Leiche oder Leichnam?!?

Hi Germanistinnen und Germanisten,

eben habe ich in den Pro7-Nachrichten eine Live-Schaltung zum Unglücksort von Jürgen Möllemann gesehen. Der Vor-Ort-Moderator verwendete dabei mehrmals den Begriff „Leiche“ (… die Leiche lag hier…, … hinter mir wird die Leiche gerade abtransportiert… usw.)

Persönlich empfinde ich den Begriff „Leiche“ als nicht besonders Würdevoll für den Verstorbenen. An dieser Stelle würde ich diesbezüglich die Begrifflichkeiten „Leichnam“ bzw. „der Verstorbene“ deutlich besser finden.

Wie denkt Ihr darüber?

Danke

Tom

P.S.: bitte keine parteipolitische Diskussion, ich nahm diese Nachrichtenmeldung lediglich zum Anlaß meiner Frage. Hätte Helmut Kohl oder Gerhard Schröder diesen „Fallschirmabsprung“ gemacht, währe mein Posting nicht anders.

Hi Germanistinnen und Germanisten,

eben habe ich in den Pro7-Nachrichten eine Live-Schaltung zum
Unglücksort von Jürgen Möllemann gesehen. Der
Vor-Ort-Moderator verwendete dabei mehrmals den Begriff
„Leiche“ (… die Leiche lag hier…, … hinter mir wird die
Leiche gerade abtransportiert… usw.)

Persönlich empfinde ich den Begriff „Leiche“ als nicht
besonders Würdevoll für den Verstorbenen. An dieser Stelle
würde ich diesbezüglich die Begrifflichkeiten „Leichnam“ bzw.
„der Verstorbene“ deutlich besser finden.

HI Tom,
Leiche klingt für mich wie eben verstorben, Leichnahm klingt wie schon einige Stunden tot. Ob sich der Rest des lebenden Körpers selber beseitigt hat oder ob nachgeholfen wurde wird man nicht herausbekommen, aber zu viele Fragen sind nicht gut. Tot ist tot, laß den Toten ihren Frieden!
Aniko

Wie denkt Ihr darüber?

Danke

Tom

P.S.: bitte keine parteipolitische Diskussion, ich nahm diese
Nachrichtenmeldung lediglich zum Anlaß meiner Frage. Hätte
Helmut Kohl oder Gerhard Schröder diesen „Fallschirmabsprung“
gemacht, währe mein Posting nicht anders.

Also für mich ist Leiche eher ein „Ergebnis“ eines Mordes, wobei
der Leichnam eines Verstorbenen (beide Begriffe) eine natürliche Todesursache assoziiert.

Hallo,

Leiche klingt für mich wie eben verstorben, Leichnahm klingt
wie schon einige Stunden tot.

Ich sehe es ähnlich. Die Leiche ist der bis eben noch lebende und jetzt verstorbene Mensch. Es geht dabei um eine Betrachtung dieses Verlaufes, ausgehend vom lebenden Menschen, also der Person. Man könnte auch sagen, es geht um eine „frische“, noch warme Leiche.

Den anderen Begriff würde ich eher in Bezug auf einen toten Körper benutzen, bei dem kein enger zeitlicher oder emotionaler, persönlicher Bezug mehr zu einer Person und deren Sterbeprozess gegeben ist.

Gruß vom Wiz

Hi Germanistinnen und Germanisten,

bin kein Germanist, hab aber trotzdem einen Meinung.

Für mich drückt „Leiche“ aus, daß es sich um eine tote Person handelt, „Leichnam“ dagegen bedeutet für mich ein toter Körper.

Der römisch-katholische Feiertag Fronleichnam, das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ wird am zweiten Donnerstag nach Pfingsten, also 10 Tage nach Pfingsten, gefeiert. Der Name „Fronleichnam“ stammt von „fron“, „Herr“, und „lichnam“, „Leib“ , weist also auf die Elemente der Eucharistie hin. 1264 schrieb Papst Urban IV. dieses Fest in der Folge des Blutwunders von Bolsena für die gesamte römisch-katholische Kirche fest, 1317 legte Papst Johannes XXII. den Donnerstag als Festtag fest.
aus: http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?Kalender/Fro…

Es ist euch doch klar, dass ihr bei euren Differenzierungen auf sehr subjektivem Boden steht.:wink:

Die Bedeutung und die Etymologie der Wörter Leiche und Leichnam geben das nicht her.

In beiden steckt ein altes Wort für „Gestalt, Körper“, die ursprünglich nicht den toten Körper meinten.
Damals war es kein Pleonasmus, wenn mann tote Leiche sagte.

Aus dem ahd. -lih ist auch die Nachsilbe „-lich“ entstanden. „Freundlich“ ist einer der Freundesgestalt hat.
Auch „gleich“ kommt daher „dergestalt“ ist gleich gleich!:smile:

Erst später hat das Wort Leiche, die Bedeutung „toter Körper“ angenommen, wie Leichnam auch, der aber eher den Körper als sterblichen im Gegensatz zur unsterblichen Seele meinte.

Dazu Grimm:

_die ursprüngliche bedeutung des wortes ist von der eines aussehens oder einer gestalt überhaupt (vgl. gleich, ahd. ge-lîh), auf die leibesgestalt und das aussehen des menschlichen körpers übertragen, namentlich soweit fleisch und haut dasselbe bestimmt:

von liebe und von leide
ir lîbes kraft dâ von gesweich:
ir rôsevarwer munt wart bleich;
ir lîch* diu kom vil garwe *hier die Farbe des Körpers bzw der Haut!
von der vil liehten varwe,
diu dâ vor an ir lîbe lac.
Trist. 34, 19;

geht dann aber auch in den begriff des menschlichen körpers überhaupt über:

der roc der was ir heinlîch,
er tete sich nâhe zuo der lîch (schmiegte sich an den körper).
Trist. 274, 36._

Gruß Fritz

Es ist euch doch klar, dass ihr bei euren Differenzierungen
auf sehr subjektivem Boden steht.

Hallo Fritz,

du kennst mich ja mit viel Phantasie ausgestattet, darum
finde ich auch die Begriffe…

Die Bedeutung und die Etymologie der Wörter
>Leiche und
>Leichnam geben das nicht her.

…als angemessen.

Die sterblichen „Überreste“ oder „Die/der verstümmelte Leiche/Leichnam“ drücken schon eher aus, in welchem Zustand sich der Körper befindet.

den Begriff „Leiche“ als nicht besonders Würdevoll für den Verstorbenen. An dieser Stelle würde ich diesbezüglich die Begrifflichkeiten „Leichnam“ bzw. „der Verstorbene“ deutlich besser finden.

Ich hoffe seine Seele hat Frieden, sein Körper dürfte
auch Möllemann nicht mehr wichtig gewesen sein.

Geschockte Grüße, es muss schlimm sein, sich so ein Ende zu setzen, meint
Kerbi

Hallo Fritz,

Es ist euch doch klar, dass ihr bei euren Differenzierungen
auf sehr subjektivem Boden steht.:wink:

ja, ich weiß, aber …

Die Bedeutung und die Etymologie der Wörter Leiche und
Leichnam geben das nicht her.

Würde ich anders sehen, genau was du im Folgenden zitierst stützt doch die hier „aus dem Bauch heraus“ vertretene Meinung:

Erst später hat das Wort Leiche, die Bedeutung „toter Körper“
angenommen, wie Leichnam auch, der aber eher den Körper als
sterblichen im Gegensatz zur unsterblichen Seele meinte.

Demnach hat Leiche eben noch was mit dem beseelten Leben zu tun, oder wie ich es schrieb, mit genau der Blickrichtung des Übergangs vom Leben zum Tod, also dem entschwinden der Seele, während Leichnam nur noch - technisch sachlich - den toten Körper ohne Bezug zum eben noch dagewesenen Leben/Seele meint.

Gruß vom Wiz

Hallo Wiz,

Demnach hat Leiche eben noch was mit dem beseelten Leben zu
tun, oder wie ich es schrieb, mit genau der Blickrichtung des
Übergangs vom Leben zum Tod, also dem Entschwinden der Seele,

Das interpretierst du hinein. Leiche ist Leichnam und tot

während Leichnam nur noch - technisch sachlich - den toten
Körper ohne Bezug zum eben noch dagewesenen Leben/Seele meint.

Leichnam kann für einen religiösen Menschen der „unreinliche Erdenrest“ sein. Der Kadaver, der keinen Belang für das Jenseits hat.
Aber wie oben: Leichnam ist Leiche und tot.

Aber generell: suum cuique!

Und keinen Zwist!
Fritz

Gruß vom Wiz

Hallo Fritz

Leichnam kann für einen religiösen Menschen der „unreinliche
Erdenrest“ sein. Der Kadaver, der keinen Belang für das
Jenseits hat.

…und diese unreinlichen „Erdenreste“ wurden und werden in Ossarien und Reliquienschreine gesteckt und verehrt…
(Ist dir der Umgang mit toten Kapuzinern auf Sizilien bekannt? Und der mit den verstorbenen Mönchen im Katharinenkloster?)

Aber wie oben: Leichnam ist Leiche und tot.

Und das kurz nach Christi Himmelfahrt…

Gruss
Mäni

Erzähl mal!
Hallo Mäni

(Ist dir der Umgang mit toten Kapuzinern auf Sizilien bekannt?
Und der mit den verstorbenen Mönchen im Katharinenkloster?)

Ich habe schon was läuten hören, aber erzähl doch mal Genaueres!

So ein Ossiarium mit lauter Totenschädeln habe ich schon mal gesehen, im Fernsehen.

Gruß Fritz

Wie denkt Ihr darüber?

nach meinem empfinden benutzt man „leichnam“ in zusammenhang mit einer bestimmten verstorbene person. der ausdruck ist würdevoll, ja fast poetisch. zb. „der leichnam ist aufgebahrt“, „ihr leichnam war blaß“ usw. nicht umsonst tritt das wort in religiösen zusammenhängen auf, zb. beim namen des festes „fronleichnam“.

„leiche“ paßt m.e. besser in einen forensischen oder medizinischen zusammenhang, besonders in zusammensetzungen wie „wasserleiche“, „leichenberge“, „leichenhalle“. es erzeugt einen unpersönlicheren eindruck und reduziert den verstorbenen auf einen toten körper.

„kadaver“ ist für nur tiere bestimmt. menschen sind niemals „kadaver“. das wäre verachtend und pietätlos.

gruß datafox

Fronleichnam
Hallo, Datafox!

nicht umsonst tritt
das wort in religiösen zusammenhängen auf, zb. beim namen des
festes „fronleichnam“.

Nun hat aber gerade hier „Leichnam“ nicht die Bedeutung „toter Körper“, sondern Leib.

Fronleichnam ist die Übersetzung des lateinischen „Corpus Christi“, und meint hier die in der Gestalt des Brotes (Hostie) leibhaftige Anwesenheit Jesu Christi.

Damit wird die katholische Lehre der Transsubstantiation

[mittellat.], in der kath. Theologie eine seit dem 12. Jh. gebräuchl. Bez. für die Lehre von der Realpräsenz des ganzen und ungeteilten Christus in der Eucharistie in den beiden Gestalten von Brot und Wein, nach der in der Messe im Glauben die Substanz von Brot und Wein durch Konsekration in die von Leib und Blut Christi ›verwandelt‹ wird. Die Reformatoren sprechen statt von T. von Konsubstantiation. © Meyers Lexikonverlag.

gegen die protestantische herausgestrichen.

Es geht um die Interpretation des „Hoc est enim corpus meum“.
Die Katohlen sagen: Das ist mein Leib! (real!)
Die Evangelen: Das bedeutet mein Leib! (symbolisch)

Dieses katholische Dogma hat aber nur Sinn, wenn man an die scholastischen Lehre von Substanz und Akzidenz glaubt, was heute eigentlich obsolet ist.

Das Fest wurde schon im 11. Jhdt gefeiert, von der Kirche anerkannt wurde es durch Papst Urban IV. im Jahre 1264, richtig populär wurde es aber in der nachreformatorischen Zeit als machtvolle Demonstration des Katholizismus, mit Prozession und Paucken und Trompeten und Freialtären.
Gefeiert wird die Einsetzung der Eucharistie durch Jesus beim „Letzten Abendmahl“, die eigentlich am Gründonnerstag stattfand.
Da man aber in der Karwoche kein Freudenfest feiern konnte, wurde es auf 10 Tage nach Pfingsten festgelegt.

Gruß Fritz

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nach meinem empfinden benutzt man „leichnam“ in zusammenhang
mit einer bestimmten verstorbene person. der ausdruck ist
würdevoll, ja fast poetisch. zb. „der leichnam ist
aufgebahrt“, „ihr leichnam war blaß“ usw. nicht umsonst tritt
das wort in religiösen zusammenhängen auf, zb. beim namen des
festes „fronleichnam“.
gruß datafox

…und ich assozieere mit „Leichnam“ - warum, weiß ich nicht - sofort
„einbalsamiert“.

Gruß
Kreszenz

corpus
hallo,

Nun hat aber gerade hier „Leichnam“ nicht die Bedeutung
„toter Körper“, sondern Leib.

Fronleichnam ist die Übersetzung des lateinischen „Corpus
Christi“

wobei „corpus“ ja ebenso den bedeutungswandel von „leib“ zu „leiche“ mitgemacht hat, vgl. englisch „corpse“. „leib“ und „leiche“ klingen auch sehr ähnlich. ich vermutete auch da einen zusammenhang, den du ja anhand von „fronleichnam“ bestätigt hast. allerdings ging ich davon aus, daß es sich bei diesem fest tatsächlich um einen leichnam handelte. man irrt solange man lebt :wink:

gruß datafox

Hallo,

wobei „corpus“ ja ebenso den bedeutungswandel von „leib“ zu
„leiche“ mitgemacht hat, vgl. englisch „corpse“.

Das ist richtig.
Im Jahr 1264, da das Fest kirchlich anerkannt wurde, war diese Entwicklung vielleicht grade in Gang gekommen, aber sicher noch nicht beim heutigen Stand angekommen.

Gruß Fritz