Kontroverse: Otto Dibelius und Karl Barth

Guten Abend liebe Wissende,

dies ist ein Doppel-posting, das ich bzw. meine Freundin so schon vor einigen Tagen im theologischen Brett gepostet habe. Dort konnte man ihr leider nicht helfen und ich denke, es hat auch was mit Geschichte >Kirche in der Weimarer Republik

Hallo Marco,

Mir sagt es
halt irgendwie gar nix, wenn ich lese, das Barth das
„lebendige Wort Gottes in der Bibel“ entdeckt. Das heisst für
mich alles und nichts. Vielleicht kann mir das jemand von euch
in einfachen Worten etwas verständlicher/nachvollziehbarer
machen, sowie auch den konkreten Inhalt der Kontroverse evtl.
auch vor dem Hintergrund der kirchenpolitischen Situation
dieser Zeit.

ich bin kein Theologe sondern Physiker, musste aber mal meine Frau abfragen, die sich Karl Barth zum Prüfungsthema erkoren hatte. Von daher ist mir die Aussage Barths in Erinnerung, „Gott sei der ganz Andere“. Wenn ich das richtig verstanden habe, wandte sich Barth damit gegen die Vermenschlichung Gottes durch die Theologie. „Die Wege des Herrn sind unerforschlich.“ Und jeder, der dies doch versucht, unterstellt Gott menschliche Beweggründe und schränkt ihn damit auf die eigenen Möglichkeiten ein.

Aber vielleicht findet sich jemand, der sich hierzu berufener äußern kann. „Vile sind berufen, doch nur wenige sind auserwählt.“ An diesem Satz kann man die Allmacht Gottes erkennen: Schon vor 2000 Jahren wußte er um die Einstellungpolitik der heutigen Kirchen.

Grüße, Thomas

Hallo,
das Posting im Religionsbrett muss mir entgangen sein.

Otto Dibelius (1880-1967) gilt als Harnack-Schüler und ist damit der sog. Ritschl-Schule zuzurechnen, wobei Einflüsse der sog. religionsgeschichtlichen Schule nicht auszuschließen sind. Aus seiner Biographie ergibt sich, dass er kirchlich der altpreußischen Union zuzuordnen ist und sicherlich grundsätzlich positiv der Verbindung von Thron und Altar gegenüberstand. Im Sinne der liberalen Theologie wird er weiterhin ein Anhänger des Kulturprotestantismus gewesen sein.
Dahinter steht theologisch: Als Christ muß man sich mit der Differenz der Moderne und dem Urchristentum auseinandersetzen. Ritschls Grundaxiom (theologisch anders argumentiert auch von der Religionsgeschichtlichen Schule geteilt) ist, dass vernünftige Religion (Vernunftbegriff zu dieser Zeit insbesondere der des Neukantianismus, aber hier ist auch Hegels Ideenlehre mit einzubeziehen) zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit sich selbst bereit sein muß (für Ritschl zumindest ein Beweis für die Überlegenheit des Christentums lutherischer Prägung). Der Kulturprotestantismus, auch eines Dibelius, kam mit dem WK I in eine große Krise: Die Verbindung von Gesellschaft und Kirche, die sich ja im Wilhelminischen Zeitalter in einer von Staat und Kirche ausgedrückt hatte, wurde gerade von der jüngeren Theologengeneration (Barth, Bultmann) grundsätzlich in Frage gestellt. Die prägenden Gestalten, so z.B. Harnack, waren in ihren Augen durch Ihre Unterstützung der Kriegspolitik Wilhelms II diskreditiert.
Für Dibelius wiederum, den man in diesem Sinne eher konservativ einordnen kann, bedeute die Revolution von 1918 einen Schock. Allerdings war er bereit, sich der neuen Situation (Republik) zu stellen und der Frage nachzugehen, welche Rolle die Kirche in der neuen Gesellschaftsform spielen solle: 1926 veröffentlicht er sein Buch „Das Jahrhundert der Kirche“, das auf ein breites öffentliches Interesse stieß. Er sieht hier die Trennung vom Staat als Chance. Diese Trennung biete der Kirche Einflussmöglichkeiten, die Dibelius für gesellschaftlich notwendig hält, denn ein religionsloser (wir würden sagen: weltanschaulich neutraler) Staat könne allgemein verbindliche, sittliche Normen nicht sicherstellen. Es handelt sich also um ein Volkskirchenkonzept, das insbesondere die diakonische Aufgabe der Kirche, aber auch ihre Aufgabe als „öffentliches Gewissen“ im Blick hat und vor allem für ersteres die Notwendigkeit von Institution begründet. Da Dibelius nach 1945 Ratvorsitzender der EKD wurde, ist sein Konzept nicht nur innerkirchlich prägend, sondern beinhaltet eigentlich auch das, was außerkirchlich von Kirche erwartet wird.
Nun zu Karl Barth (1886-1968) und seiner Feststellung, dass Gott der Herr ist.
Während die liberale Theologie (wissenschaftlich) nach dem Menschen gefragt hat, steht für Barths dialektische Theologie allein Gott im Mittelpunkt des Denkens. Vermittlungsbemühungen (wie eben die Frage nach Theologie und Gesellschaft etc.) werden von ihm abgelehnt, Glaubensentscheidung, Gehorsam gegen Gott und existentielles Bedenken führen zu einer Haltung, die jegliche Anpassung an gesellschaftliche Fragen ablehnt. Das Bemühen der Theologie gilt dementsprechend dem „lebendigen Wort Gottes“, d.h. ein existentieller und unmittelbarer Zugang zur Bibel ist gefordert, was gleichzeitig impliziert, dass die historisch-kritische Beschäftigung mit den Schriften des AT und NT als für den Glauben nicht hilfreich gesehen wird (was nicht heißt, dass derartiges ignoriert wurde)-
Dies bedeutet auch eine radikale Ablehnung der Kirche als Institution und ein Verständnis von wahrer Kirche als pneumatisches Ereignis.
Damit steht Barths Ansatz, der nicht zuletzt auf das „Schockerlebnis“ des WK I beruhte, im absoluten Kontrast zum Kulturprotestantismus der liberalen Theologie und auch zum Volkskirchenkonzept eines Dibelius.
Der Streit zwischen beiden in der Weimarer Republik bezog sich also darauf, was das Proprium der Kirche sei.

In der Nazizeit hat Dibelius zunächst die Machtübernahme begrüßt, sich aber schnell eines Besseren belehren lassen. Barth, dessen dialektischer Theologie die Barmer Theologische Erklärung von 1934 zu verdanken ist, und Dibelius haben sich in der Bekennenden Kirche wiedergetroffen. Dibelius wiederum ist der entscheidende Initiator des Stuttgarter Schuldbekenntnisses. Ihren Streit, was Kirche sein soll, habe sie nach 1945 weitergeführt.

Zum Abschluss: Barth wird gerne als „größter protestantischer Theologe“ oder gar als „Kirchenvater“ des 20. Jh. gehandelt. Seine Einsichten, die auch für nicht-dialektische Theologen das Prae des Wortes Gottes in Erinnerung ruft, sind unumkehrbar und in der Rückschau auf das Dritte Reich leider zu wenig gehört worden.
So wichtig er historisch ist, theologisch ist er doch etwas redundant, so dass ich den Titel „bedeutendster Theologe“ des 20.Jh. einem anderen zusprechen wollte…

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu lang,
Grüße,
Taju

Vielen Dank
Danke für Eure Antworten.

-)