Hallo,
ich habe die ganze Diskussion über Studiengebühren, Kürzungen im Bildungswesen jetzt mal etwas verfolgt hier im Board, und es ist stellenweise erschreckend welches Bild ihr von den Studenten habt.
Und welche Vorstellungen, dass dies alles nur durch den Staat finanziert wird.
Bafög:
Bafög wird dir nur nach sehr genauer Prüfung gegönnt. Ich kenne dutzende Studenten, die Anzeigen deswegen bekommen haben. Bafög ist keine Melkkuh. Schon deswegen nicht, weil du den Großteil sowieso nur „geliehen“ kriegst, du kassierst das nicht einfach so auf Nimmer-Wiedersehen. Desweiteren musst du spätestens nach dem vierten Semester einen Leistungsnachweis erbringen, wenn du danach auch noch Bafög bekommen willst. Bummelstudenten kriegen KEIN Bafög. Und auch keine Ewig-Studierer, die öfter den Studiengang wechseln, als andere die Unterhose. Denn erstens wird dir Bafög beim Studiengang-Wechsel nur weiter bezahlt, wenn der Wechsel spätestens im 2. Semester erfolgt und dann auch nur, wenn du dort innerhalb von 2 Semestern einen Leistungsnachweis bringst und der Wechsel begründet ist.
Vergünstigungen:
Billige Krankenversicherung, Busfahrkarte usw. Da kann ich auch nur dazu sagen, dass das ebenfalls keine Melkkuh ist. Billigere Krankenversicherung kriegst du bei praktisch jeder Kasse nur bis zu einem bestimmten Alter, und da sind dass dann auch 60-100 EUR im Monat. Ein 30jähriger Bummel-Student kriegt das sowieso nicht mehr. Genauso ist das bei diversen anderen Vergünstigungen. Auch die Bus/U-Bahn-Fahrkarten sind keine Geschenk des Himmels. Da zahlst du nämlich - zwar einen verbilligten Preis - dafür. Für eine Monats-Karte in München sind das immerhin ca 60 EUR im Monat. Und ansonsten? Viel mehr Verbilligungen kriegst du nicht. Und darüber können sich manche Leute aufregen die darin die große Geld-Verschwendung sehen?
Bummel-Studenten:
Erstens ist die Zahl der „faulen“ Studenten weitaus geringer als viele meinen, denn die meisten Studenten haben schlichtweg kein Geld, dass sie nur aus Spass einfach so studieren. In den allermeisten Fällen tragen die Eltern 80% der Kosten des Studiums. Und Eltern tun dies in der Regel nicht, wenn man nur aus „Spass“ studiert (zumindest nicht die Eltern, die ich kenne). Ausserdem sind in fast allen Studiengängen inzwischen Fristen gesetzt, bis wann du was erreichen musst. Meist ist es so, dass man in Diplom-Studiengängen nach 5 Semestern zum Vordiplom antreten MUSS, fällst du durch, kannst dus im 6. Semester nochmal probieren und dann ist Schluss. So kommst du normal auf eine maximale Studienzeit von 11-12 Semestern die MÖGLICH ist. Natürlich kannst du den Studiengang wechseln, und einfach was anderes weiterstudieren. Aber das macht höchstens eine verschwindend geringe Anzahl von Studenten, was man leicht an den Matrikelnummern bei Prüfungen sehen kann.
Bummel-Studenten kosten soviel Geld:
Auch das halte ich für total überbewertet. Jemand der so faul ist und sowieso nie in die Uni geht und eh nur Party macht, der kostet fast nix. Er sitzt in keinem Hörsaal, er nimmt keine Praktika/Seminars/Übungsplätze weg, er verursacht keinen Korrektur-Aufwand, da er keine Übungsblätter abgibt. Er bekommt kein Bafög oder andere staatliche Zuschüsse aus o.g. Gründen.
Das ganze Uni-Drumherum wie Cafeterien/Mensa/usw kostet für ihn auch nix, weil er dafür ZAHLEN muss, ob er will oder nicht, denn er muss wohl Studentenwerksbeitrag zahlen, wenn er immatrikuliert ist.
BTW: Die Vorlesungen und andere Lehrveranstaltungen sind ÜBERFÜLLT. Das kann wohl kaum daran liegen, dass alle daheim faul auf der Couch liegen…
Nun, wie finanzieren also solche Langzeitstudenten ihr Studium? Ganz einfach: ARBEIT. Die meisten Studenten jobben sowieso schon neben dem Studium, um sich finanziell über Wasser zu halten. Viel kannst du eh nicht dazuverdienen, weil du sonst eine teuerere Krankenversicherung brauchst, sozialversicherungspflichtig wirst, kein Bafög mehr kriegst usw. Da sind die Grenzen eng gesteckt. Ein Grund wieso viele Studenten länger brauchen, als vorgesehen ist einfach, weil sie nebenbei auch noch arbeiten müssen.
Studiengebühren bringen etwas:
Sie bringen NIX! Wo liegt der Vorteil von Studiengebühren??? Erstens stopfen Studiengebühren in keinster Weise die Löcher in den Etats der Unis, dazu sind die Löcher jetzt schon viel zu groß! Und dann die tollen „Versprechungen“, dass die Qualität vom Studium besser wird, wenn wir Studiengebühren zahlen… Wer ist so NAIV und glaub diesen gequirlten Käse?? An den Unis wird seit JAHREN gespart, gespart, gespart. Ausserdem bringen Studiengebühren viele Studenten noch mehr in finanzielle Bedrängnis, als sie es eh schon sind. Dass heisst dann: Noch mehr jobben, noch längeres Studium. Und wie soll dadurch die Akademiker-Quote gehoben werden, die ja eh schon im Vergleich zu den anderen Ländern im hinteren Drittel ist (in einem Land, das wohlgemerkt nur durch geistigen Rohstoff wettbewerbsfähig ist. Wir haben keine geheimen Ölquellen die uns Freude und Reichtum bescheren)?
Denn viele, die aus nicht so begüterten Verhältnissen kommen, können sich dann ein Studium erst recht nicht mehr leisten, da sie sowieso schon an der Grenze des finanziell Machbaren sind. Universitäre Bildung wird dann nur noch für gut situierte Familien zugänglich. Das kanns doch nicht sein, oder? Und jetzt kommt mir nicht damit, dass die, die weniger Geld haben, sich dann davon befreien lassen können oder das durch mehr Bafög oder sonstwie erstattet bekommen, denn das ist ja wohl Humbug². Wenn man da die Gelder die ausfallen, weil sich viele von den Studiengebühren befreien konnten, und den Verwaltungsaufwand für all dies wegrechnet, bleibt effektiv nur noch ein Bruchteil von den Einnahmen der Studiengebühren übrig…
Allein um den Status-Quo an Uni zu halten, würden die Studiengebühren
sowieso nicht ausreichen. Und apropos…
Stand der Dinge an den Unis:
Die Unis haben jetzt schon viiiieeel zu wenig Geld. Einige Lehrstühle werden nicht mehr neu besetzt, an den meisten Unis ist eine Einstellungssperre verhängt worden, bei uns an der Uni-Bib wurde seit Februar kein neues Buch mehr angeschafft (ausser ganz Dringlichen, wie Gesetze die sich geändert haben), die IT-Infrastruktur kann nicht repariert werden, weil die Etats zu klein sind (einige der viel zu wenigen Rechner stehen daher unbenutzbar herum).
Ich könnte noch unzählige andere Beispiele nennen, aber noch was anderes: Faktisch wird an den Hochschulen schon seit Jahren jedes Jahr gekürzt, denn es gibt pro Jahr etwa 5-7% mehr Studenten. Die Hörsääle werden dadurch immer voller!
Hierzu ein paar Beispiele: Es werden stellenweise Seminarsplätze VERLOST! Da wird drum gestritten, wie in nem 3. Weltland ums tägliche Brot. Natürlich ist das von Studiengang zu Studiengang anders und eine Verlosung ist natürlich nicht die Regel. Aber allein die Tatsache, dass wir vereinzelt den Zugang zu Lehrveranstaltungen VERLOSEN müssen, sollte schon den Ernst der Lage verdeutlichen.
Nun, wenn jetzt eingespart wird, was passiert dann:
Die Etats aller werden etwas gekürzt. ==> Noch weniger neue Rechner/Bücher usw. Die Infrastrukur wird sich noch weiter verschlechtern.
Entlassungen: Davon ist leider nur der universitäre Mittelbau betroffen, denn viel in der Verwaltung sind verbeamtet bzw haben Arbeitsverträge, die normal erst in 3-4 Jahren gekündigt werden können. Das heisst: Es trifft die Wissenschaftliche Mitarbeiter (die eigentlich Forschen sollten), die lehrenden Mitarbeiter (die die Übungen halten) und die HiWis (die viel Korrektur und Verwaltungsarbeit am Lehrstuhl leisten). Diese Mitarbeiter sind das Rückgrat des Studiums. Sie gewährleisten den Ablauf der Seminare/Übungen/Tutorien. Und diese Veranstaltungen sind zum Verständnis des Lehrstoffs ESSENTIELL!
Rekapitulieren wir:
Weniger Geld
==> Weniger Stellen im Mittelbau
==> Weniger Übungen, für mehr Studenten
==> Längere Studienzeiten
==> Schlechtere Qualität des Studiums
==> Schlechtere Ausstattung der Bibliotheken und Computerräume
==> Weniger Forschung
==> Wir geraten immer mehr ins Hintertreffen im Vergleich zu den anderen Ländern!
Das kanns doch wohl nicht sein! Also man kann über alles reden, aber die derzeitge Hochschulpolitik die in diesem Land betrieben wird, die ist dermaßen unter aller S**, dass es mich schon eher wundert, dass dies von einigen Studenten und v.a. auch der Gesellschaft (die sehr stark von den Unis profitiert, auch wenn das den meisten nicht so klar sein wird) als nicht so schlimm erachtet wird…
Zum Schluss mal ein Rechenbeispiel, welche Ausgaben ein Student im Monat hat (sehr bescheiden gerechnet):
- Miete (mit Heizung): 200 EUR
- Essen: 160 EUR
- Strom, Telefon, Wasser, GEZ: 60 EUR
macht über 400 EUR FIX-Kosten
Dann braucht man aber auch mal was zum Anziehen, Computer, Bücher, Friseur, usw, usf.
Diese variablen Kosten machen auch noch mal einen großen Teil aus, denn keins davon ist halbwegs billig, lassen sich aber ebenfalls praktisch nicht vermeiden.
Wenn man dann auch noch sowas wie ein Zeitschriften-Abo, Hallenbad, Sport, einmal in der Woche fortgehen haben will, dann stoßen da schon viele an ihre Grenze.
Ich hoffe, dass Bildung in diesem Land weiterhin jedem zugänglich bleibt, denn Bildung ist DAS was unserem Land die Zukunft garantiert. Und ausserdem bestimmt Bildung und Kultur auch wesentliche Züge unserer Gesellschaft auf der unser aller Zusammenleben basiert. An der Bildung zu sparen, heisst an den Grundmauern unser Gesellschaft zu wackeln.
mfg
deconstruct
