ich wüsste mal gern, weshalb sich der Gekränkte und/oder Verletzte eigentlich in sich zurückzieht. Klar, aus Schutz und vielleicht auch aus Unterlegenheit und sogar Scham? Gibt es noch weitere Gründe? Gut und mag es in der Situation wichtig, richtig und evtl. angebracht sein, aber warum - je nach Schwere der Kränkung oder Verletzung - verharren einige Menschen für so lange Zeit (Tage, Wochen, sogar Jahre) in ihrem Rückzug, obwohl sie eigentlich genau wissen und spüren, dass es dort drinnen keine Lösung, Halt, Stärkung und Ausweg geben kann? Einige betreiben den Rückzug bis hin zur totalen Isolation. Begegnen Helfern sogar mit verletzender Abweisung. Das ist doch total krass!
Das Paradoxe daran ist aber wohl, dass das angreifbare Sich-Öffnen, Zulassen und Zeigen nicht nur Hilfe und Lösung bietet, sondern eben auch die große Gefahr erneuter Verletzung darstellt. Ist das alles also eine Frage der eigenen Erfahrungen und des Vertrauens? Also letztlich des Wachsens und der Entwicklung?
das, was du dir -wie ich finde- sehr gut selbst erklärst, würde ich nur um eine stelle verändern: es ist kein paradox, sondern zusammengehörig und passend, dass in der angebotenen hilfe die gefahr neuer verletzung steckt. daher muss manchmal menschen gegen ihren willen geholfen werden, soweit das geht und viele danken später ihren entschlossenen helfern, dass man sie „da raus geholt hat“.
Hallo!
Ich betrachte die Natur sehr genau. Man kann zu diesem Thema feststellen, dass die meisten verletzten Geschöpfe sich zurückziehen.
Wir als Menschen meinen, wir müssten immer und zu jeder Zeit Helfen. Die wenigsten Menschen wissen noch von ihrer inneren Kraft der Selbstheilung. Unsere Sozialisation verbietet es uns daher, der Natur ihren Lauf zu lassen.
Gruß
Du meinst, warum verharren Menschen manchmal nach einer Kränkung länger in der Zurückgezogenheit, als es von außen gesehen sinnvoll erscheint?
Mir fallen zwei mögliche Erklärungen ein:
Jemand wird durch eine aktuelle Kränkung an ähnliche frühere Kränkungen erinnert, die er nicht verarbeitet hat. Sodaß er die Verletzung jetzt dementsprechend als schlimmer erlebt.
Man nimmt an, es gäbe in der Psyche ein Regulationsprinzip für das Selbstwertgefühl (Alfred Adler z. B.). Soweit ich das verstehe, kann sich das Selbstwertgefühl zwischen zwei Extrempolen bewegen: totales Unwert- und Ohnmachtsgefühl einerseits und Allmachtsphantasien anderseits. Bei gesunden Menschen liegt es auf dem Niveau einer positiven, aber noch halbwegs realistischen Selbsteinschätzung. Anerkennung, Erfolge, Liebe steigern das Selbstwertgefühl, Kränkungen und Verletzungen drücken es hinunter. In letzterem Fall entsteht ein Bedürfnis nach Ausgleich. Für den gibt es zwei Möglichkeiten: a) nach und nach aus der Zurückgezogenheit wieder herauszutreten und vorsichtig Erfolge zu suchen, um so das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, mit dem Risiko von Mißerfolgen und erneuten Kränkungen. Und b) in der Phantasie einen Ausgleich zu suchen, bis hin zu Allmachtsphantasien. Da diese dem Vergleich mit der Realität nicht standhalten würden, wäre in diesem Fall das Verbleiben in der Zurückgezogenheit „besser“.
…Also letztlich des Wachsens und der Entwicklung?
Was ist das? - Ich mag Worte nicht, die auch nur den Schatten einer Wertung erahnen lassen, und noch viel weniger, wenn es so allgemein übliche Worte sind.
Ich stelle mir vor, dieses „Wachsen“ findet entlang einer Skala statt, und am Anfangspunkt der Skala wird die Kränkung unmittelbar persönlich wie eine schlimme Bedrohung erlebt (ein kleines Kind z. B., das auf die Liebe seiner Bezugspersonen völlig angewiesen ist). Und zum Endpunkt der Skala hin wird das Selbstwertgefühl immer stabiler und von anderen Menschen unabhängiger, und kränkendes Verhalten wird mehr zu einem unangenehmen, aber wohl nicht ganz vermeidbaren Begleitphänomen zwischenmenschlicher Beziehungen ohne Bedrohungswert, überhaupt ohne wesentliche Bedeutung. Das bedeutet logisch, daß andere Menschen zunehmend weniger wichtig werden (oder vielleicht nunmehr auf eine ganz andere Weise wichtig werden). Und das bedeutet auch logischerweise, daß keine echte Gefahr darin besteht, den Rückzugsort wieder zu verlassen.
ja also im Prinzip ist das eine sehr delikate und interessante Sache. Denn bei körperlichen Verletzungen (z.B. eine Wunde am Bein) ziehen wir uns auch zurück. Etwa ins Bett im Krankenhaus. Aber: Die Wunde heilt von selber. Zur Not auch ohne Salbe und Pflaster. Der Rückzug lohnt sich also. Nach 2 Wochen ist alles verheilt.
Bei psychischen Verletzungen erscheint der Rückzug zwar logisch, aber nicht gerade lohnend. Denn aus der Abschottung heraus (hinter dicken Schutzmauern) weiter zu wachsen und sich weiter zu entwickeln erscheint nahezu unmöglich und nähme Jahre in Anspruch. Auch das Einlassen, Öffnen und Zulassen, um neue, korrigierende Erfahrungen zu sammeln erscheint schon Kräftemäßig aber auch Angstmäßig fast aussichtslos. Und so drehen sich die Betroffenen in ihrem Schmerz, Wut und Verletzung ohne Ausweg. Der Schutzraum ist zum Gefängnis geworden. Meist sind sie dann doch - je nach Ausstattung und Entwicklungsstand - auf Anregungen, Unterstützung und Hilfe von außen angewiesen. Denn psychische Verletzungen verheilen im Gegensatz zu der Wunde am Bein nicht von selber! Und dieses diffizile, ambivalente Wechselspiel, das genau auf der Schwelle des Sich-Öffnens zwischen Vertrauen und Misstrauen (Angst) stattfindet, braucht offenbar sehr viel Vorarbeit, Ruhe, Raum, Zeit, Anregungen, usw. Sehr interessant, wie ich finde! So muss sich der Helfer das Vertrauen zu dem Verletzten erst mühsam und langwierig erarbeiten. Vor diesem Hintergrund macht es absolut Sinn, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Angst ist.
Auch Hallo,
die ‚gängigen‘ Antworten hast du ja schon alle bekommen. Man ist ja mehr oder weniger davon überzeugt, dass es ‚psychische Kränkungen und Verletzungen‘ gibt…
Was wäre, wenn es die nicht gibt?
Was wäre, dass wir alle nur denken, dass uns Worte und/oder Verhalten von anderen ‚psychisch verletzen‘ können. Und weil wir das denken setzen wir selbst eine Neurotransmitterkaskade in Gang die sich selbst unterhält. So eine Art Autosuggestion einer ganzen Gesellschaft.
Nach dem Motto ‚Behalten sie ihren Hammer, sie Rüpel‘ (Wazlawick, Anleitung zum Unglücklich sein)
ich wüsste mal gern, weshalb sich der Gekränkte und/oder
Verletzte eigentlich in sich zurückzieht. Klar, aus Schutz und
vielleicht auch aus Unterlegenheit und sogar Scham?
Dann ‚denkt‘ und ‚fühlt‘ der Gekränkte er wäre Opfer. Opfer sein hat auch Vorteile - keine Verantwortung. Das Opfer kann, wenn es weiß wie, durch einen gedanklichen Positionswechsel seinen Schmerz loswerden.
Ist das alles also eine Frage der eigenen
Erfahrungen und des Vertrauens? Also letztlich des Wachsens
und der Entwicklung?
Meiner Erfahrung nach ja. Seit ich ‚lapidare‘ Überlegungen anstelle, wenn ich denke ich wäre ‚verletzt‘ löst sich diese ‚anscheinende‘ Verletzung ziemlich schnell in Wohlgefallen auf.
Mich kann jemand verletzen, wenn er mir aufs Maul haut, über Worte denke ich nach, nehme mir was ich brauchen kann und gut is.
Wenn jetzt einer sagt ‚das ist nicht so einfach‘ - richtig ‚einfach‘ ist es nicht. Ist Arbeit.