Kritik annehmen

Hallo zusammen,

ich bin gerade in der letzten Phase meiner Promotion, der Korrekturphase. Ich habe meine Texte einigen Kollegen zum Lesen gegeben und bekomme nun die Korrekturen zurück.

Ich weiß auch nicht genau, was in den Momenten der Rückkgabe und Besprechung der Korrekturen abläuft, aber ich könnte einfach losheulen. Ich weiß, dass die Leute mir helfen wollen und es gut mit mir meinen. Ich versuche das Ganze sachlich anzugehen, bedanke mich auch für die Hilfe, sehe die Fehler ein und arbeite die Korrekturen ein. Aber jedes mal, wenn sie weg sind, gehe ich zum Heulen aufs Klo und der Tag ist eigentlich gelaufen.

Wie schaffe ich, dass ich die Korrekturen an meiner Arbeit nicht so persönlich nehme?
Hat Jemand Tipps?

Viele Grüße
Sarah

ich bin gerade in der letzten Phase meiner Promotion, der
Korrekturphase.

Also in der Endphase = Ausnahmezustand :wink:

Wie schaffe ich, dass ich die Korrekturen an meiner Arbeit
nicht so persönlich nehme?

Bist du dir sicher, dass es an mangelnder Kritikfähigkeit liegt - dann müsstest du grundsätzlich Probleme mit Kritik haben - oder könnte es nicht eher an einem temporären, völlig nachvollziehbaren dünnen Nervenkostüm liegen?

So, wie du deine Reaktion beschreibst, klingt das nämlich weniger nach mangelnder Kritikfähigkeit, sondern nach großem Hader und Zähneknirschen über die nun offenbar gewordene eigene Unfähigkeit (Achtung, nur in Teilen ernst zu nehmen :wink:), kommt noch hinzu, dass jeder entdeckte Fehler weitere Arbeit bedeutet und gleichzeitig auch böse Vorahnungen weckt: wo einer ist, da muss ein ganzes Nest sein - was nicht besser wird, wenn mehrere davon auftauchen.

Hat Jemand Tipps?

Spontan ganz praktisch?
Wenn die Korrekturen bei dir aufschlagen ein Mal durchlesen, beiseite legen und *stramm eine halbe Stunde durch die wunderbar kalte Luft draußen laufen. Danach zurückkommen, eine heiße Schokolade machen. Wenn die mind. zur Hälfte ausgetrunken ist, dann sind die Hormone höchstwahrscheinlich so eingestellt, dass das WC nur noch bestimmungsgemäß aufgesucht werden muss und du im Anschluss nach und nach die Korrekturen einarbeiten kannst… Notfalls den Vorgang ab (*) wiederholen.

Alles Gute für den Weg bis zur Ziellinie.

Moin,
dein Problem kenne ich von vielen Diplomanden und Doktoranden. Du bist damit schon mal nicht alleine.
Du hast viel Zeit und große Teile von dir in deine Arbeit gesteckt. Du BIST quasi deine Arbeit. Daher ist Kritik an deiner Arbeit für dich - vom dem was im Körper abläuft her gesehen - ein Angriff. Und bei einem Angriff muss man Kämpfen oder Flüchten. Beides ist keine adäquate Reaktion.

Ich weiß auch nicht genau, was in den Momenten der Rückkgabe und :Besprechung der Korrekturen abläuft, aber ich könnte einfach losheulen.

Du schüttest große Mengen Adrenalin und andere Stresshormone aus. Du beherrscht dich und zwingst dich mit Argumenten die du dir selbst gibst

Ich weiß, dass die Leute mir helfen wollen und es gut mit mir meinen. Ich versuche das Ganze sachlich anzugehen, bedanke mich auch für die Hilfe, sehe die Fehler ein und arbeite die Korrekturen ein.

diesen Stress zu verarbeiten. Wenn die Arbeit getan ist, bricht deine Kontrolle zusammen und

gehe ich zum Heulen aufs Klo und der Tag ist eigentlich gelaufen.

Ich würde an deiner Stelle:

    • nach einer Besprechung sofort eine körperliche Aktivität einplanen. Sport wäre gut, aber ein strammer Spaziergang oder die Treppen hoch und runter rennen kann auch schon genug sein. Damit bekommt man sein Stresslevel leichter wieder auf Normalniveau.
    • …mir einen Text schreiben, z.B. so: Ich weiß, dass Kritik ein Geschenk ist. Andere Menschen halten so viel von mir, dass sie Zeit und Mühe in meine Arbeit investieren. Wenn meine Arbeit völlig wertlos wäre würden sie das nicht tun. Indem ich die Kritik aushalte werde ich immer besser und erreiche mein gestecktes Ziel. Ich kann es zulassen, dass meine Arbeit kritisiert wird, weil ich weiß, dass meine Arbeit nicht ICH bin.
      Den genauen Wortlaut musst du selbst finden. Er muss vor allem für dich stimmig sein. Diesen Text mehrmals täglich lesen.
    • am Anfang der Korrektur sagen, dass ich nervös bin.
    • mir während der Korrektur immer mal wieder klar machen, warum ich da sitze - ich will besser werden!
    • Zum Abschluss der Korrektur würde ich fragen, ob es auch zumindest einen Punkt gibt der gut ist. Denn Korrektoren vergessen manchmal, dass ‚Kritik‘ von ‚(unter)scheiden, trennen‘ kommt, und das schließt auch positive Punkte ein.
      Man kann z.B. fragen: „Danke für die vielen guten Anmerkungen, damit schaffe ich es sicher meinen Text zu verbessern. Hast du denn auch ein etwas positives gefunden - als Beispiel wie ich deutlicher sein kann.“ (Auch hier ist es wichtig, dass man Formulierung findet die zum eigenen Stil passen - ruhig mal vor dem Spiegel ein paar Mal sagen)
    • Mir immer wieder klar machen, dass Kritikfähigkeit eine sehr positive Eigenschaft ist, die ich auf jeden Fall erlernen will.

Viel Erfolg…lux

Hallo,

wie fallen denn diese Korrekturen aus? Sind das Korrekturen von Flüchtigkeitsfehlern, Kleinigkeiten im üblichen Rahmen, … oder genht das eher in Richtung „Generaldebatte“ im Sinne von falschen Ansätzen, fehlenden Belegen, nicht nachvollziehbaren Argumentationsstrengen, …?

Im ersteren Fall würde ich auch zum Spaziergang an frischer Luft raten, und mir einfach klar machen, dass solche Dinge in jedem größeren Werk unvermeidbar sind, und auch dem 10. Korrektor immer noch neue Dinge auffallen werden. So ist das eben. Sei einfach dankbar, dass Du gute Freunde hast, die die Bitte um Unterstützung ernst nehmen, und wirklich dafür sorgen, dass jetzt schon möglichst viele dieser Kleinigkeiten gefunden werden. Das sorgt dafür, dass deine Arbeit schon mal einen guten ersten Eindruck machen wird.

Im zweiten Fall würde ich mal einen deutlichen Break machen, die Kritiken konsolidieren, und das Gespräch mit dem Doktorvater suchen, und seine Einschätzung zu diesen Punkten erbitten. Hat er damit kein Problem, musst Du damit auch keins haben, und die Korrektoren aus dem persönlichen Umfeld sind ja auch selten ausreichend qualifiziert, um inhaltlich wirklich mithalten zu können. Sieht er allerdings die Geschichte ähnlich, solltest Du mit ihm über eine aureichende Zeit sprechen, die Dinge aufarbeiten zu können. Aber auch das wäre kein Beinbruch. Lieber jetzt noch mal ein paar Wochen/Monate investieren, als hinterher mit einer schlechten Benotung raus zu gehen, an der Du nichts mehr ändern kannst.

Gruß vom Wiz

Zum Abschluss der Korrektur würde ich fragen, ob es auch zumindest einen :stuck_out_tongue:unkt gibt der gut ist

Ich würde noch einen kleinen schritt weitergehen. Du kannst gut am Anfang schon sagen, dass du im Moment sehr angespannte NErven hast und bitten, mit etwas positivem anzufangen. Richtig gute Kritik macht das von selbst, da kann man, vor allem Freunde, auch drum bitten, finde ich.

Ansonsten finde ich es nicht tragisch, den Stress erst mal rauszuheulen, wenns denn so kommt. (es kann sein, wenn du dir sagst, ok, jetzt geh ich erstmal wieder aufs klo - dass das dann weniger wird)
Es ist eine Ausnahmezeit, und danach wirds besser!!!
Wobei Spaziergänge in strammem Tempo wirklcih eine gute Sache sind.

Gute Nerven!!!

Rückfrage für Ergänzung
Servus Sarah !

Zunächst einmal kannst Du stolz darauf sein, überhaupt so weit gekommen zu sein. Studium durchziehen, Dissertation schreiben und weiter mit dem Ehrgeiz dran zu bleiben, es mit Hilfe der Korrektoren besonders gut zu machen. Wenn ich da an die vielen Studienabbrecher (und mein von ewigen Zweifeln geplagtes Studium) denke …
Aber nun zur Rückfrage: In welchem persönlichen Verhältnis stehst Du zu den Korrektoren? Ist es Dir vielleicht möglich, auch schon im Korrekturgespräch Emotionen zu zeigen?
So wie Du es beschreibst, legst Du Dir nach meinem Dafürhalten noch eine zusätzliche Last auf: „Immer korrekt wissenschaftlich bleiben, den Ernst der Lage sachlich zur Kenntnis nehmen, Haltung bewahren …“, dabei würdest Du wahrscheinlich in diesem Moment am liebsten den Kaffebecher an die Wand schmeissen, das Fenster aufreissen und hinausbrüllen „Ich sch… auf das alles!!“
Wenn also eine emotionale Reaktion „gestattet“ ist, wäre es vielleicht für Dich hilfreich, wenn Du den Korrektoren Deine Befindlichkeit schildern könntest, etwa in der Art, dass Du Dich für ihre Hilfe bedankst und ihr Tun durchaus wertschätzt, dass Deine „negativen Gefühle“ nicht gegen sie gerichtet sind, dass Du aber gleichzeitig den Eindruck hast, dass Deine Arbeit nur noch von Fehlern strotzt, Du den Eindruck hast, dass alles nur „falsch“ ist, was Du schreibst und Du Deine Fähigkeiten arg in Zweifel ziehst.
Vorteil wäre für Dich zum einen das direkte „emotionale Ventil“, zum anderen auch die (vermutliche, für mich jedenfalls eigentlich erwartbare) Reaktion der Korrektoren, das positive an Deiner Arbeit herauszustreichen und Dich emotional wieder aufzubauen.

Viel Erfolg, alles Gute und
Grüße aus Wien
Helmut

Ergänzung
Hallo nochmal,

vielen Dank schon mal für die Antworten.

Ich habe gedacht, ich könnte meine Frage unabhängig von der Vorgeschichte stellen, aber vielleicht ist mein „Zustand“ doch davon beeinflusst:

Anfang des Jahres hat das Betreuungsverhältnis gewechselt. Mein ehemaliger Betreuer ist an eine andere Institution gewechselt, meine ganze Arbeitsgruppe hat sich aufgelöst und ich habe einen neuen Betreuer bekommen und bin in seine Abteilung und eeine neue Arbeitsgruppe innerhalb der Abteilung gewechselt.

Mein Thema passt nicht in sein Fachgebiet, aber es gibt hier auch keinen anderen Prof., der die Arbeit sonst betreuen könnte. Der alte Betreuer kann die Arbeit nur als Zweitprüfer betreuen, weil ich hier schon zur Promotion zugelassen bin und der Erstprüfer von hier kommen muss.

Mein neuer Betreuer hat Angst, dass ich etwas Falsches in der Arbeit schreibe und schlechte Arbeit geleistet habe, er es aber nicht merkt, da er nicht vom Fach ist. (Das ist ihm nämlich letztes Jahr mit einem anderen Doktoranden passiert. Da hat er einen Fehler in der Arbeit übersehen.)

Im März ist die Situation eskaliert. Ich wollte meine Arbeit eigentlich im Juni abgeben. Als ich die Ergebnisse mit ihm besprochen habe, hat er mir vorgeworfen, ich hätte praktisch keine Ergebnisse. Ich war daraufhin ziemlich fertig und habe um ein Gespräch mit dem Institutsleiter gebeten. Ergebnis war, dass ich noch einen weiteren Versuch mache, aber ansonsten die Ergebnisse reichen.

Im September habe ich ihm die fertige Arbeit inklusive des zusätzlichen Versuchs abgeben. Er meinte, es sei eine schlechte Arbeit und es wäre haarscharf. Auf meinen Einwand, wenn ich etwas verbessern solle, müsse er schon konkreter werden, meinte er, dass er das nicht könne, es sei mehr ein allgemeiner Eindruck.

Ich habe daraufhin mit meinem (neuen) Gruppenleiter gesprochen, der wiederum mit dem Prof. gesprochen hat. Jetzt heißt es, ich solle noch ein weiteres theoretisches Modell einarbeiten.
Weiterhin hat sich nun meine neue Arbeitgruppe auch noch mal meine Arbeit angeschaut, um herauszufinden, wo vielleicht der schlechte allgemeine Eindruck herkommt.
Ich habe mit dem Zweitprüfer gesprochen, er hat mir zugesagt, dass der sich meine Arbeit auch noch mal anschaut, aber er hat wenig Zeit.

Ich muss zugeben, dass mein Schreibstil von den Negativ-Erfahrungen beeinflusst wird. Ich stelle eher die negativen Ergebnisse heraus als die positiven, weil ich mittlerweile selber nicht mehr von mir überzeugt und ziemlich verzweifelt bin. Das ist der Hauptkritikpunkt der Kollegen.

Ich muss nun einen Weg finden, diese Restzeit zu überstehen. Immer wenn ich mich ans Schreiben setzte, habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit so schlecht ist, dass es egal ist, was ich schreibe. Dadurch sinkt natürlich auch die Motivation daran weiterzuarbeiten. Ich kann einfach keine Kritik mehr ertragen.
Meine Gefühle möchte ich lieber nicht offen vor den Kollegen zeigen. Irgendwie passt das Verhältnis dafür nicht.
Ich werde es auf jeden Fall schon mal mit den Spaziergängen und dem Kakao versuchen.

Viele Grüße
Sarah

Hallo,

ups, böse Geschichte. Kann ich aber gut nachvollziehen. Mir ist damals mein Doktorvater weggestorben. Zum Glück war ich noch ganz am Anfang, und habe das Thema dann ad acta gelegt, bis ich mal wieder so einen grandiosen Menschen kennen lernen sollte, mit dem einfach alles passte, und der mit einem auf Augenhöhe diskutierte, … Leider ist mir bis heute niemand von dem Format mehr über den Weg gelaufen, und mit inzwischen über zehn Jahren im Beruf, Familie, … wird das wohl auch nichts mehr werden.

Aber in eine ähnliche Situation zu kommen, wenn man schon beinahe fertig ist, ist natürlich richtig übel. Musst Du denn unbedingt an deiner Uni mit der Arbeit bleiben? Der Doktorvater meiner Frau wechselte damals auch kurz vor Abschluss der Arbeit, und sie hat dann bei ihm an der neuen Uni die Arbeit eingereicht.

Ansonsten würde ich wirklich überlegen den ganz großen Break zu machen, und - ob die Kritik berechtigt ist oder nicht - mir überlegen, wie Du es dem neuen Prof Recht machen kannst. Kannst Dir ja dabei dein Teil denken, dass er von Nichts eine Ahnung hat, das hilft dann bei der psychischen Bewältigung. Aber wenn Du den Titel willst, und ihn mit guter Note willst, und die oben angesprochene Alternative ausfällt, dann musst Du da jetzt durch und dem guten Mann gefallen. Genau darum geht es jetzt, und daher solltest Du das von deinem Selbstbild und dem Selbstbild deiner bisherigen Arbeit trennen, wenn andere Dir bestätigen, dass diese gut ist.

Gruß vom Wiz

Hallo Sarah,

Kritik anzunehmen fällt mir auch immer schwer. Ganz besonders, wenn sie von mir nahestehenden Menschen geübt wird; und von Freunden; und von Bekannten; und auch von Fremden.

(Betrachte das einfach als ein Problem, das sehr viele Menschen haben!)

Beste Wünsche, S.I.