Legasthenie?

Hallo

Hab mich gestern an meine Grundschulzeit erinnert. Und zwar war ich damals ein eher schlechter Schüler. Noten interessierten mich absolut nicht. Mein „Hauptproblem“ war die Rechtschreibung. In Diktaten kam es oft vor, dass ich in einem Satz fünf oder mehr Fehler hatte. Groß- und Kleinschreibung schien mir unwichtig.
Zwar stellten die schlechten Noten, obwohl ich in Benotungen generell keinen Sinn erkennen konnte, immer eine gewisse Belastung für mich dar, aber gleichzeitig hatte ich nicht die geringste Absicht oder Motivation meine Noten zu verbessern.
Ich erinnere mich, dass ich in Diktaten immer wieder die selben Fehler machte. Da war zum Beispiel das Wort „bis“ (z.B. bis dann). Ich zog es vor es mit scharfem S zu schreiben, so wie das Wort „Biß“ von beissen. Für mich war das die einzig richtige Schreibweise, denn die Aussprache von „bis“ und „Biß“ unterscheidet sich kein bischen. „Bis“ zu schreiben hiel ich für falsch, da man es ja sonst mit einem leicht gedehntem I und einem stimmlichen S aussprechen hätte müssen. Wenn ich dann wieder mal ein Diktat zurück bekam und beim Durchlesen sah wie das Wort „biß“ rot unterstrichen war, ärgerte ich mich nicht etwas darüber, dass ich es schon wieder falsch geschrieben hatte, sondern ich ärgerte mich eher darüber, dass diese Schreibweise immernoch als falsch galt.

Erstaunlich finde ich, dass sich meine Rechtschreibung schlagartig verbesserte, als ab der sechsten oder siebten Klasse keine Diktate mehr geschrieben wurden. In Aufsätzen wurden Rechtschreibfehler zwar immernoch rot angestrichen, aber sie hatten keinen Einfluss auf die Benotung. Meine Aufsätze waren dann natürlich nicht frei von Schreibfehlern, aber ihre Anzahl kann man verglichen zu der in früheren Diktaten als sehr gering bezeichnen. Plötzlich, da die Rechtschreibung nicht mehr benotet wurde, könnte ich mich darauf einlassen. Mir schien als hätte sich eine Art Krampf gelöst der mich dazu zwang meine eigenen Rechtschreibregeln durchsetzen zu wollen. Auch die Kommaregeln, nachdem sie in einer Unterrichtsstunde gezielt und einleuchtend behandelt wurden, ergaben nun einen Sinn. Das waren einfach Regeln die mir einleuchteten und die ich sogar gut gebrauchen konnte, denn in meinen Aufsätzen (die in der Regel gut bis sehr gut benotet wurden) benutzte ich gerne etwas längere und verschachtelte Sätze.

Kann man sowas als eine Art Legasthenie bezeichnen oder steckt da etwas anderes dahinter? Es war ja nicht unbedingt so, dass ich mir die richtigen Schreibweisen nicht hätte merken können. Es war mehr eine Trotzhaltung gegenüber dieser „Glorifizierung“ der Rechtschreibregeln und in großem Maße auch gegenüber der Notenvergabe. Denn in Benotungen sah ich keinen anderen Zweck als die Kategorisierung bzw Brandmarkung von guten und schlechten Schülern.

Hallo,

ich greife mal einen Aspekt heraus:

Erstaunlich finde ich, dass sich meine Rechtschreibung
schlagartig verbesserte, als ab der sechsten oder siebten
Klasse keine Diktate mehr geschrieben wurden.

Ich würde hier nicht das Schreiben (oder Nicht-Schreiben) von Diktaten herausstellen, sondern den Zeitpunkt. Es braucht Zeit, richtig schreiben zu lernen. Erfahrungsgemäß schreiben die meisten Schüler erst ab ca. der 7. Klasse relativ korrekt ( - natürlich gibt es Abweichungen nach oben und unten). Die letzte Zeichensetzungs- und Grammatikregeln werden in der 9. Klasse besprochen.

(Zahlen beziehen sich übrigens auf das Gymnasium)

Hallo,

wie du schon sagst, hat es sich bei dir wohl eher um Trotzverhalten gehandelt.
Ich kenn das noch von mir, ich wollte auch nur wenig Dinge so machen, wie sie „vorgeschrieben“ waren.
Genauso wie ich nach wie vor die sog. Neue Rechtschreibung verschmähe…
Legasthenie bedeutet eigentlich das Unvermögen, die Wörter richtig zu hören und daher werden sie auch falsch geschrieben. Auch das Nicht-Erkennen von Symbolen wird (meiner Meinung nach fälschlicherweise, aber darum geht es jetzt ja nicht) der Legasthenie zugeordnet. Und dies schien bei dir ja wohl nicht der Fall zu sein.
Außerdem wärst du immer noch Legastheniker, wenn du es damals gewesen wärst.

Schöne Grüße

Rückblickend würde ich aber schon behaupten, dass das Wegfallen der Diktate, also das Wegfallen des Benotens der Rechtschreibung eine Art Blockade in mir gelöst hat. Plötzlich konnte ich mich befreit der korrekten Schreibweise widmen; eine Sache die ich vorher als einen unangenehmen Zwang empfand.

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Die Rechtschreibreform war für mich eine Art indirekte Bestätigung dafür, dass Rechtschreibregeln keine allzu große Gültigkeit haben. Wenn da ein paar Leute her gehen können um die alten Regeln so ziemlich über den Haufen zu werfen, war es wohl für mich auch legitim mir meine eigenen Rechtschreibregeln zusammen zu zimmern. Vor allem da manche, durch die Reform hervorgegangene neue Regeln noch weniger Sinn ergeben als die alten.

Da fällt mir noch ein anderes Beispiel ein:
Es war wohl in der ersten Klasse der Grundschule. Da teilte der Lehrer Zettel aus auf denen diverse Obstsorten aufgezeichnet waren - 10 Äpfel, 10 Bananen usw. Bemüht erklärte er dann die Aufgabe: „Malt Säcke um die Äpfel indem ihr sie umrandet; und zwar so, dass dann in einem Sack fünf Äpfel sind und im anderen drei…“
Heute ist mir klar, dass das eine Übung sein sollte zum besseren Verständnis der Grundrechenarten Addition und Subtraktion. Aber damals emfand ich es als unglaublichen Schwachsinn auf einem Blatt Papier aufgemalte Äpfel zu umranden. Hätte der Lehrer gesagt, „Wir stellen uns vor wir wären Angestellte in einem Obst-Großmarkt und müssen Äpfel in vorgegebenen Mengen in Säcke packen damit man sie in die Verkaufsregale einsortieren kann“, hätte es für mich vielleicht einen Sinn ergeben; aber so war es einfach nur Blödsinn. In solchen Situationen hab ich einfach abgeschaltet und den Unterricht nicht weiter verfolgt. In meinem Zeugnis standen dann solche Bemerkungen wie „unkonzentriert und sehr verträumt“.
Generell war ich aber ein sehr neugieriger und interessierter Schüler, aber es war für mich unmöglich, geradezu abartig unnnatürlich, mich mit etwas zu befassen das mir vollkommen sinnlos, doof und uninteressant erschien, nur um eine gute Note zu bekommen.
Gegen Ende der vierten Klasse ging es natürlich darum auf welche Schule man dann wechselt. Angesichts meiner Noten wäre bestenfalls die Realschule drin gewesen; mein Klassenlehrer empfahl mir die Hauptschule. Meine Eltern waren damit wohl nicht zufrieden und liesen mich an einem Intelligenztest teilnehmen. Der Tester meinte danach: „Auf der Realschule wird er sich langweilen.“
(Ich hab dann insgesamt fünf mal das Klassenziel nicht erreicht. Dreimal auf dem Gymnasium: einmal fünfte Klasse wiederholt, dann zweimal die siebte nicht geschafft = von der Schule geflogen. Musste dann auf die Realschule wo ich aber die siebte Klasse nicht wiederholen musste. Mit Glück kam ich ohne Wiederholungen in die zehnte Klasse und machte einen durchschnittlichen Abschluss. Wollte dann noch auf einem Wirtschaftgymnasium das Abitur machen, blieb aber bereits in der elften Klasse sitzen.)

Ein Grund, wieso ich sowas wie Legasthenie bei mir vermute, ist, dass ich auch heute noch links und rechts verwechsle. Wenn ich mit jemandem im Auto unterwegs bin und er mir dann sagt „da vorne links abbiegen“, muss ich erst überlegen wo links ist und es kann durchaus vorkommen, dass ich dann doch rechts abbiege. Genauso muss ich auch oft erst überlegen wie herum ich einen Wasserhahn oder eine Schraube drehen muss.

Was mich beschäfftigt, ist, dass es eben diese Schublade „Legastheniker“ gibt. Und es passiert oft sehr schnell, dass jemand in eine falsche Schublade gesteckt wird. Da gibt es Kinder die auf eine Sonderschule geschickt werden weil sie offensichtlich lernbehindert zu sein scheinen, und in ganz seltenen Fällen kommt es ans Licht, dass sie in Wirklichkeit hochbegabt sind.
Während meiner gesamten Schulzeit hat kein einziger Lehrer versucht sich näher mit mir zu beschäfftigen. Für die Lehrer gab es immer nur die Noten und die alleine sagten alles aus.

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Hallo,

Außerdem wärst du immer noch Legastheniker, wenn du es damals
gewesen wärst.

Und so, wie du schreibst (offensichtlich problemlos und ohne größere Fehler), passt du nicht in die „Schublade“. Wenn deine Probleme auf einmal stark abgenommen haben, ohne dass du spezielle Förderung erhalten hast, dann kann das nicht Legasthenie sein / gewesen sein.

Jeder hat seine Problemfelder, wie heißt es doch so schön, „Nobody is perfect“. So hast du eben hier und da auch Schwierigkeiten. Und jeder von uns hat seinen „Lieblingsfehler“ in der Rechtschreibung, den man sich einfach nicht abgewöhnen kann (obwohl man es eigentlich besser weiß).

Informier dich doch sonst mal intensiv zum Thema, wenn dir die Rückmeldungen hier nicht reichen. Z.B. findet sich auf http://www.bvl-legasthenie.de/index.php5?p=/legasthe… :
„Charakteristische Probleme in der Rechtschreibung:
Hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten aber auch abgeschriebenen Texten. Wörter werden teilweise fragmenthaft, im selben Text häufig auch mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben. Hinzu kommen auffallend viele Grammatik- und Interpunktionsfehler und oft eine unleserliche Handschrift.“

Zur Erläuterung einige Punkte:
Hohe Fehlerzahl meint hier *sehr* viele Fehler - Diktate mit Note 6 - und selbst, wenn es halb so viele Fehler gewesen wären, hätte es immer noch die Note 6 gegeben.
Unleserlische Handschrift ist nicht nur die übliche Sauklaue, sondern sehr „krakelig“, unregelmäßig, …
Fragmenthafte Wörter sind Wörter, in denen die Hälfte der Buchstaben fehlt. Ein Kind schreibt „ao“, meint „Auto“, und kann den Unterschied nicht erkennen, sondern ist sich sicher, dass es das Wort Auto geschrieben hat.

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Kurze Frage: kann es sein, daß du generell ein Problem damit hast, dich unterzuordnen oder einzuordnen?

Bei allem, was ich jetzt von dir gelesen habe, glaube ich nicht an Legasthenie. Rechts und links zu verwechseln ist nicht Grund genug, Legasthenie anzunehmen.
Wenn du tatsächlich Legasthenie hättest, hätte sich das nicht so schlagartig verbessern können. Meine ich.

Hallo El,

zwei kurze Bemerkungen:

  1. Ob Deine Erinnerung richtig ist, dass Du als Kind so reagiert hast, wie Du es beschreibst, oder ob es eine nachträgliche Interpretation ist, sei einmal dahingestellt.

  2. Bei einem Großteil der Schüler, denen in der Grundschule Legasthenie bescheinigt wird, verschwindet diese in der Tat ohne Behandlung etwa im Alter der Pubertät.

Gruß vom Vieux

Wenn ich mit jemandem im Auto unterwegs bin und er mir dann
sagt „da vorne links abbiegen“, muss ich erst überlegen wo
links ist und es kann durchaus vorkommen, dass ich dann doch
rechts abbiege. Genauso muss ich auch oft erst überlegen wie
herum ich einen Wasserhahn oder eine Schraube drehen muss.

Dann bin ich auch Legastheniker, denn genau diese Probleme habe ich auch (bin allerdings in der Schule im Diktat schon immer der Star gewesen und konnte vor der Einschulung bereits lesen und schreiben). Die Sache mit dem Wasserhahn bzw. der Schraube kann ich erst seit wenigen Jahren überhaupt, und auch nur, wenn ich einen Merksatz anwende (righty-tighty, lefty-loosey).

Gruß,

Myriam