Hallo Sylvia,
Also meine Fragen sind:
- Was kann Philosophie im Zusammenhang mit der Bewältigung
des Alltagslebens leisten und
- Was hat Philosophie mit Betriebsphilosophien in z.B. der
Industrie wirklich zu tun?
ich beantworte die zweite Frage zuerst, weil sie ganz kurz mit einem herzhaften „Gar nichts!“ beantwortet werden kann. Firmen schätzen aber den Begriff deshalb, weil er bedeutungsvoll klingt. Sie benutzen ihn also als Werbemittel, mehr steckt nicht dahinter.
Die zweite Frage hat ja schon Gernot (Hallo und schöne Grüße) angesprochen und mit einem Beispiel belegt. Manchmal ist es nämlich so, dass die Weltbilder, die wir uns zusammenzimmern, uns unglücklich machen. Philosophie kann da an vielen Punkten ansetzen. Es kann sein, dass ich mir eine Begrifflichkeit zurechtgelegt habe, die es notwendig macht, dass ich aufgrund meiner Einstellung unglücklich bin. Beispiel: Ein Mensch ist als Manager an Hektik gewöhnt, und wenn er mal Pause hat, bekommt er ganz plötzlich eine traurige Stimmung, weil der die Pause nicht ertragen kann, weil er meint, diese Pause halte ihn vom Erfolg ab. Er hat dann möglicherweise (das muss dann noch abgeklärt werden) zwei Begriffe falsch definiert: Pause und Erfolg. Das ist ein banales Beispiel, aber so etwas kommt vor, und diesem Menschen geht es heute wieder besser, weil er sich mehr Gedanken darüber macht, wie abhängig man von seinen eigenen Definitionen sein kann.
Aber nicht nur die Begriffe können falsch sein, sondern auch die kausalen Verknüpfungen, die wir verwenden. Nimm zum Beispiel die Diskussion, ob die Zukunft die Gegenwart beeinflusst, und lies mal mein Posting dazu. Die Begriffe „Ursache“ und „Wirkung“ werden hier missverständlich verwendet.
Ein dritter Punkt, an dem Philosophie helfen kann, Alltagsprobleme besser zu verstehen, ist folgender: Mit Hilfe der Philosophie kann man auch versuchen, gegenüber einer Situation, die man - wenn man in ihr drinsteckt - nicht beherrscht, einen höheren Standpunkt zu gewinnen, der nicht nur die Nachteile der Situation, sondern auch ihre Vorteile, die man bisher vielleicht noch gar nicht gesehen hat, zu betrachten.
Wenn man beispielsweise jemanden verletzt hat und mit seinem schlechten Gewissen nicht zurecht kommt, könnte man aus der Philosophie lernen, wie man diesem schlechten Gewissen, das man zunächst negativ bewertet, etwas Positives abgewinnt. Man fragt dann also, wozu dieses schlechte Gewissen dient und kommt möglicherweise zu dem Ergebnis, dass es mich dazu bringen kann, meine Beziehung zu dem Gegenüber zu intensivieren oder an meiner Ausdrucksweise zu arbeiten.
Oder … oder … oder. Es gibt viel zu viele Einzelfälle. Aber ich hoffe, dir einen kurzen Einblick in die Arbeit der Philosophie mit Alltagsproblemen gegeben zu haben. Die wichtigsten Unterschiede zur Psychologie sind: In der Philosophie gibt es zunächst einmal keinen Katalog, nach dem man die Problemgruppen sortiert, sondern jedes Problem wird individuell geprüft. Im Gegensatz zu den Psychologen, die eine therapeutische Situation mit einem Gefälle haben (Der Psychologe weiß fast alles besser als der Patient), versucht der Philosoph, die Probleme als Betroffener mitzudenken. Dem Besucher einer Philosophischen Beratung also wird keine Methode übergestülpt, die irgendwo erlernt wurde und nun fast überall passen soll, sondern die passende Methode wird zusammen mit dem Besucher selbst ermittelt. Philosophie ist also nicht als Therapie nützlich, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe, die mit philosophischen Techniken arbeitet.
(Literatur: Eckard Ruschmann, Philosophische Beratung, 1999)
[Ruschmann ist Psychologe und Philosoph!]
Zusammengefasst kann man (vereinfacht) sagen:
Philosophie hilft bei der Bewältigung des Alltags, indem sie das Denken stärkt und den Menschen nicht den Gefühlen ausliefert.
Das ist aber bitte nicht falsch zu verstehen: Es geht nicht um das Unterdrücken von Gefühlen, sondern um die richtige Auffassung von der Stellung der Gefühle im Menschen.
Wie stark man als Individuum das Bedürfnis hat, in die Philosophie einzusteigen, bleibt jedem selbst überlassen. Manchen reicht ein Schnuppern, andere nutzen die Philosophie lebenslang.
Das war ziemlich lang, daher erst einmal
alles Gute
Thomas Miller