mich beschäftigt eine etwas kuriose Frage, und ich werde in der Literatur nicht
wirklich fündig.
Weiss jemand von Euch, oder kann sich plausibel vorstellen, wo man eine LEICHE
(Mordopfer, Unfallopfer) im Spätmittelalter (Ende 14.Jhd) in einer STADT verwahrt
hat?
Anders gesagt: Wo brachte man eine Leiche unmittelbar nach dem Leichenfund
hin - insbesondere, wenn man den Toten noch nicht identifiziert hatte?
Ins Rathaus?
In die Kirche?
Zum Apotheker?
Gleich zum Totengräber?
Weiss jemand von Euch, oder kann sich plausibel vorstellen, wo
man eine LEICHE
(Mordopfer, Unfallopfer) im Spätmittelalter (Ende 14.Jhd) in
einer STADT verwahrt
hat?
Leichen wurden gewöhnlich zu Hause „aufbewahrt“. Ausgenommen sind natürlich Seuchenopfer, die sofort aus der Stadt gebracht wurden.
Anders gesagt: Wo brachte man eine Leiche unmittelbar nach dem
Leichenfund hin - insbesondere, wenn man den Toten noch nicht
identifiziert hatte?
Das ist allerdings wirklich eine interessante Frage. Wobei man allerdings bedenken muß, daß es in einer mittelalterlichen Stadt nur selten wirklich Unbekannte gab. Die Städte hatten meist nur ein paar tausend Einwohner, so daß sich schnell jemand gefunden hat, der den Toten identifizieren konnte. Auch bei Ortsfremden dürfte das kein Problem gewesen sein, da diese meist in Gruppen unterwegs waren (Händler, Gaukler, Mönche usw.).
mich beschäftigt eine etwas kuriose Frage, und ich werde in
der Literatur nicht
wirklich fündig.
wüsste jetzt auch keine Quelle, die das direkt abhandelt. Kann daher nur aus den diversen Bücher über Leben in mittelalterlichen Städten schließen, die ich im Lauf der Jahre irgendwann zwischen den Fingern hatte.
Weiss jemand von Euch, oder kann sich plausibel vorstellen, wo
man eine LEICHE
(Mordopfer, Unfallopfer) im Spätmittelalter (Ende 14.Jhd) in
einer STADT verwahrt
hat?
Anders gesagt: Wo brachte man eine Leiche unmittelbar nach dem
Leichenfund
hin - insbesondere, wenn man den Toten noch nicht
identifiziert hatte?
Ins Rathaus?
In die Kirche?
Zum Apotheker?
Gleich zum Totengräber?
mir fallen 3 Möglichkeiten ein:
ins Badehaus
Bader waren im späten Mittelalter auch für chirurgische Eingriffe (Schröpfen, Zahnziehen u.a.) zuständig. Wenn es in der Stadt keinen Wundarzt gab - gab es seltenst - dann verbanden sie auch Wunden, richteten Brüche usw. Der Bader konnte auf Grund des Zustands der Leiche beurteilen, wie der Tote zums Leben kam.
genau wie der örtliche Henker
der Henker hatte jede Menge Ahnung, mit welchen Methoden man Menschen ums Leben bringt, mal schneller und schmerzfreier, mal langsamer und qualvoller. Er konnte zusätzlich auch sagen, wenn der Tote ein Unbekannter war, ob dieser zu den „Unehrlichen“ gehörte. Henker hatten im Mittelalter die städtische Oberaufsicht über Landstreicher, Huren, Gaukler und anderes wanderndes Volk. Wer in eine Stadt kam, hatte sich beim Henker zu melden. Somit konnte der Henker die Unehrlichen am Ort fragen, ob sie den Toten kennen - wenn er ihn schon selbst nicht kannte.
auf den Markt
wenn gar nichts mehr geht, lässt man das Volk gaffen. Irgendwer weiss schon was. Der Großteil der Menschen wanderte bis in die Neuzeit hinein in einem relativ kleinen Radius um den Wohnort. 30 Kilometer sind wahrscheinlich schon großzügig bemessen. Man kannte sich. Jeder hatte überall Verwandte und Nachrichten wie heute gab es nur von Mund zu Mund. Du glaubst nicht, wie gut die Buschtrommeln damals fuktionierten. Selbst wenn der Tote tatsächlich erst am Tag vorher in Deine hypothetische Stadt kam und praktisch sofort erschlagen wurde, kann man damit rechnen, dass in Tage vorher jemand im Nachbarort gesehen - und bis auss Hemd ausgefragt hatte.
Wer bist du, wo kommst du her, was willst du - kannst du für dich sorgen, oder müssen wir dir Gott behüte etwas von dem Wenigen abgeben, das wir selbst haben?
zur aufbewahrung in der stadt haben die anderen schon was gesagt. _(die bestattung war noch ein anderes thema. auf den friedhöfen hat man oft auch getanzt und [vieh]markt abgehalten. letzteres wurde aber mancherorts dann verboten, als die zum kauf angebotenen schweine die leichname wieder ausbuddelten und anfraßen.
vielleicht interessiert dich aber auch, wie man auf reisen mit verstorbenen umging? dass barbarossa im heringsfass quasi eingepökelt wurde, damit er nicht stank und verweste, ist ja sicher bekannt.
„normale“ reisende, die irgendwo ein zuhause hatten (also keine vaganten oder gaukler), kaufleute z.b., zerteilte man nach deren ableben unterwegs und kochte die leichenteile, bis sich das fleisch vom knochen löste. so konnte man den angehörigen daheim die sauberen gebeine zur bestattung übergeben - egal, wieviel monate lang die reise noch dauerte. irgendein papst des 13. oder 14. jahrhunderts (ich müßte jetzt nachblättern, welcher) verbot ignoranterweise diese außerordentlich hygienische verfahrensweise.
zur aufbewahrung in der stadt haben die anderen schon was
gesagt. (die bestattung war noch ein anderes thema.
auf den friedhöfen hat man oft auch getanzt und [vieh]markt
abgehalten. letzteres wurde aber mancherorts dann verboten,
als die zum kauf angebotenen schweine die leichname wieder
ausbuddelten und anfraßen.
nicht zu vergessen, dass der Friedhof der Unschuldigen (Armen) in Paris, der im 19. Jg. mit den Halles - dem „Bauch“=Markt überbaut wurde, aus offenen Massengräbern bestand. Diese wurden jeweils erst dann geschlossen, wenn keine Leiche mehr in die Grube passte. Sonntags ging die Bevölkerung Verweste gucken …
vielleicht interessiert dich aber auch, wie man auf reisen mit
verstorbenen umging? dass barbarossa im heringsfass quasi
eingepökelt wurde, damit er nicht stank und verweste, ist ja
sicher bekannt.
„normale“ reisende, die irgendwo ein zuhause hatten (also
keine vaganten oder gaukler), kaufleute z.b., zerteilte man
nach deren ableben unterwegs und kochte die leichenteile, bis
sich das fleisch vom knochen löste. so konnte man den
angehörigen daheim die sauberen gebeine zur bestattung
übergeben - egal, wieviel monate lang die reise noch dauerte.
irgendein papst des 13. oder 14. jahrhunderts (ich müßte jetzt
nachblättern, welcher) verbot ignoranterweise diese
außerordentlich hygienische verfahrensweise.
nix Ignoranz. Große Besorgnis. Der Gute nahm die Auferstehung des Fleisches wortwörtlich. Darum hat man ja auch im Umkehrschluß Ketzer und Hexer verbrannt und die Asche in den Fluß gekippt. Damit sie nämlich nicht versehentlich am Jüngsten Tag mit den Gläubigen …
Während „normale“ Verbrecher zwar enthauptet, gerädert, zerhakt, aber dann feinsäuberlich sortiert begraben wurden - wenn auch ohne kirchliche Ehren, außerhalb des Friedhofs. Sie sollten ja auch in der Hölle vollständig braten. Alles ganz logisch gedacht, wenn auch für uns heute etwas verquer.
Der „Bader“ klingt ziemlich palusibel. Hab Dank - auf den Gutsten war ich nicht
gekommen. Damit kann ich erst einmal eine Menge anfangen.
Ich denke aber, dass meine Stadt gross genug ist (Köln etc), um einen Wundarzt
o.ä… zu beherbergen. Ist es da nicht plausibel, dass man die Leiche eines
Unbekannten zum Arzt ins Haus brachte? Hab ich dich da richtig verstanden?
(Immerhin haben wir es mit dem Ende des 14ten Jhd. zu tun. Da waren Ärzte doch
schon „einigermassen“ im Geschäft… Oder?)
Welche Literatur haste denn schon gewälzt?
Empfehlenswert ist aus meiner Sicht an erster Stelle Philippe Aries, Geschichte des Todes - unglaublich detailliert und trotzdem nicht langweilig zu lesen. Alles möglich im v.a. mittelalterlichen Totenritual, den Vorstellungen, Verhalten der Menschen usw. wird kompakt vermittelt.
Zweitens und schon weniger gut ist Norbert Ohler, Sterben und Tod im Mittelalter - hält zuweilen seine katholische Moral nicht hinter dem Berg (im Gegensatz zur Ankündigung am Beginn des Buches) und ist auch nicht so präzise wie Aries, aber als gute Ergänzung zu diesem durchaus lesenswert.
Ein richtig lustiges Buch hat Jan Bondeson mit Lebendig begraben geschrieben. Das Teil handelt zwar ausschließlich von der Leichenbehandlung (Tod bis Begräbnis, z.T. darüber hinaus), das allerdings fast nur für die späte Neuzeit, d.h. eine Geschichte der Leichenhäuser und Alarmsärge scheint sein eigentliches Ziel zu sein.
Wenn es noch populärer und breiter gefächert sein darf, kannst Du Deine Nase auch mal in Mike Parker Pearson´s The Archaeology of Death and Burial stecken - das ist aber eher etwas für sensationshungrige, denn hier werden die aus westlicher/moderner Sicht bizarre Toten- und Grabriten aus aller Welt an den Haaren herbeigezerrt und gruselig unters Volk geworfen.
Naja, vermutlich kennste die Titel schon alle…mehr fällt mir aber im Moment leider nicht ein.
Noch eine Anmerkung aus meiner Heimat: Die Stadt Halle/Saale hat für die außerhalb der Stadtmauern aufgelesenen Leichen, für die sich keine Verwandten/Bekannten auffinden ließen (Wanderburschen, Bettler…) einen gesonderten Friedhof weitab von der Siedlung angelegt (aber auch erst Mitte 19.Jh.).
Philippe Aries, Geschichte des Todes - unglaublich
detailliert und trotzdem nicht langweilig zu lesen. Alles
möglich im v.a. mittelalterlichen Totenritual, den
Vorstellungen, Verhalten der Menschen usw. wird kompakt
vermittelt.
Das klingt doch ziemlich nach dem, was ich suche. Ich habe in der tat noch KEINES
der Bücher in der Hand gehabt. Also: Spitzen Tipp.