@lehi & alle anderen, die es wissen

Im Netz habe ich mich mal umgeschaut, was „koscher“ bedeutet. Aber die Informationen bekomme ich nicht so zusammen, wie ich sie mir wünsche. Außerdem dauert es sehr lange. Und die Recherche ist eine meiner meistgehassten Schwächen!

Könntet Ihr „koscher“ mit wenigen Eckpfeilern und Beispielen für mich beschreiben?

Gruß & Dank!
Otto

Hi Otto,

das Zauberwort lautet ‚Kaschrut‘. Erklärt wird es zum Beispiel hier:

http://www.payer.de/judentum/jud504.htm
http://www.jgdus.de/kaschrut.htm

Viele Grüße

Tessa

Okay, das war hilfreich… eine Anschlussfrage:
In nahrungsmitteltechnisch schwierigen Zeiten - mir fällt jetzt auf Anhieb die Weimarer Republik ein - war koscheres Essen nur schwer oder gar nicht zu bekommen. Die Menschen mußten froh sein, wenn sie nicht verhungerten. Wurden die strengen Gesetze anders ausgelegt? War das notgedrungene Brechen der Gesetze „religiös sanktioniert“?

Otto

Hallo, Otto!

Wurden die
strengen Gesetze anders ausgelegt? War das notgedrungene
Brechen der Gesetze „religiös sanktioniert“?

Otto

Was die Speisenvorschriften anbelangt, kann Dir sicher ausschließlich ein Insider weiterhelfen. Ich weiß aber, dass bzgl. der religiösen Vorschriften durchaus Ausnahmen zulässig sind. Vgl. dazu auch Matth. 12,11. - Zugegeben: Das N.T. der christlichen Bibel ist nicht unbedingt als Quelle für Mosaische Religionsvorschriften geeignet, aber aus dem erwähnten zeitgenössischen Bericht geht eindeutig hervor, daß in Notsituation Ausnahmen (in diesem Fall bei der Sabbat-Heiligung) zulässig waren.

Ansonsten bin ich selbst gespannt auf die Kommentare von Lehitraot et al.

Herzliche Grüße

Chris

Hallo Otto,

am Prägnantesten ist es unter http://www.koscher.net beschrieben.

koscher heißt „rituell tauglich“ - nach dem Religionsgesetz erlaubt.

Man kann es sich anhand von 3 Grundregeln merken:

  1. Nur bestimmte Fleischsorten sind erlaubt: Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen sowie Geflügel (Hühner etc.)
    und die müssen geschächtet werden.

  2. Milch-Produkte und Fleisch müssen getrennt werden - d. h. man entscheidet sich dafür, ob ein Essen milchig oder fleischig ist.

  3. Fisch ist erlaubt, wenn er Flossen und Schuppen hat - also kein Aal, Garnelen, Schrimps etc. Fisch gilt als neutral.

Obst, Gemüse, Reis, Hülsenfrüchte, Getreide sind neutral und können zu milchigen und fleischigen Gerichten gegessen werden.

Wenn die Zeiten wirtschaftlich schwierig werden, dann ist das für orthodoxe Juden kein Grund, nicht mehr koscher zu essen. Die Gemeinden springen dann ein und helfen mit Gutscheinen etc.

Bei Lebensgefahr darf jedes Gebot - außer der Götzenanbetung - gebrochen werden - also auch das koscher essen.

1933 war eine der ersten gesetzlichen Anordnung das Schächtverbot, was für orthodoxe Juden die Konsequenz hatte, daß sie kein Fleisch mehr essen konnten.

Viele Grüße

Iris

In nahrungsmitteltechnisch schwierigen Zeiten - mir fällt
jetzt auf Anhieb die Weimarer Republik ein - war koscheres
Essen nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Wiese denn dieses, Otto? Ich weiss jetzt leider nicht, woraus du dieses geschlossen hast, aber die meisten Nahrungsmittel sind koscher erhältlisch: Obst, Gemüse und Getreide.

Problematisch wird es nur bei zubereiteten (einschl. Fleisch) oder gekochten Speisen (auch Brot). Diese wurde halt früher im örtlichen Geschäft gekauft, welches diese koscheren Speisen führte.

Somit haben die Leute früher auch nicht mehr gehungert, als die übrige Bevölkerung. Und in Notlagen, das wurde ja schon geschrieben, kann man auch trefe Speisen essen.

Schalom,
Eli

In nahrungsmitteltechnisch schwierigen Zeiten - mir fällt
jetzt auf Anhieb die Weimarer Republik ein - war koscheres
Essen nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Wiese denn dieses, Otto? Ich weiss jetzt leider nicht, woraus
du dieses geschlossen hast, aber die meisten Nahrungsmittel
sind koscher erhältlisch: Obst, Gemüse und Getreide.

Nun, die Versorgungslage - besonders in den Kriegsjahren - war sicherlich alles andere als rosig. Das meinte ich damit. Die Logik ging dahin, daß die „Herrenrasse“ selbst genug Probleme hatte und die reliösen Verpflichtungen der Juden in ihren Augen nicht den Dreck unter dem Fingernagel wert waren.

Otto

Hallo Otto,

In nahrungsmitteltechnisch schwierigen Zeiten - mir fällt
jetzt auf Anhieb die Weimarer Republik ein - war koscheres
Essen nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

In den 20iger Jahren ging es während und nach der Weltwirtschaftskrise auch jüdischen Familien schlechter, die vorher durchaus etabliert waren.
Für die armen Ostjuden hat es in den Großstädten wie z.B. Berlin seit Mitte der 1890iger Jahre koschere Volksküchen gegeben - manchmal wurden sie auch „rituelle Speiseanstalten“ genannt. Diese wurden von der jüdischen Gemeinde oder von irgendwelchen Wohltätigkeitsvereinen - oft Frauenvereinen - organisiert.

In den 20iger Jahren gab es dann zunehmend Bedarf, solche koscheren Volksküchen - in kleinerem Masse - auch in Stadtvierteln zu organisieren, wo eigentlich Leute der oberen Mittelschicht wohnten.

Nun, die Versorgungslage - besonders in den Kriegsjahren - war
sicherlich alles andere als rosig. Das meinte ich damit. Die
Logik ging dahin, daß die „Herrenrasse“ selbst genug Probleme
hatte und die reliösen Verpflichtungen der Juden in ihren
Augen nicht den Dreck unter dem Fingernagel wert waren.

Das war nicht erst so in den Kriegsjahren, sondern schon vorher bekamen Juden sukkzessive Einschränkungen bzgl. Nahrungsmitteln. Das Schächtverbot, was im Mai 1933 eingeführt wurde, habe ich schon erwähnt. Später durften Juden nur noch zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags einkaufen. Da waren natürlich nur doch die Reste da.

Außerdem durften sie ab einer gewissen Zeit keine Milchprodukte, kein frisches Obst und Gemüse mehr beziehen - und die sonstigen Lebensmittelzuteilungen für Juden beinhalteten geringere Rationen als für die „arische“ Bevölkerung oder/ und auch schlechtere Qualität. So durften Juden nur noch Graubrot erhalten.

Der jüdische Frauenbund versuchte durch seine monatliche Zeitschrift - auch mit Rezepten - zu helfen. Ab 1935 waren Juden vom deutschen Winterhilfswerk ausgeschlossen. Es wurde dann die jüdische Winterhilfe gegründet.

Die Berliner Sektion der jüdischen Winterhilfe hat 1936 80823 Pfundspendenpakete ausgegeben. Das waren Nahrungsmittelpakete, die einer 4-köpfigen Familie einen Monat das Überleben ermöglichte. Es wurden damit 14781 Haushalte mit 30 000 Personen unterstützt. Außerdem wurden noch 168595 Gutscheine für Kartoffeln und Heizmaterial ausgegeben.

Viele Grüße

Iris