Krimirecherche

Liebe/-r Experte/-in,

in der Hoffnung, kompetente Ratschläge und
Hinweise auf einem äußerst sensiblen
psychologischen Gebiet zu erhalten wende ich mich
an Sie. Ich schreibe derzeit an einem Kriminalroman.
Ein handelnder Charakter weist hierbei eine
psychische Erkrankung auf, die für mich als
fachunkundigen Studenten vor einige Fragen stellt.
Ich hoffe sehr, dass ich Ihnen etwas von Ihrer
Kostbaren Zeit stehlen darf und dass sie mir helfen
möchten.

Es handelt sich um Fragen zu
PTBS bzw Komplexe PTBS

Sollten Sie sich hiermit nicht auskennen, werden
meine Fragen zu speziell sein und ich bedanke mich
trotzdem für Ihre Mühe.

Zur Situation:
Ein ehemaliger Soldat beendet nach mehrwöchiger
Gefangenschaft freiwillig seinen Dienst an der Waffe
und möchte zurück ins normale Leben. In der
Hoffnung mit der Bundeswehr auch gleichzeitig seine
schlimmen Erfahrungen hinter sich zu lassen, beginnt
er eine Laufbahn bei der Polizei.

Zeitverzögert erleidet er schließlich eine starke Form
der posttraumatischen Belastungsstörung.

Symptome: Zittern, Flashbacks ( im Traum und im
wachen Zustand), Wesensveränderungen, erhoehtes
Gewaltpotential etc.

All diese Symptome konnte ich durch Recherchen
bereits verifizieren.

Meine Fragen
(1) Ist es generell möglich, dass ein an PTBS mit
genannten Symptomen erkrankter Mensch sich
bewusst ist, dass es sich um eine Art psychische
Störung handelt, die er somit nur innerlich Erfährt?
Oder sind solche Schübe und Panikattacken so
massiv, dass sie ein normales Leben ( etwa im
Polizeiberuf) unmöglich machen?

Der Hintergrund ist der, dass die Person sich bewusst
sein soll, dass ein Herauskommen der Krankheit
sofort zur Untauglich für den Polizeidienst führen
würde und somit alles daran setzt die Krankheit zu
verbergen im Berufsalltag.
Ein permanenter Kampf mit sich selbst…

Ist so etwas denkbar oder dem Krankheitsbild nach
ausgeschlossen?

(2) Führt PTBS zu einem permanenten Krankheits-
und Symtombild oder ist auch ein schubweiser
Krankheitsverlauf denkbar? (BSP: Tag 1: alles in
Ordnung, Tag 2: nervliches Wrack)

(3) Ich las von Fällen spoantaner Selbstheilung. Ist
dies wirklich denkbar?

(4) Harmlose Gegenstände können Panikattacken
auslösen, wenn sie an das traumatische Erlebnis
erinnern. Generell desensibilisiert sich die
menschliche Seele jedoch und stumpft durchaus ab.
Markaberes Beispiel: Zweite Abtreibung nicht so
schlimm wie die erste…
Wie ist dies bei PTBS Erkrankten, die einer ähnlich
traumatischen Situation ausgesetzt werden, wie die,
die das Trauma verursacht hat? Was ist stärker: Das
Trauma oder der Gewohnheitseffekt? Kann dies eine
Heilung bedeuten (schocktherapie) oder eher
Verschlimmerung des Ptbs?

Wenn Sie tatsächlich bis hierher gelesen haben,
möchte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken und
freue mich sehr auf Ihre Antwort.

RockyB4lboa

der empfänger ihrer email ist zur zeit beruflich bis zum 24. august 2009 in südostasien. sollte das problem nach diesem termin noch aktuell sein, bitten wir um erneute rücksprache.

frank baer

blackberry via internet

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Hallo Rocky,
komme grade aus dem Urlaub zurück und finde Ihre Fragen vor. Bevor ich darauf antworte und einige Zeit investiere die Frage: Ist das noch aktuell, oder haben Sie schon Antwort bekommen? Die Fragen zeugen jedenfalls von sehr gründlicher Recherche. Bravo!
Beste Grüße
Lea

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Hallo Rocky,

bedaure, jetzt erst antworten zu können - ich war im Urlaub.

Zu 1) Ja, die Arbeitshypothese ist so denkbar, denn die Verläufe und der Grad der Beeinträchtigung sind individuell sehr unterschiedlich. Allerdings spricht man bei späten (chronifizierten) Folgen von extremer Belastung, Jahrzehnte nach dem Traumaerleben, weniger von PTBS (F43.1 nach ICD) sondern mehr von einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) mit oder ohne vorheriger PTBS. Bei der Beschreibung einer solchen Person sollte, wenn es denn dramaturgisch verkraftbar erscheint, weniger auf z.B. Flashbacks, denn auf inneren Rückzug und Leeregefühl, in Verbindung mit starken Depressionen abgehoben werden.

zu 2) wie unter 1 erwähnt, kann es also sehr wohl zu einem permanenten Kr.bild führen. Die Belastbarkeit kann zwar von Tag zu Tag recht unterschiedlich sein, aber von Schüben würde ich hier nicht sprechen.

zu 3) Die Wirklichkeit ist doch leider zumeist wesentlich nüchterner als gerne kolportiert wird. Ausschließen darf man es nicht, doch wenn eine von Außenstehenden als spontan eingestufte „innere Aussöhnung“ mit den Traumata erfolgt, geht dem höchst wahrscheinlich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Grundthema oder eine als befreiend empfundene verbesserte äußere Lebenssituation (z.B. Liebesbeziehung)voraus, sodass die Disposition mit ihrer Symptomatik in den Hintergrund treten kann. Die durch die Traumata efolgte Prägung einer besonderen Verletzlichkeit der Person bleibt.

zu 4) Nur im geschützten Raum (therap. Kontext) ist die realitätsabbildende Konfrontation mit dem Trauma erlaubt. Dort aber auch nur bei entspr. Kompetenz des Therapeuten zum richtigen Zeitpunkt, d.h., wenn der Klient „bereit dazu“ ist. Dann kann ddas sehr wohl heilsame Wirkung haben. (–> z.B. s. „Psychodrama“ nach Moreno)

Viel Erfolg + alles Gute!

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Hallo Lea,

ich hoffe, dass Sie Ihren Urlaub genossen haben :smile:

erst einmal vielen Dank dafür, dass Sie sich überhaupt die Mühe gemacht haben meine Frage zu lesen.

Zu Ihrer Frage:
Es ist sehr wohl so, dass ich schon eine Antwort erhalten habe. Wenn Sie dennoch gerne bereit wären, mir auch Ihre Sicht der Dinge dazu mitzuteilen, würde ich das sehr gern annehmen. Sich auf eine Quelle verlassen zu müssen ist oft mit einem Restrisiko und damit auch mit einem unguten Bauchgefühl verbunden.

Falls Sie wirklich Zeit finden sollten, würde mich das sehr freuen, kann aber auch verstehen, wenn Sie unter diesen Umständen keine Zeit investieren möchten. Ist ja schon eine etwas umfangreichere Frage.

Beste Grüße

Patrick Schütz, Kassel

Hallo,

ich möchte mich wirklich sehr für Ihre Mühe bedanken. Die Informationen helfen mir sehr und sind eine sehr gute Grundlage für weitere Arbeit. Zudem wirken Sie überaus kompetent und das spricht für eine verlässliche Quelle.

Ich würde mich freuen, mich bei weiteren Fragen wieder an Sie wenden zu dürfen.

Beste Grüße

Patrick Schütz, Kassel

Hallo Patrick Schütz,

vielleicht würde es die Sache vereinfachen, wenn Sie Ihre Zweifel formulieren oder eine Frage heraus greifen, die Ihnen nicht endgültig beantwortet erscheint.
In aller Kürze:

  1. Ja, das ist denkbar.
  2. Schub gibt es nicht bzw. heißt nicht so: Das traumatische Erleben wird getriggert, also ausgelöst und dann so erlebt, wie beim ersten Mal. Also kann es dadurch auch starke Schwankungen geben, die jeweils wieder abklingen müssen.
  3. Spontane Selbstheilung ist das häufigste, bzw. die PTBS ist eigentlich erst dann ausgeprägt, wenn 6 Monate nach dem Trauma-Ereignis noch keine Spontanheilung erfolgt ist. Bei komplexer PTBS ist das natürlich nicht denkbar.
  4. Möchte ich mal sehen die Frau, bei der die zweite Abtreibung nicht so schlimm ist wie die erste. Dann war eben die erste vielleicht nicht schlimm. Generell kann es natürlich so etwas wie eine „Schock-Heilung“ geben, z.B. weil das zweite Ereignis zeigt, dass es im Grunde gar nicht so schlimm war, eine neue Verarbeitung gelingt oder tausend andere Gründe. Im Bereich der Psyche gibt es ja nichts, was es nicht gibt. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Normalerweise ist jedes erneute Durchleben des (auch getriggerten) Traumas eine Retraumatisierung, also Verschlimmerung. Das macht es in der Therapie so wichtig, nicht ungeschützt und unvorbereitet von solchen Dingen erzählen zu lassen. Und deshalb ist die Vermeidungstendenz der Betroffenen so stark ausgeprägt.

Naja, war ja doch nicht so kurz. Dann also gute Nacht und viel Glück

Lea

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Hallo,

ich bin auf einem total anderen Feld der Psychologie tätig und kann zum Thema PTBS nichts beitragen.
MfG

Bob