Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. unterhielt bekanntlich ein Garderegiment, dessen Angehörige mindestens eine Körpergröße von 1,88 Meter haben mussten, die „langen Kerls“ eben.
Im allgemeinen findet man in der Literatur die Ansicht, dieses Regiment wäre ein Spleen des Soldatenkönigs gewesen; das Einzige, wofür er viel Geld verschwendet hätte.
Nun finde ich auch Quellen, die behaupten, die größere Armlänge der Gardisten hätte ihnen erlaubt, Vorderladergewehre mit längerem Lauf zu bedienen (v.a. zu laden). Diese Gewehre haben eine längere Reichweite und hätten den Preußen erlaubt, vor dem Gegner in Schussweite zu gelangen.
Damit wären die langen Kerls eine echte Elitetruppe gewesen und nicht die Dekorationstruppe, als die sie heute meist angesehen wird. Dafür spräche, dass es nicht recht in das Charakterbild Friedrich Wilhelms passte, Geld für eine Spaßtruppe hinauszuwerfen. Hingegen löste Friedrich II. das Regiment umgehend auf, was gegen eine echte Elite spricht.
„Als Lehr- und Mustertruppe diente das berüchtigte Königs-Regiment der Langen Kerls in Potsdam, wo die Offiziere der Armee alle reglementarischen Neuerungen in der Schule der Taktik wie des gesamten Dienstbetriebes gleichsam an der Quelle der militärischen Weisheit studieren mußten. Die Körpergröße der Grenadiere stand im Zeichen taktischer Höchstleistung, weil von der Länge des Gewehrlaufes die Schußweite abhing und das rasche Laden entsprechende Armspannweite erforderte. Es machte einen erheblichen Unterschied aus, wenn die linear avancierenden bataillone das Feuer schon auf 200 statt auf 150 m eröffneten und ihre Salven bis zu drei Mal in der Minute in die dichten Reihen des Gegners schlugen. Der König hat diesen Zusammenhang in der Vorbereitung auf den Infanteriekampf absichtsvoll und sorgsam als Geheimnis gehütet, weshalb man seine Jagd nach den Enakssöhnen Europas überall selbst in der Fachwelt für eine krankhafte Wahnvorstellung hielt.“
Siegfried Fiedler, Taktik und Strategie der Kabinettskriege, S. 114
Friedrich d. Gr. hat die gesamte Organisation der Rekrutierung verändert; er hat zwar das regiment der Langen Kerls aufgelöst, doch die Körpergröße spielte auch bei ihm noch eine große Rolle: „Die alten Regimenter sollten im ersten Glied keinen Mann untzer 5 Fuß 8 Zoll (1,80 m) haben, unter den kleinsten im mittleren Glied keinen unter 6 Zoll (1,73 m). Die Füsiliere der neuen regimenter durften um je einen Zoll (3 cm) kleiner sein.“ Ebd S. 138
beides stimmt.
Die Theorie mit der Länge der leute und der besseren Handhabung der Gewehre hat schon was für sich.
Andererseits artete die Suche nach langen Kerls zu einer Manie aus - bei Körpergrößen von 2.16 und so ergibt sich dann auch kein nenenswerter Vorteil mehr gegenüber einem 2 Meter großen Mann. Zudem wurden bei dieser Suche nach extrem großen leuten sicher auch viele mit erwischt, bei denen die Größe auf Störungen im Knochenwachstum zurückzuführen war, auf Hormonstörungen und andere Dinge - die Truppe dürfte also als solche auch recht störanfällig und wenig belastbar gewesen sein. Diese Mängel kamen natürlich bei einer reinen Exerzier- und Paradetruppe nicht so zum tragen und mehr war es ja auch nicht - komischereise hat ja ausgerechnet der Soldatenkönig gar keine Kriege geführt. Freidrich der Große hat die also wirklich nicht ohne Grund aufgelöst.