Lass die Tassen im Schrank

Moin!

Gehört die Wendung „die Tassen im Schrank lassen“ im Sinne von „auf dem Teppich bleiben“ zum deutschen Sprachschatz, oder ist das nur ein Lapsus unseres Bundespräsidenten?

MfG

C.

Moin!

Ist wohl eine Weiterbildung zu:

Nicht alle Tassen im Schrank haben. = Nicht normal, vernüftig, gescheit sein.

Und meint dann: Sei doch normal, vernünftig, gescheit!

Zur Enstehung dieser Redewendung gibt es hier irgendwo eine Geschichte.

Ich hätte ihm das eigentlich auch nicht zugetraut, aber auch ein blinder Eichel findet mal einen Korn.

Gruß Fritz

Nicht alle Tassen im Schrank!

Zur Enstehung dieser Redewendung gibt es hier irgendwo eine
Geschichte.

Und zwar diese:

_ Christa Reinig, Tassen im Schrank

„Diese Reinig hat ja nicht alle Tassen ich Schrank.“
Nun gut, an die Kanonade von Valmy kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich war dabei, als die Redensart von den „Tassen in Schrank“ geboren wurde, und ich kann sagen, ich habe daran mitgewirkt. Damals war ich Lehrling ich Reichsnährstandsverlag und hatte Adler und Schwert ich Wappen, und rundrum stand in gotischen Lettern „Blut und Boden“. Nun verziehen Sie aber ganz hübsch das Mäulchen; hi Pfui, diese Reinig. Seis drum. Wir Lehrlinge, zwölf an der Zahl, gingen in die Berufsschule, alle in dieselbe Klasse, und hatten mit Hilfe einer Urkundenfälschung die Personalabteilung davon unterrichtet, daß der Schulunterricht bis nachmittags um halb viere andauere. Der Gedanke, daß wir eines Tages entlarvt, abgeholt und allesamt im Konzertlager enden würden, erfüllte uns mit gruselndem Entzücken. Wir Kinder wir! . Jedenfalls hat die Aussicht auf strenge Strafen verhindert, daß
der Betrug je verraten wurde. So verließen wir also zweimal wöchentlich um halb eins unsere Schule, fuhren zum Alexanderplatz und wählten uns eines von den fünfzig Tageskinos aus. Nach dem Film erschienen wir dann ich Betrieb, stürzten in die Kantine, wo uns um vier unser Mittagessen nachgeliefert werden mußte. (Auch waren die Köche und Serviererinnen auf uns sauer). Die halbe Mittagsstunde, die uns vertraglich zustand, dauerte bis kurz vor halb sechse, und wir kamen mit knapper Not vor dem Klingeln an unserem Arbeitsplatz an. Zweimal in der Woche.
Dann aber machte sich der Krieg auch in Berlin langsam breit. Die Kinder auf den Straßen riefen im Chor: Lichterfelde - Trichterfelde, Charlottenburg - Klamottenburg, Steglitz - Steht nix. Wir konnten auf dem Stadtplan nachschauen, wann wir drankamen. Zuvörderst aber kam der Alexanderplatz dran und alle unsere kleinen, dreckigen Tageskinos, in denen man manchmal sogar noch einen Floh erwischen konnte, verschwanden unter Kalkstaub und Brandgeruch. Wir liefen auseinander. Nach der Schule ging jeder seiner Wege. Unser Eintreffen in der Betriebskantine um vier Uhr war ein Gewohnheitsrecht geworden. Wir mußten nicht mehr zusammenhalten.
In dicken Romanen lese ich manchesmal kopfschüttelnd nach, was ich und meinesgleichen damals alles gedacht, gesagt, empfunden und gelitten haben. Ich kann mich ziemlich genau erinnern: Ich habe nur eines empfunden und gelitten, die Sorge, ob ich wohl Angst haben würde, wenn ich plötzlich »ich Feuer« stehe. Aus den Jubelrufen meiner Mitlehrlinge und Schulkameradinnen: „Wir sind ooch ausjebombt“ und ihrer Erleichterung konnte ich hören, daß es ihnen ähnlich gegangen war. Dann hatte auch ich meine Bomben abbekommen und kein bißchen Angst empfunden und war entsprechend aufgedreht. Ich war nun in der Obdachlosenunterkunft und trug als neues Rangabzeichen den Suppenlöffel durchs Mantelkragenknopfloch gesteckt. Vom dreckstarrenden Haarbusch bis zu den bestaubten Turnschuhen muß ich wohl aus- gesehen haben wie ein verfrühter Hippie, von dem die letzte Blüte abgefallen ist. Nur daß ich nicht nach Fusel und nach Pot duftete, sondern nach Kalk und kaltem Rauch.
Elfriede Natzel war noch ganz geblieben, hatte aber in der Nachbarschaft löschen geholfen. Das galt als Vorprobe, aber nicht als vollgültige Prüfung, weil ihre Wohnung Doch nicht kaputt gegangen war. Vera Nikolaus dagegen war vom Krieg bisher übersehen worden und mußte ihrer Mutter abwaschen helfen und war tief niedergeschlagen. Wir drei also fuhren von der Schule aus zu Vera, um das Geschirr abzuwaschen. Elfriede und ich setzten uns an den Küchentisch, betrachteten Veras Fotosammlung, Mengen von Soldatenfreunden. Vera wusch allein das Geschirr ab. Aus dem Gespräch entwickelte sich alsbald ein Streit, Schimpfworte wechselten hinüber und herüber. Das übliche "verrückt, bekloppt“ war bald vertan. Es kamen die anspruchsvollen intellektuellen Schöpfungen der goldenen Zwanziger zur Sprache: „Du hast wohl nicht alle Antennen am Sender“, „Deine Verstärkerröhre is jeplatzt“. Dann ging uns die Munition aus. Ich ließ meine Augen umherschweifen und ergriff, was ich gerade sah: Ich nannte Vera einen „von Mäusen angeknabberten Küchenstuhl“, „eine eingeweichte Tüllgardine“, „eine einzinkige Gabel“. Sie durchschaute das System meiner Geheimwaffe und baute es nach, sie bedachte die Feindseite, mich und Elfriede, als „einjährigen Abreißkalender“, „von der Wand gefallene Geburtstagskarte“ und fing an, das Geschirr in den Schrank zu räumen. Da überbrüllte uns Elfriede und gabs ihr: „Du hast ja nicht alle Tassen im Schrank!“
Was dann geschah, das weiß ich genau, ich sehe sogar noch die mobilen Gegenstände von Veras Küche vor mir, die wir ich Übermut durch die Luft warfen und die wunderbarerweise nicht entzweigingen. Wir lachten eine unaufhörliche dreifache Narrenlache. Wir tobten in dem Raum umher wie die Besessenen. Erst all wir uns beruhigt hatten, unsere Mäntel nahmen und uns auf den Weg in den Betrieb machten, konnten wir wieder artikulieren, und wir artikulierten ich Takt „Tassen im Schrank Tassen im Schrank, du hast nicht al-le Tassen im Schrank, Tassenimschrank!“
In unserer Klasse gab es einige zwanzig Berufsschülerinnen, zwölfe, die stärkste Minderheit vom Reichsnährstandsverlag, drei oder vier von der Firma Rudolf Herzog, einige vom Kaufhaus Hertie, andere von den Berliner Verkehrsbetrieben und der Deutschen Reichsbahn. So verbreitete sich das Wort von den Tassen in der Textilbranche, in den Großkaufhäusern, in Straßenbahnen und Omnibussen und fuhr auf Reichsbahnschienen durchs Reich. Wir zwölf saßen in allen Abteilungen des Verlages, eines Betriebs von fast zweitausend Arbeitern und Angestellten. So ging das Wort durch alle Abteilungen. Unsere Lehrmädchen meldeten sich oft freiwillig zur Luftschutzwache und auch unsere französischen und belgischen Fremdarbeiter meldeten sich ebenso oft und an denselben Nächten freiwillig zur Luftschutzwache, so ging das Wort als Fremdwort in den romanisch-burgundischen Kulturkreis ein. Der Reichsnährstandsverlag hatte Dutzende Filialen in allen Agrarhauptstädten des Großdeutschen Reiches, die westlichste in Paris, die östlichste in Riga und nach dem Kriege zerstreuten wir uns über die ganze Erde._

Gruß Fritz

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Archiv-Link mit Quelle

Zur Enstehung dieser Redewendung gibt es hier irgendwo eine
Geschichte.

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Gruß Gudrun

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Hi,

jaja, der Eichel, der ein Köhler ist…

Liebe Grüße und schönes Wochenende,

Susanne

Danke an alle Antwortschreiber owT
owT