Hallo,
um die Fakten mal etwas genauer darzulegen: es handelt sich um Kardinal Michele Giordano, den Erzbischof von Neapel.
1998 wurde sein Bruder Mario Lucio Giordano verhaftet, weil er zusammen mit einem Angestellten der Banco di Napoli verschiedenen Kleinunternehmern der Region Kredite mit Wucherzinsen von bis zu 400 Prozent gegeben hatte. Die Kredite wurden teilweise durch Schecks des Kardinals gedeckt, gegen den daher wegen Verdachts auf Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, Wucher und Erpressung ermittelt wurde. Kardinal Giordano machte geltend, die Schecks seien Honorare für seine Neffen gewesen, die als Architekten und Bauingenieure für die Diözese tätig gewesen seien. Diese hätten dann das Geld auf das Konto ihres Vaters eingezahlt, um diesem aus finanziellen Schwierigkeiten zu helfen.
Besonders pikant war der Fall, weil Kardinal Giordano die in Süditalien weit verbreitete Wucherkriminalität wiederholt in Predigten angegriffen hatte. Nach Schätzungen belaufen sich die jährlichen Einnahmen der Camorra aus dem Schutzgeld- und Wuchergeschäft auf ca. 4 Milliarden Euro (das Drogengeschäft bringt etwa das vierfache). Der Kardinal wurde selbstverständlich nicht suspendiert oder gar abgesetzt; im Gegentum, der Vatikan und die italienische Bischofskonferenz sprachen ihm das Vertrauen aus und der päpstliche Pressesprecher beschwerte sich öffentlich über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft - das Telefon des Kardinals war abgehört worden und zur Erzwingung der Herausgabe von Dokumenten war eine Durchsuchung der erzbischöflichen Residenz angedroht worden. Der Vatikan sah dadurch das Konkordat (den Staatsvertrag zwischen Vatikan und Republik Italien) verletzt und Ministerpräsident Romano Prodi höchstpersönlich sah sich gezwungen, öffentlich zu versichern, dass die Gesetze und die Verträge mit dem Vatikan strikt respektiert würden.
Der Kardinal wurde freigesprochen. Dass er an den Wuchergeschäften seines Bruders mitverdient hatte, war ihm nicht nachzuweisen. Dass er die eigenen Neffen (das ist wirklich klassischer Nepotismus) mit Bauaufträgen seiner Diözese versorgt hat, ist nicht strafbar und die Kirche hat es offensichtlich nicht weiter gestört …
Seither wurde gegen Kardinal Giordano erfolglos wegen Steuervergehen ermittelt. 2002 kam es dann wegen Verstoßes gegen das Baurecht zu einer Haftstrafe von vier Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wurde.
Aus einem Artikel der Berliner Zeitung (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/…) noch folgendes Schlaglicht:
_„So ist es nun mal“ - in diesem Ausruf, begleitet von einem Schulterzucken, bündelt sich die Resignation vieler Neapolitaner. […] Die staatlichen Hilfsgelder nach dem Erdbeben von 1980 flossen ins „System“, die Subventionsgelder sowieso, die öffentlichen Bauarbeiten wurden an Strohfirmen der Camorra vergeben.
[…]
Einer, der sich dagegen wehren wollte, ist Don Luigi Merola, Pfarrer von Forcella, dem „verdammten Quartier“ in Neapels Altstadt, der Hochburg des Clans Giuliano.
Don Luigi, 31, zelebrierte Ende März eine große Trauerfeier für Annalisa Durante und wurde dafür landesweit bekannt. Das 14-jährige Mädchen war im Kreuzfeuer zweier Clans getötet worden. Annalisas Tod wühlte Neapel auf. Ein Abkömmling der Familie Giuliano, selber erst zwanzig, hatte sie als Schutzschild missbraucht, vor sich her geschoben, bis eine Kugel sie am Kopf traf.
Don Luigi appellierte an die Neapolitaner, sie mögen endlich aufstehen gegen die Camorra, rebellieren. Doch Michele Giordano, Kardinal und Erzbischof von Neapel, sah das anders: Er sei Seelsorger und kein Polizist, ermahnte ihn der Obere._
Freundliche Grüße,
Ralf