Plan Eisenhammer
Hi Jim,
da hier bisher noch niemand das folgende erwähnt hat …
Ein Unternehmen gegen Kraftwerke in der SU war wirklich geplant.
Name: Plan >
Der Plan stammt aus dem Jahr 1943.
Auf Vorschlag des Prof. Steinmann im RLM (Reichsluftfahrtministerium) sollten strategische Schwerpunktziele in der SU angegriffen werden: Kraftwerke
Diese hatte er schon 1940 beim Angriff auf England vergeblich als Ziele vorgeschlagen.
Sein Argumentation:
Dampf- und Wasserturbinenfertigung erfordert Präzision und industrielle Fertigkeiten. Pro Turbine werden ca. eineinhalb Jahre Bauzeit benötigt.
Die SU verfügte zu dieser Zeit über keine Fertigung und nur über ein Reparaturwerk in Leningrad, welches aber aufgrund der deutschen Belagerung nicht in Betrieb war. Eine Fertigung auf Vorrat wurde bisher auf der gesamten Welt noch nicht vorgenommen, wodurch sich niemand den Ausfall dieser Turbinen leisten konnte.
Im Fall der SU wäre es sogar lebensbedrohend, da sie über keine Verbundleitungen verfügt sondern nur über einzelne Zentren verfügt.
Zwei kleinere im Ural und fernen Osten sowie das wirklich gewichtige um Moskau, welches 75% der Rüstung versorge. Beim Ausfall von 2/3 der Turbinen, wäre die Moskauer Industrieregion praktisch lahmgelegt.
Neben den Kraftwerken dachte man auch an folgende Ziele: Umspannwerke, Überlandleitungen und v.a. die zu den Kraftwerken gehörigen Staudämme.
Aufgrund dieser Überlegungen wurde der Plan wie folgt ausgearbeitet:
Angriffe auf die wichtigsten Kraftwerke im Raum Moskau und Gorki.
Die Durchführung sollte mit folgenden Verbänden erfolgen:
zwei Gruppen des KG (Kampfgeschwader) 30 mit Ju 88,
fünf Gruppen der KG 4 und 55 mit He 111 H-6 und H-16,
III.(3.Gruppe)/KG 100 mit Do 217 und FX1400 Fernlenkbombe
I./KG66 als Pfadfinder,
daneben sollten noch weitere Verbände mit schweren Flugzeugen (He 177 und Ju 290) eingesetzt werden.
Geplant war auch der Einsatz einer sogenannten Sägerbombe (S-Bo), mit der Überlandleitungen gekappt werden sollten.
Der Plan musste allerdings mehrfach verschoben werden.
Durch die russischen Offensiven waren die Ziele im Herbst 1944 schliesslich ausser Reichweite der vorgesehenen Verbände.
In der Zwischenzeit hatte man allerdings ein neues Kampfmittel zur Hand, welches die Ziele wieder in Reichweite rückte:
Mistel-Gespanne.
Dabei wurde eine unbemannte umgebaute Ju 88 mit einer 3800kg schweren Hohlladung im Bug und einer Me 109 oder Fw 190 als Führungsflugzeuge (huckepack) in eine Art fliegende Bombe verwandelt, die durch den Piloten in Zielnähe gebracht wurde und per Autopilot auf das Ziel eingesteuert wurde. Etwa 1,5km vor dem Ziel wurde das Führungsflugzeug abgesprengt.
Die Wirkung der Hohlladung: Durchschlag von 8m Stahl oder 20m Stahlbeton.
Da die Ju 88 nur für den Hinflug Treibstoff benötigte, konnte das Führungsflugzeug Treibstoff aus dieser entnehmen. D.h. die Reichweite war relativ hoch.
Mit den Mistel-Gespannen sollte „Eisenhammer“ wie folgt durchgeführt werden:
100 ausgesuchte Flugzeugführer auf Mistel aus den Geschwadern LG(Lehrgeschwader) 1, KG 6, KG 30 und KG 200,
150 Pfadfinder auf Ju 88, He 111, Ju 188, Do 217, Ju 90 und Ju 290 aus dem KG 66, KG 200 und aus Fernaufklärungsverbänden.
Angriffsziele: ca. 12 Dampf- und Wasserkraftwerke im runden Ostbogen um Moskau, darunter:
Tula, Stalinogorsk, Gorki und das riesige Staubecken von Rybinsk (an der Wolga, nordostwärts von Moskau – nach damaliger Schätzung wäre bei Zerstörung dieses Staudammes die Wolga im Bereich der Mündung bei Astrachan immer noch um 5m angestiegen, d.h. das gesamte Wolgatal wäre völlig überschwemmt worden!).
Startplätze: Oranienburg (bei Berlin), Rostock, Peenemünde, Rechlin-Lärz sowie 3-4 weitere.
Die Pfadfinder hatten für den gesamten Anflugweg Markierungen zu setzen, so dass die Piloten sich nur um die Einhaltung des Kurses kümmern mussten und nicht um die Navigation.
Um die Reichweiten von bis zu 1600km zu realisieren, wurden die Fw 190 Führungsflugzeuge noch mit einem 1200l-Zusatzbehälter ausgestattet.
Zur Vorbereitung und Zieleinweisung bekam jeder Pilot eine ausführliche Mappe mit Aufklärungsbildern des Zieles bei unterschiedlichen Wetterlagen. Daneben wurden umfassende technische, navigatorische und sonstige Unterlagen ausgehändigt.
Von jeden Ziel gab es Modelle für eine realistische Vorstellung des Zieles.
Nach mehreren Verschiebungen aufgrund schlechten Wetters, sollte der Einsatz dann am 28.03.45 stattfinden, allerdings kam es durch eine vorhergehenden Bombenangriff auf Rechlin-Lärz, bei dem 18 Mistel verloren gingen, wieder zu einer grösseren Verzögerung, so dass der Angriff schliesslich abgesagt wurde.
Die Mistel-Gespanne wurde in der Endphase des Krieges dann noch gegen Oder-Brücken eingesetzt.
All diese Angaben stammen aus: P. W. Stahl, Geheimgeschwader 200
Dort kann man auch noch weitere Einzelheiten zum Einsatz von Mistel und Eisenhammer nachlesen.
Ähnliche, etwas allgemeiner gehaltene Infos finden sich auch in anderen Veröffentlichungen.
Im Internet habe ich nur ungenügende Angaben dazu gefunden.
Noch einige Bemerkungen von meiner Seite:
Die Argumentation zum Einsatz gegen die Kraftwerke finde ich durchaus schlüssig.
Moskau als Rüstungszentrum findet man auch in anderen Veröffentlichungen erwähnt.
Ich denke, man darf bei aller Verlagerung von Industrien in oder hinter den Ural diesen Umstand nicht vernachlässigen.
Ein typisches Beispiel dafür ist das Panzerwerk in Gorki, welches trotz (hier auch schon geschilderter) Angriffe seitens der Luftwaffe nie ernsthaft beschädigt wurde.
Der Ausfall von Stromlieferungen sowie die Überschwemmungen bei Zerstörung des Rybinsker Staubeckens hätten hier wahrscheinlich grössere Auswirkungen gehabt.
Geht man von den oben gemachten Überlegungen aus, wurde der Strombedarf der damaligen SU zu einem beträchtlichen Teil durch Wasserkraft gedeckt.
Die Stromherstellung mittels Diesel war meines Erachtens zum damaligen Zeitpunkt nur begrenzt möglich. Immerhin waren dies die 40iger Jahre, so dass heutige Massnahmen nicht mit den damaligen Zuständen verglichen werden können.
Der Einsatz im Jahr 1943, vielleicht sogar noch 1944 hätte vielleicht Auswirkungen auf den Krieg in der SU haben können.
Wie weit diese ganzen Planungen aber schon der Realität entrückt waren, zeigt der geplante Angriff im Frühjahr 1945, zu einem Zeitpunkt, als die Alliierten schon längst die Grenzen des Reiches erreicht und auch schon überschritten hatten.
Typisch dafür sind die Ausführungen des Piloten E. Dittmann, der eine Mistel bei „Eisenhammer“ fliegen sollte (aus dem oben erwähnten Buch):
„Die Gesamtstrategie (Nur zur Erinnerung: Wir befinden uns hier im Frühjahr 1945!) sah nun folgendermassen aus:
Die russischen Streitkräfte sind durch den andauernden Vormarsch ausgezehrt.
Alle aufgefüllten und mit modernen Waffen ausgerüsteten SS-Divisionen greifen aus dem Raum Westungarn in einer gross angelegten Schwenkbewegung nach Norden an, stossen zur Ostsee durch und schneiden die russischen Armeen ab.
Die Luftwaffe legt mit „Eisenhammer“ die russische Rüstung lahm.
Mit dem Westen kann dann ein Separatfrieden geschlossen werden und damit Mitteleuropa dem Zugriff der SU entzogen werden.“
Sehr realistische Planungen einer Obrigkeit, die die noch verfügbaren besten Truppen gerade erst in den letzten Monaten in der Ardennen-Offensive im Westen verheizt hatte und mit den notdürftig aufgefüllten Einheiten dann in Ungarn wirklich noch eine letzte Offensive begann. Von einem möglichen Durchbruch – sofern überhaupt noch im oben genannten Rahmen geplant – war man weit entfernt. Dazu reichten die Kräfte zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr aus.
Die Piloten der Mistel werden es nach dem Krieg gedankt haben, dass dies alles nicht mehr stattfand.
Hoffe geholfen zu haben.
Gruss
Tom