Salve interrogator, responsurus te salutat,
Salvēte omnēs,
Eine Frage zur Betonung lateinischer Wörter habe ich. Ich
kenne die Regeln so, dass man die drittletzte Silbe betont,
wenn nicht die vorletzte Silbe schwer ist, dann fällt die
Betonung nämlich dort drauf. Bei zweisilbigen Wörtern wird
immer die erste Silbe betont,
Im Prinzip hast du die Regeln richtig wiedergegeben. Davon gibt es aber Ausnahmen, z.B. illíc (weil aus illīce entstanden), oder den Vokativ Vergíli (aus Vergilie entstanden).
1.
Gilt das auch für Verben mit Präfixen?
Ja.
bei revenit (er kommt zurück)? Die Regel besagt, hier
müsste es revenit heißen —
So ist es auch.
das hört sich für
mich komisch und unerwartet an.
Wieso hört sich etwas Regelgerechtes unerwartet an? Es wäre im Gegenteil unerwartet, wenn revenit anders betont wäre.
Gelten die Betonungsregeln so
evtl. nicht für präfigierte Verben
doch, tun sie. Es gibt aber Ausnahmen bei einigen Formen von Komposita von facio, z.B. benefácit.
und sagt man daher
revenit?
Nein.
2.
Wie ist das beim Imperativ Plural? Amā! (liebe!)
wird vorne betont, weils nur zwei Silben hat. Und
amāte! (liebt!)? Ich würde’s in der Mitte betonen, weil
nun die vorletzte Silbe schwer ist; amāte!,
richtig?
Genau so ist es.
3.
Wie sieht’s aus bei -que (und)? Wenn ich sage Mārcus
Quīntusque (Marcus und Quintus), rutscht beim letzten Wort
die Betonung automatisch eins hinter, also nach
Quīntusque oder ist die Zusammenschreibung
eigentlich unsinnig? Wenn sie sich auf die Betonung auswirkt,
wär’s ja wieder logisch (Stichwort: Klitikum). Ist -que
ein Klitikum?
-que ist in der Tat ein Enklitikon. Die Zusammenschreibung ist einerseits unlogisch, weil es eigentlich ein eigenes Wort ist, aber andererseits logisch, weil es sich auf die Betonung auswirkt, denn die Silbe vor dem -que wird immer betont, z.B. Quintúsque. Diese Betonungsverschiebung wiederum ist eine Ausnahme, wenn man sich vor Augen hält, dass erstens Quintus und que eigentlich zwei Wörter sind, und nun die Endsilbe von Quintus betont wird, und zweitens -qu- alleine eigentlich keine Positionslänge verursacht. Aber die alten Römer haben offensichtlich irgendwann begonnen, Quintusque für die Betonung als EIN Wort anzusehen, wobei hier durch -squ- eine Positionslänge verursacht wird. Bei z.B. omniáque wird keine Positionslänge verursacht, also eigentlich entgegen der Regel betont. Diese Betonungsverschiebung gibt es auch bei anderen Enklitika, z.B. amaréve (oder lieben) oder tibíne (dir + Frageenklitikon). Hinzuzufügen ist, dass mit -que gebildete Partikel wie selbständige Wörter betont werden, z.B. úndique (von allen Seiten) oder ítaque (daher; zu trennen von itáque = und so).
4.
Das gehört mit zur 1. Frage: Wie steht’s mit dīvidit
(er teilt)? Dīvidit besagen die Regeln,
Ja, und dann ist das wohl auch so.
dīvidit sagt mir mein Gefühl.
Dann trügt dich dieses. Im übrigen: Wie kann man bei einer toten Sprache ein Gefühl für die Aussprache entwickeln?
Wenn meine
Vermutung von 1. zutrifft, handelt es sich bei dī- dann
evtl. auch um ein Präfix?
tut es, dī- kommt von dis, einem Präfix, das Teilung bedeutet, aber als selbständige Präposition im Lateinischen ausgestorben ist.
Gruß
Marco