Hallo Christian,
erst einmal danke für Deine lange Ausführung! Was Deine Argumente über das Verbraucherverhalten gegenüber des preiswerten Fleischs anbetrifft, kann ich Dir nur schwer widersprechen.
Ein kleines Aber kommt trotzdem von mir: Der Verbraucher müsste eben wissen, was er kauft; wie Du schreibst, hat er ja „keinen Bezug mehr zum Tier oder gar dessen Lebens- und Ernährungweise.“ Es ist für mich vergleichbar mit anderen Teilen der Politik. Informationen werden ausgeblendet und umdefiniert, und es mögen sich nur wenige die Mühe machen, sich zu diesem Thema näher zu informieren, wie sie es auch in anderen Politikbereichen nicht tun. Leider zu verständlich, die geschafft von der Arbeit kommen und und nicht selbst noch ausführlich nach Informationen suchen wollen.
Aber dafür haben wir ja die Arbeitsteiligung. Jeder kümmert sich um einen bestimmten Bereich; der eine stellt dies her, der andere das, der eine ist für dies verantwortlich, der andere für das. Man gibt die Verantwortung an jene ab, die es vermeintlich besser können. Ein Hausbauer muss auch erwarten können, dass der Maurer die Steine richtig zusammengefügt hat, damit nicht alles beim ersten Türzuschlagen zusammenfällt. Somit ist zu erwarten, dass die Politik, unbeeinflust vom Lobbyismus, die richtigen Gesetze macht und Produzenten eine gescheite Kontrolle widerfährt. Wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass die abgegebene Verantwortung auch wirklich verantwortungsvoll eingesetzt wird, weshalb man sich selbst ständig informieren muss, wäre dieses System ad absurdum geführt. Dann allerdings haben die Verantwortlichen nichts auf ihren Posten nichts zu suchen!
Wenn Du schreibst, der Konsument „hätte es in der Hand, ob er den Schrott überhaupt kauft und damit die Existenz der Massentierhaltung mit ihren absurden Auswüchsen fördert“, dann muss er wissen, dass das auch tatsächlich Schrott ist, was er kauft. Die nur gelegentlichen Berichte über die Massentierhaltung erwecken in mir als naiven Zuschauer den Eindruck, es handele sich um Einzelfälle und Auswüchse eines ansonsten funktionierenden Systems. (Es ist natürlich nicht so.) Aber es wäre doch fatal, wenn ausgerechnet der schlecht bis weniger gut informierte Verbraucher Sanktionen ausüben soll. Er soll sich damit auch gegen die Massentierhaltung wenden, obwohl es doch einfach wäre, würde man dies schlichtweg verbieten würde. Stattdessen gibt man die Verantwortung an Verbraucher weiter: du willst das essen, also sanktioniere, wenn du es nicht willst. (Das ist trügerisch, denn wir wissen doch, dass wir als geeinte Masse einer Bevölkerung zwar die Macht hätten, aber nie wirklich geeint sind. Ansonsten hätten wir wahrscheinlich schon längst die „Nasen“ an der Spitze unseres Landes abgekanzelt. Nur weil theoretisch die Möglichkeit besteht, wird sie nicht unbedingt zur Praxis.)
Ein Beispiel, wie man desinformiert wird, zeigte sich für mich selbst beim Eierkauf. Ich wollte keine ovalen Dinger aus der Massentierhaltung, also beachtete ich die preiswerten nicht und griff stattdessen zu der teureren Verpackung, auf der angedeutet eine Wiese mit freilaufenden Hühnern gezeichnet worden und „Eier aus Bodenhaltung“ zu lesen war. Erst später erfuhr ich, dass diese Eier ebenfalls aus der Massenhaltung stammen und die Verpackungsbezeichung in Ordnung wäre, weil ja auch diese Käfighühner auf dem Boden leben. Das ist doch absurd!
Du hast noch einen anderen Punkt angeschnitten, den ich ebenfalls sehr interessant finde: Aromastoffe. Ich kann Dir dazu zumindest sagen, dass die ganzen Welternten von Erdbeeren und Vanilleschoten nicht genügen würden, um die Nachfrage auch nur zu einem Bruchteil zu befriedigen. Ich habe leider das entsprechende Buch im Keller verstaut, sonst könnte ich es Dir genauer sagen.
Abgesehen davon sind Aromastoffe als zweifelhaft anzusehen, denn wie wir wissen, müssen sie auf den Verpackungen nur als „Aroma“ oder auch mal als „natürliche Aromastoffe“ deklariert werden. Letzteres deshalb, weil auch der (australische) Baum, aus dem die Sägespäne gewonnen werden, natürlichen Ursprungs. Wenn es danach geht, ist doch letzten Endes alles natürlich, denn wo soll es sonst herkommen? Im Gegensatz zu den sonstigen Zutaten müssen die Aromen nicht ausführlich bezeichnet werden, obwohl nicht einmal gesichert ist, wie sie sich in unserem Körper auswirken! Aus diesem Grund konnte ich nur den Kopf schütteln, als seinerzeit wegen BSE Fischer ging und Künast kam und ein Verbraucherschutz-Ministerium etabliert wurde. Das geschah nur, weil sich alle Augen darauf richteten, aber es ist wohl kaum zu erwarten, dass Weiterführendes geschieht.
Ich habe mich vor einiger Zeit mal „aus Spass“ vor verschiedene Abteilungen des Supermarkts gestellt und bei den Lebensmitteln geschaut, wo Aromen drin sind. So wollte ich an der Kühltheke ein paar (eingeschweisste) Salami- oder Schinkenscheiben für leckere Sandwiches aus Feldsalat, Käse und Mayonnaise mitnehmen, aber es war mir nicht möglich, auch nur eine einzige Verpackung zu finden, auf der nicht als letztes „Aroma“ zu lesen war. Bei Würstchen im Glas stand ebenfalls „Aroma“, oder häufiger „Rauch“ bzw. „Raucharoma“. Das „Schönste“ an der Sache ist, zumindest laut besagtem Buch, dass es einem beim Metzger oder Bäcker nicht einmal unbedingt besser ergeht, denn die müssen erst gar nicht alles deklarieren, was sie einarbeiten (bzw. teilweise eingearbeitet erhalten, weil sie beispielsweise halbfertige Zusammenstellungen geliefert bekommen). Man kann ja mal versuchen, im Wurst- oder Bäckerladen zu erfahren, was in den Produkten drin ist. Wahrscheinlich wissen viele es selbst nicht mehr genau.
Marco