Latein - Ist mir peinlich, aber ich brauche Hilfe!

Liebe Latein-Kundige,

da ich im Bekanntenkreis wegen einschlägigen Studiums den Ruf als „Die wirds schon übersetzen“ weg habe, kommen gelegentlich peinliche Anfragen; bisher konnte ich mich immer irgendwie aus der Affäre ziehen.

Heute brauche ich Hilfe. In Zitat 1 kann ich mit „in limine“ nichts anfangen. Im zweiten geht es um „coincidentia oppositorum“. Ich krieg einfach keinen Sinn rein. Syntax ist unproblematisch. Und meinen Stowasser hat Filius, und der ist momentan nicht greifbar.

„Writing for the idle women afflicted by love exposes in limine the text to the Horatian pairing of entertainment (delectare) and morality (docere), as the narrator of the Decameron declares in the Proemio that opens the text:“

„By placing a marriage at the end of the Decameron and by endowing it with the male power to coordinate human forces, the male narrator of the tale, Dioneo, presents the key for a successful conjugal relationship not in coincidentia oppositorum, but in gender hierarchization of values in which wifely subordination is reaffirmed and resistance nullified.“

(Hintergrund: Ich soll ein feministisches Werk, dessen Herausgeberin meine Freundin ist, korrekturlesen. An diesen Stellen waren Fragezeichen.)

Überforderte Grüße
Aia

Legal English und Weltanschauliches
Hallo Aia,

mein kleines Latinum ist schon ewig her und Aussagen über die Note verweigere ich :wink:, aber ich habe trotzdem aus dem rechtssprachlichen Englisch und mit philosophischem Hintergrund Hinweise für dich, die vielleicht auch in diesem Zusammenhang weiterhelfen.

Heute brauche ich Hilfe. In Zitat 1 kann ich mit „in limine“

Duhaime’s Law Dictionary (http://www.duhaime.org/dictionary/dict-i.htm#I)
In limine
Latin: at the beginning or on the threshold. A motion „in limine“ is a motion that is tabled by one of the parties at the very beginning of the legal procedures.

nichts anfangen. Im zweiten geht es um „coincidentia
oppositorum“.

Coincidentia oppositorum
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(http://de.wikipedia.org/wiki/Coincidentia_oppositorum)

coincidentia oppositorum (Lateinisch: Zusammenfall der Gegensätze) bezeichnet ein Zusammenfallen der Entgegensetzungen. Der Gedanke coincidentia oppositorum findet sich bereits in den Schriften des Neuplatonismus und wird u.a. von (Pseudo-) Dionysius Areopagita (5. Jahrhundert vor der Zeitrechnung) und Meister Ekkehart verwendet und fortgeführt.
Das der Welt durchgängig immanente Widersprechende (Gegensätzliche) wird im Unendlichen(Gott) aufgelöst, das ist ein Grundgedanke von Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus) in seiner Schrift De conciecturis (II,1,2).
Er sucht mit diesem Begriff die Einheit der Welt zu begreifen. Die Unterschiede und Gegensätze, die im Bereich des Endlichen auftreten, gleichen sich in der Unendlichkeit aus. Gott ist die Einheit aller Gegensätze, die coincidentia oppositorum. Räumlich und zeitlich erscheint diese Unendlichkeit in Gestalt des Universums.
Ausgehend von seiner Zentralkategorie kommt er zu interessanten dialektischen Überlegungen über das Verhältnis von Identität und Verschiedenheit, Notwendigeit und Zufall, Möglichkeit und Wirklichkeit, relativer und absoluter Wahrheit u.a.
Gleichzeitig sucht Nikolaus von Kues seine dialektische Auffassung von der coincidentia oppositorum durch mathematische Beispiele zu verdeutlichen und und wandte sie auf seine Kosmologie an. Diese Darstellungen finden sich vornehmlich in seinem Werk „De docta ignorantia“ (1440).
Die Lehre von der coincidentia oppositorum bezeichnet den Beginn einer pantheistischen Tradition (Pantheismus); diese wirkt u.a. über Giordano Bruno, Jacob Böhme, Paracelsus bis zu Johann Georg Hamann,Johann Gottfried Herder und F. W. J. Schelling weiter.
Bei G. W. F. Hegel wird das dialektische Element der coincidentia oppositorum positiv gewendet und aufgehoben: die Gegensätze finden nicht erst im Unendlichen ihre Auflösung, sondern stufenweise im Weltgeschehen als einem dialektischen Prozess.

Schönen Gruß,
Christiane

Eines der Beispiele von Cusanus:
Hallo Aia,

nichts anfangen. Im zweiten geht es um „coincidentia
oppositorum“.

Das der Welt durchgängig immanente Widersprechende
(Gegensätzliche) wird im Unendlichen(Gott) aufgelöst, das ist
ein Grundgedanke von Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus) in
seiner Schrift De conciecturis (II,1,2).
Er sucht mit diesem Begriff die Einheit der Welt zu begreifen.
Die Unterschiede und Gegensätze, die im Bereich des Endlichen
auftreten, gleichen sich in der Unendlichkeit aus. Gott ist
die Einheit aller Gegensätze, die coincidentia oppositorum.
Räumlich und zeitlich erscheint diese Unendlichkeit in Gestalt
des Universums.
Ausgehend von seiner Zentralkategorie kommt er zu
interessanten dialektischen Überlegungen über das Verhältnis
von Identität und Verschiedenheit, Notwendigeit und Zufall,
Möglichkeit und Wirklichkeit, relativer und absoluter Wahrheit
u.a.
Gleichzeitig sucht Nikolaus von Kues seine dialektische
Auffassung von der coincidentia oppositorum durch
mathematische Beispiele zu verdeutlichen und und wandte sie
auf seine Kosmologie an. Diese Darstellungen finden sich
vornehmlich in seinem Werk „De docta ignorantia“ (1440).

Eines sieser mathematischen Beispiele die Christiane in dem tollen Beitrag erwähnt, hat Nikolaus von Kues so formuliert:
„Der Umfang eines Kreises hat eine mehr oder weniger starke Krümmung die der Größe des Radius entspricht. Die Krümmung wird immer flacher je länger der Radius wird. Wird dieser unendlich groß, so wird gleichzeitig der Kreis zur Geraden.“
Er veranschaulichte hiermit im Gedankenexperiment den Begriff der Unendlichkeit und nannte den Übergang ‚coincidentia oppositorum‘. Genau so wie Giordano Bruno das Nichts (oder den mathematischen Punkt ohne Ausdehnung) ebenfalls über den Kreisradius definierte in dem er sich vorstellte daß Umfang und Mittelpunkt zusammenfallen.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Berresheim

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Hi, das in limine würde ich in diesem Zusammenhang übersetzen mit „von vornherein“.

bei dem zweiten Zitat geht es darum, dass das Decamerone dadurch, dass es eine Heirat an den Schluss der Geschichten stellt, nicht die gleichberechtigte Koexistenz zweier unterschiedlicher Geschlechter, sondern eine geschlechtliche Wertehierarchie mit dem Mann als übergeordnet befürworte.

Letztere Behauptung sollte Deine Freundin mal anhand des Decamerone prüfen. Ich halte gerade das Decamerone nun denkbar ungeeignet, um diese Behauptung zu belegen. Einerseits stammt es aus einer längst vergangenen Zeit, in der andere kulturelle und moralische Vorstellungen vorherrschten, die kaum als Beweismittel heutzutage taugen. Andererseits, wenn man die 100 Geschichten als ganzes betrachtet, bekommen Männer und Frauen durchaus gerecht ihren Teil an Lobpreisungen einerseits und Spott und Strafe andererseits ab.

A.

Danke Euch allen, Eure Antworten haben mir sehr geholfen.

Gruß
Aia