Hallo Ralf!
…zumal er weder dem Mieter noch dem
Vermieter etwas bringt. Wenn ein Mieter sich für die
Heizkosten interessiert, zeige ich ihm die letzten
Nebenkostenabrechnungen. Für das Vermieten einer Wohnung gibt
es nur drei Kriterien: Lage, Lage, Lage. Alles andere ist
Tinnef.
Aus den Nebenkostenabrechnungen geht nicht hervor, ob der Mieter im Winter bei 16°C in der klammen Bude hockte, ein Vermögen für elektrische Zusatzheizung ausgab und endlosen Streit mit dem Vermieter wegen der schimmeligen Wände führte, die vor der Neuvermietung übergetüncht wurden oder wo die übelsten Schäden mit irgendwelchen Verkleidungen gnädig verdeckt wurden. Der leicht muffige Geruch in der leergeräumten Wohnung wird von den Ausdünstungen frischer Farbe überdeckt oder einfach mit dem Leerstand und mangelhafter Lüftung begründet.
Die Lage einer Wohnung ist von Bedeutung, aber gewiß nicht das einzige Kriterium. Die Kosten aus Kaltmiete und Betriebskosten sind ein wesentlicher Punkt. Ebenso wichtig ist das Raumklima. Niemand bleibnt gerne längere Zeit in einer Wohnung mit eiskalten und womöglich feuchten Wänden. Daran ändert auch eine noch so tolle Lage wenig.
Der größte Teil des Gebäudebestands gehört energetisch zu den Altbauten. Mancher Bau aus den 50er bis 80er Jahren ist hinsichtlich Raumklima und Heizkosten schlechter als das mittelalterliche Schloß mit Zugbrücke. So sind viele Häuser und Mietwohnungen am Markt, die für den Laien gepflegt aussehen. Viele Altbauten und Stadtvillen haben neue Fenster, viel Spachtelmasse und Farbe gesehen, sind aber menschenunfreundliche Schimmelhöhlen und Gift fürs Portemonnaie.
Fast jeder Verwalter von Wohnanlagen hat einen Stapel kopierter Zettel mit Lüftungshinweisen, die als Standardantwort für Mieterbeschwerden dienen. Wo es sich tatsächlich um einen von Grund auf sanierungsbedürftigen Gebäudebestand handelt, wird mit kopierten Zetteln Schwarzer Peter gespielt. Beschichtungen und Farbe müssen herhalten, wo umfassende Sanierung fällig wäre.
Sogar bei Gebäuden der letzten wenigen Baujahre haben automatische Belüftungen mit Wärmerückgewinnung Seltenheitswert. Solche Anlagen wären aber erforderlich, wenn man Häuser pottdicht macht. Will sagen: Der technische Standard im weit überwiegenden Teil des gesamten Wohngebäudebestands liegt auf beklagenswertem Niveau. Dessen ungeachtet bewegt sich das Mietpreisniveau i. a. in Größenordnungen, die Investitionen samt angemessener Verzinsung des eingesetzten Kapitals ermöglichen.
Das typische Einfamilienhaus, das die Erben des ehemaligen Bauherrn heute vermieten oder verkaufen, entstand in den 60er oder 70er Jahren. Gepflegter Garten, der Rasen ist gemäht und die Miet- oder Kaufpreisidee regelmäßig hoffnungslos überzogen. Solche Häuser unterscheiden sich in ihrem technischen Stand und hinsichtlich ihres Energiebedarfs falls überhaupt nur marginal von 100 Jahre älteren Gebäuden, liegen aber im Energiebedarf eine Zehnerpotenz über dem Bedarf eines Hauses aus den letzten Baujahren. Diese heftigen Unterschiede sind in weiten Kreisen noch nicht angekommen und schlagen sich auch nicht adäquat in den Mieten nieder. So bringen die Gemäuer mit überaltertem Standard fast die gleichen Mieten wie Neubauten. Deshalb fehlt es am Anreiz für Vermieter, zu investieren, um solche Gebäude auf zeitgemäßen Stand zu bringen. Wir sind nun mal ein Volk überwiegend von Mietern. Investieren müssen aber Vermieter. Denen fehlt es am Anreiz, solange der überalterte Kram noch an den Mieter zu bringen ist. Die Situation für den Energiebedarf des Landes könnte sich spürbar verändern, wenn ein Buchstabe aus der Mitte des Alphabets auf die erzielbaren Einnahmen drückt.
Auch bei Käufern wird der Energiepaß nach meiner Einschätzung zum Sinneswandel beitragen. Die Menschen verinnerlichten seit Jahrzehnten, daß man für die Heizung der eigenen Hütte 3.000 bis 5.000 l Heizöl braucht. Öl ist teuer geworden, also wird auf die Preise geschimpft. Daß der Ölverbrauch um Faktor 10 zu hoch ist und sich mit umfassender Sanierung senken läßt, ist bei manchen Leuten noch nicht angekommen. Wo es angekommen ist, wird zu jedem noch so windigen Strohhalm gegriffen, aber ein großer Bogen um sachkundige Beratung gemacht. Viele Leute jammern, als ginge es um ihre Existenz, wenn sie 500 € für die Begutachtung ihrer Hütte ausgeben sollen, überweisen aber gleichzeitig einige tausend € an den Heizölhändler. Eine ganze Branche lebt davon, die Leute zu verkohlen, indem sie „energiesparende“ Elektroheizungen und Deko-Kamine anbieten. In jedem Baumarkt werden sinnfreie Entfeuchter angeboten, die ein bißchen Salz enthalten und allen Ernstes gegen feuchte Wände und zu hohe Heizkosten angeboten werden. Andere Fliegenfänger bieten Esoterisches mit Feldern und Wellen an und zahllose Dünnbrettbohrer verhökern Isoliertapeten und Paneele. Bausubstanz und Energiebedarf gehören nicht in diesen Sumpf aus Unkenntnis, Aberglauben und Geiz. Deshalb halte ich es für vernünftig, wenn sich obligatorisch ein sachkundiger Mensch das Gebäude ansieht, auf Mängel hinweist, Verbesserungsvorschläge macht und die energetische Einstufung vornimmt. Es wird vielleicht ein paar Jahre dauern, bis Sinneswandel und Investitionsschub auf breiter Front einsetzen.
Gruß
Wolfgang