Lateinische Lautung

Hallo und Guten Abend!

Mich läßt ein Gedanke nicht los:

Woher rührt es eigentlich, dass wir als deutsch sprechende
Leser/Sprecher einen lateinischen Text beinahe korrekt sprechen
können, (selbst, wenn wir ihn nicht verstehen) was in den meisten
anderen Sprachen wohl so nicht möglich wäre?

Ein Amerikaner oder ein Franzose würde den lateinischen
Begriff „lingua latina“ in der Lautung seiner Sprache ganz anders
aussprechen, bei uns im Deutschen gelingt es aber weitgehend ganz
gut. Sicher gibt es Einzelheiten (z.B. bei der Silbe „tion“
in „Nation“), die wir ohne jede Latein-Kenntnis nicht korrekt
sprechen würden, aber so viele Beispiele finde ich gar nicht.
Etwas anderes ist es natürlich, die jeweils zu betonende Silbe zu
erkennen, aber das meine ich hier nicht.

Warum ist das genau im Deutschen so?
Was zeichnet insofern unsere Sprache aus?

Mit den besten Grüßen: Eugen Pawlowski

Hallo Eugen,

Woher rührt es eigentlich, dass wir als deutsch sprechende
Leser/Sprecher einen lateinischen Text beinahe korrekt
sprechen
können, (selbst, wenn wir ihn nicht verstehen) was in den
meisten
anderen Sprachen wohl so nicht möglich wäre?

Woher weißt du denn, wie Latein korrekt ausgesprochen wird? Ich hab bisher immer gedacht, das wäre eine tote Sprache.

Viele Grüße,
Vanessa

Hallo Vanessa!

Nun, ich gehe hier eimmal davon aus, dass die Lautung, die
ich lernte, mir vom Ausbildenden richtig vermittelt wurde

  • unabhängig davon, wie es möglicherweise früher
    tatsächlich gelautet wurde. Ich betrachte den heutig
    gelehrten und in der Sprachlehre gesprochenen Teil
    als den in diesem Sinne lebendigen Teil.

Das ist aber auch nicht so wichtig, mir geht um die

  • mir so erscheinende - Eigentümlichkeit, dass wir als
    „Deutschsprecher“ einen lateinischen Text mit unserer
    Umsetzung des geschriebenen Textes in gesprochenen Text
    diesen ohne große Anstrengung hinbekommen.

Bei einem Franzosen würde - ohne weitere Kenntnisse -
aus „mulier“ (für „Frau“) vielleicht „mühli-ée“ oder
ähnliches. Bei einem Amerikaner vielleicht etwas wie
„mjuhlai-er“. Jedenfalls etwas, was vom Lateinischen
mehr abweicht als unsere deutschtypisch gelautete
Sprechweise.

Weißt Du was ich meine?

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo,
ich denke, dass dies damit zusammenhängt, dass wir Deutschsprechende die Vokale und Konsonanten alle aussprechen.
Von daher gibt es wohl nur wenige „Verballhornungen“ der LEBENDIGEN lateinischen Sprache.
Ich habe in einem früheren Leben einmal Tschechisch gelernt. Ich musste feststellen, dass die slawischen Sprachen mehr Latein in sich verbergen als z.B. die „Nachfolgesprache“ Italienisch. Vor allem natürlich, was Grammatik betrifft. Und diese „Ostsprachen“ kann man genauso sprechen wie Latein.
Ich recherchiere das „Problem“ aber gerne einmal…

Hallo Vanessa,

Woher weißt du denn, wie Latein korrekt ausgesprochen wird?
Ich hab bisher immer gedacht, das wäre eine tote Sprache.

mal beiseite gelassen, dass Latein immer noch Amtssprache im Vatikan ist (dort allerdings mehr italienisch klingt) und bis vor 150 Jahren internationale Wissenschaftssprache, so sind wir über die korrekte antike Aussprache recht gut informiert, seit letztes Jahr in alten Tonkrügen eine alte Schallplatte mit einer Rede des Cicero gefunden wurde.

Nein, Spaß beiseite: wir kennen die korrekte Aussprache einmal wegen der Ausspracheregeln in der Dichtung (durch die für den Rhythmus wichtige Silbenzahl, z.B. im Wort nat-i-o, nicht etwa nazi-o) oder durch die Überlieferungen im Griechischen (nicht Zäsar, sondern Keisar).

Ansonsten ist die Ausgangsfrage etwas zu relativieren. Antikes Latein klingt durchaus romanischer als wenn ein Deutscher es vorliest.

Gruß,
Andreas

mal beiseite gelassen, dass Latein immer noch Amtssprache im
Vatikan ist (dort allerdings mehr italienisch klingt) und bis
vor 150 Jahren internationale Wissenschaftssprache, so sind
wir über die korrekte antike Aussprache recht gut informiert,
seit letztes Jahr in alten Tonkrügen eine alte Schallplatte
mit einer Rede des Cicero gefunden wurde.

Nein, Spaß beiseite: wir kennen die korrekte Aussprache einmal
wegen der Ausspracheregeln in der Dichtung (durch die für den
Rhythmus wichtige Silbenzahl, z.B. im Wort nat-i-o, nicht etwa
nazi-o) oder durch die Überlieferungen im Griechischen (nicht
Zäsar, sondern Keisar).

Ansonsten ist die Ausgangsfrage etwas zu relativieren. Antikes
Latein klingt durchaus romanischer als wenn ein Deutscher es
vorliest.

Gruß,
Andreas

Dem stimme ich zu und möchte noch etwas hinzufügen. Was man bei uns im Lateinunterricht lernt, ist die Standardschulaussprache, die allerdings nicht alle Lehrer beherrschen oder aus anderen Gründen ignorieren . Grob gesagt geht es bei der Schulaussprache um die Aussprache von ‚s‘,‚ch‘ und ‚tio‘ und die Beachtung der Quantitäten. Der Lehrer sollte ‚sine‘ also ‚ßinne‘ sprechen, wie in ‚cinema‘, und nicht ‚siene‘ wie in ‚Apfelsine‘. Die Originalaussprache (wobei man hier wieder berücksichtigen muss, dass sich die Aussprache auch mit der Zeit geändert hat) ist auch für Deutsche nicht soo einfach. Erst heute hat mir ein Spanier vorgemacht, wie man ein schönes lateinisches ‚vivere‘ spricht. Du kannst es ja mal ausprobieren: ‚v‘ in etwa wie engl. ‚w‘, langes ‚i‘ und das ‚r‘ gerollt.

Grüße
Smo

Hallo und Guten Abend!

Mich läßt ein Gedanke nicht los:

Woher rührt es eigentlich, dass wir als deutsch sprechende
Leser/Sprecher einen lateinischen Text beinahe korrekt
sprechen
können, (selbst, wenn wir ihn nicht verstehen) was in den
meisten
anderen Sprachen wohl so nicht möglich wäre?

Hallo!
Liegt das nicht einfach daran, dass im Deutschen Schreibe und Sprache nahezu identisch sind, weil sich die Schrift der sich wandelnden Aussprache anpasst? (Während man im Englischen fast den Eindruck hat, die letzte Rechtschreibreform sei kurz nach er Schlacht von Hastings erfolgt.)
Die Engländer zitieren Cäsar so: [winae, waedae, waecae).
Gruß!
Hannes

Hallo,
ich denke, dass dies damit zusammenhängt, dass wir
Deutschsprechende die Vokale und Konsonanten alle aussprechen.
Von daher gibt es wohl nur wenige „Verballhornungen“ der
LEBENDIGEN lateinischen Sprache.
Ich habe in einem früheren Leben einmal Tschechisch gelernt.
Ich musste feststellen, dass die slawischen Sprachen mehr
Latein in sich verbergen als z.B. die „Nachfolgesprache“
Italienisch. Vor allem natürlich, was Grammatik betrifft.

Wohl eher nur dort, wenn überhaupt. Lexikalisch gesehen ist das Lateinische natürlich immernoch den romanischen Sprachen am nächsten. Grammatikalisch gesehen aber auch, möchte ich sagen. Zwar haben die slawischen Sprachen eine Kasusflexion, dafür aber auch vielerlei andere Dinge, die’s im Lateinischen nicht gab (Aspekte, Instrumental, usw.) — vergleicht man die grammatischen Eigenschaften, liegt sicher trotzdem Italienisch oder Rumänisch näher am Lateinischen als Tschechisch oder Russisch.

Gruß,

  • André