mit dem Kopiengebot verhindert wurde. Verstehst du, was ich meine? Die genannten Fälle sind bei mir nicht mehr aktuell, aber vielleicht interessiert sich in zehn Jahren wieder jemand für diese Zeitschriften. Dann hätte man mit den Kopien, die beispielsweise ich als Pflichtkopien abgeliefert hätte, eine Vorlage, die in den wirklich heiklen Fällen das Original jedenfalls inhaltlich ersetzen könnte.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo,

danke für deine Antwort, aber wir reden wohl aneinander
vorbei.

Hallo,
ich glaube nicht, dass wir aneinander vorbeireden. Ich wollte dir oder jemand anderem hier auch nicht widerspechen.
Ich meine nur, dass es sich bei dem Material der Themenstarterin um mehr oder minder persönliche Gegenstände handelt und es nicht nur um die Erhaltung der reinen Information geht.

Gruß
Stanly

Einverstanden. owT.

Hallo Thomas,

danke schön für den ausführlichen Bericht.

Es kann durchaus sein, dass Deine
Hausfrauen-Zeitschrift friedlich neben den Heften des
Maggi-Kochstudios irgendwo in den Tiefen eines Magazins
schlummert und seit Jahrzehnten darauf wartet, dass
Meinesgleichen sie ausgräbt und katalogisiert. (seufz)

Das müsste dann aber doch sicher ein Zufallsfund sein, wenn es
in der ZDB nicht verzeichnet ist und wenn das Original aus den
20er Jahren oder aus noch früherer Zeit stammt. In Falle der
genannten Zeitschrift war es meiner Erinnerung nach so, dass
die meisten Jahrgänge einmal vorhanden waren, der
Gesamtbestand aber lückenhaft (also etwa L=5,1898; 2,1901 -
oder so ähnlich). Es ist nicht mehr aktuell, mich interessiert
das eher generell.

je nun, dass Du Bestände aus der Zeit vor 1945 suchtest, hast Du meiner Erinnerung nach im Urpsrungsposting nicht erwähnt.

Generell gilt für die Jahre vor dem 2. Weltkrieg, dass alles, was Du heute nicht mehr nachweisen kannst, durch Kriegseinwirkungen im weitesten Sinn verloren ging.

Oder - wehen Herzens - von einem Bibliothekar aus dem Bestand ausgeschieden wurde, weil es:

  1. zu zerstört war, um es zu retten
  2. kein Geld für eine Rettung zur Verfüngung stand
  3. der Platz nicht reichte
  4. wichtigere Literatur gab
  5. der Sponsor nicht mehr wollte

… immer natürlich mit der Folge, dass wenig später irgend jemand aufschrie, weil gerade die für ihn wichtigste Literatur vernichtet wurde.
Nur leider zu spät.

viele grüße
Geli

Hallo Geli,

so ist das wohl, ich wollte ja auch niemanden beschuldigen. Aber vielleicht wäre mein Vorschlag ja praktikabel. Nur vermute ich, dass er sich (aus meiner Sicht: leider) nicht durchsetzen wird.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hi Eva,

der Zerfall von säurehaltigem Papier ist eine aufwendige und teurer Sache.
Weder die Chemikalien, noch die Gerätschaften sind einem 'Durchschnittmenschen ’ zur Verfügung.

Einige Bibliotheken und Archive haben eigene Abteilungen, die so was für die eigenen Bestände machen, aber sie sind so ausgelastet, daß sie keine fremden Aufträge annehmen.
Frag mal an der Uni Dresden nach, die haben ein Verfahren ausgearbeitet. Vielleicht gibts davon mittlerweile eine ‚Laienvariante‘
http://www.tu-dresden.de/mw/ihp/pt/pt.html

Gandalf