Leiharbeitnehmer

Hallo,

meine Frau hat sich heute in einem Hotel vorgestellt. Die suchen etliche Kräft zur Zimmerreinigung. Bezahlt wird auf 400-Euro-Basis, und zwar pro Zimmer 2,40 Euro. Die erste Woche zählt allerdings als Praktikum. Beschäftigt ist man aber nicht beim Hotel, sondern bei einer Arbeitsvermittlung.

Abgesehen davon, dass ich dieses „Angebot“ eine Zumutung finde, warum macht das Hotel so etwas ? Die bezahlen doch bestimmt einiges mehr an die Firma, als diese weitergibt. Und was soll man denn mit Kräften anfangen, die alles nur aus wirtschaftlicher Not machen, ohne Freude und positive Einstellung. Und bei nächster Gelegenheit sind die dann weg. Rechnet sich das trotzdem für das Hotel ?

Gruss

Andreas

Hallo Andreas!

Bezahlt wird auf 400-Euro-Basis, und zwar pro Zimmer 2,40 Euro.

Das kann nur eine Absteige für sehr einfache Ansprüche sein.

…warum macht das Hotel so etwas ? Die bezahlen doch
bestimmt einiges mehr an die Firma, als diese weitergibt.

Dem Hotel geht es vermutlich schlecht. Die Bezahlung eines Arbeitnehmers mit dem Risiko von Krankheit oder Schwangerschaft ist nicht darstellbar. Weil außerdem nur niedrige Qualitätsansprüche zu erfüllen sind, kann man auch mit notfalls täglich wechselndem Personal leben.

Arbeitgeber, die zukünftige Mitarbeiter erstmal kostenlos arbeiten lassen, nutzen die derzeitige Arbeitsmarktsituation aus. Solchen Leuten ist es egal, wenn sie beim Blick in den Spiegel einen kaufmännisch kurzsichtigen Ganoven sehen.

Rechnet sich das trotzdem für das Hotel ?

Nein. Solches betriebswirtschaftliche Analphabetentum rechnet sich in keiner Branche. Es ist trotzdem vielerorts üblich, aber die dafür Verantwortlichen sind schlicht zu dämlich, zu erkennen, welchen Schaden sie sich damit zufügen. Überall braucht man handverlesenes, zuverlässiges Personal. In einem Hotel muß man sich z. B. darauf verlassen können, daß unter den Mitarbeitern keine Langfinger sind. Bei ständig wechselndem Personal kann man sich darauf aber nicht verlassen. Jeder bestohlene Gast wird das Haus zukünftig meiden und verursacht damit mehr entgangenen Gewinn als anständige Bezahlung der Reinigungskraft. Ein nur oberflächlich gereinigtes Zimmer hat einen ähnlichen Effekt. Außerdem ist nicht zu vermeiden, daß die Stimmung des Personals in einer Niedriglohn-Tretmühle auf die gesamte Atmosphäre des Hauses abfärbt.

Dummheit und kurzfristig orientierte Gier verdrängen oft die Vernunft eines auf langfristigen Bestand seines Unternehmens bedachten Kaufmanns.

Gruß
Wolfgang

Servus Andreas,

abgesehen von den Aspekten, die Wolfgang benennt, kann die Zwischenschaltung einer Dienstleistungs-Ltd. auch einen Risikopuffer bedeuten: Viele Risiken aus der Grauzone am Rand oder jenseits der Legalität betreffend Sozialversicherung, Beschäftigung von Arbeitnehmern ohne Arbeitserlaubnis, vorenthaltenes Arbeitsentgelt usw. lassen sich etwas leicher „managen“, wenn man sie von einer Ltd. tragen lässt, die im Zweifelsfall an die Wand gefahren wird, ohne daß dann gleich das ganze Hotel weg ist. Dann hat man immerhin so lange gut gelebt, wie Zoll, Fiskus und Staatsanwaltschaft gebraucht haben, um die Sache aufzurollen. Wenn man dann noch einen formal verantwortlichen Strohmann zum Geschäftsführer macht, können auch Dinge, die nicht bloß Geld kosten, sondern auch strafrechtlich relevant sind, unter Umständen jemandem angehängt werden, der ganz gemütlich außerhalb des Zugriffsbereichs deutscher Behörden sitzt.

(„Nigeria ist überall!“)

Schöne Grüße

MM

Hallo, hallo,

ich habe im Hotelfach lange gearbeitet und kann sagen, dass auf der ‚Etage‘ heute kaum noch mit eigenem Personal gearbeitet wird. In der Regel werden Reinigungsfirmen in die Pflicht genommen, die das Personal stellen. Dort liegt dann auch die vollständige Verantwortung. Die Bezahlung per Zimmer und nicht per Stunde ist auch normal. Es werden Zeitvorgaben gemacht und dabei unterschieden zwischen ‚Bleiber‘ und ‚Abreiser‘ z.B. müssen 3 Abreiser pro Stunde geschafft werden. Das ganze ist also eher eine Akkordlohn. Das ist alles in Allem ein Knochenjob. Dadurch wechselt das Personal häufig und die Krankenstände sind hoch. Neues Personal zu suchen und Vertretungen in Krankheitsfällen herbei zu telefonieren ist ein recht hoher Zeitaufwand. Es können nicht einfach Zimmer nicht gemacht werden, weil wer krank wird oder nicht zur Arbeit kommt. Auch hier ist noch einmal zusätzliches Druckpotential.

LG, Elke

Hallo Elke!

ich habe im Hotelfach lange gearbeitet und kann sagen, dass
auf der ‚Etage‘ heute kaum noch mit eigenem Personal
gearbeitet wird.

Jeder Unternehmer bestimmt selbst, mit welchem Qualitätsanspruch er in seinem Marktsegment in den Wettbewerb geht. Es ist eine Binsenweisheit, daß das nach außen gebotene Bild und die betriebsintern gelebten Regeln zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Anders ausgedrückt: Auf einer Sklavengaleere läßt sich keine Atmosphäre schaffen, in der sich Kunden und Gäste wohl fühlen. Wenn man dabei die Betriebswirtschaft nur auf Kostengesichtspunkte reduziert, kommt man auf sehr simple Rezepte der Gewinnoptimierung, die zu Lasten der Qualität gehen und regelmäßig nicht dauerhaft tragfähig sind.

Es ist eben ein Unterschied, ob Kundenkontakte von einem billig arbeitenden Callcenter mit hoher Fluktuation und zwangsläufig fehlender spezieller Sachkenntnis wahrgenommen werden oder ob personelle Kontinuität und Kompetenz das Bild eines Unternehmens prägen. Beim Reinigungspersonal ist es nicht anders; es gibt Kontakte zu Kunden/Gästen und zum übrigen Personal und auch die vermeintlich einfachen Tätigkeiten erfordern Sorgfalt, Zuverlässigkeit und gepflegtes Auftreten. An ausnahmslos jeder Stelle braucht man deshalb handverlesenes Personal. Oder könntest Du Dir vorstellen, daß durch Deine private Wohnung alle paar Tage wechselndes Personal, also völlig fremde Personen, die irgend jemand schickte, durch alle Räume geistert? Mit solchen Methoden kann man ein Haus auf dem Niveau z. B. eines Etap-Schuppens, Novotels, einer Autobahnraststätte oder irgendeines anonymen Kastens für Pauschalreisende führen. Sobald man aber hinter die Kulissen eines Hauses sieht, das dauerhaft etwas höherem Anspruch genügt, ist es vorbei mit der beliebigen Austauschbarkeit.

Anekdote dazu: Als Student verdiente ich mir mein Geld während mehrerer Semester als Nachtwächter auf einer Reparaturwerft im Hamburger Freihafen. Es war purer Zufall, daß ich mich beim größten Sicherheitsdienst der Stadt bewarb, für den die Gefahr bestand, den gerade erst an Land gezogenen Auftrag von der Werft wieder zu verlieren. Auf der Werft war nämlich irgendein Schlaumeier auf die Idee gekommen, das vermeintlich zu teure eigene Wachpersonal zu entlassen und statt dessen einen Sicherheitsdienst zu beauftragen. Der Job war ganz einfach: Alle 2 Stunden mußte eine Runde über das Gelände und durch alle Hallen gegangen werden. Am Wochenende mußte der Nachtwächter außerdem die Zeiterfassungskarten für über 100 gewerbliche Mitarbeiter einsammeln und die Stunden per Hand ausrechnen. PCs gab es damals noch nicht. Außerdem gehörte es zu den Aufgaben des Nachtwächters, die Tagespost durch den Freistempler zu kurbeln und gelegentliche nächtliche Telefonanrufe entgegen zu nehmen. Die Anrufe konnten aus der ganzen Welt kommen und betrafen Notfälle, weil für irgendeinen Schiffsdiesel oder irgendeine Bilgenpumpe ein Ersatzteil gebraucht wurde. In dringenden Fällen mußte der Nachtwächter den Betriebsleiter mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln. Sämtliche Gespräche kamen in gebrochen englischer Sprache mit chinesischer, russischer oder anderer mehr oder weniger schwer verständlicher Färbung herein. Email und Fax gab es damals noch nicht, es gab nur Telex und Telefon. Manchmal kamen die Anrufe aber auch nur von einem Schiff am Reparaturkai und es wurde verlangt, per Taxi ein paar Mädchen herbei zu schaffen… . Wochenlang schickte der Sicherheitsdienst verschiedene Nachtwächter vorbei, die aber alle nach wenigen Tagen wieder zum Teufel geschickt wurden, weil sie im Dienst einschliefen, den Generalschlüssel verbummelt hatten, kein Englisch sprachen, den Betriebsleiter mehrmals wegen unwichtigem Pillepalle aus dem Bett holten, weil sie zu doof waren, Zeiterfassungskarten auszurechnen oder den Freistempler zu bedienen.

Der Verantwortliche in der Werft stand kurz vor einem Anschiß von der Geschäftsleitung, weil er das bewährte Personal an die Luft gesetzt und man statt dessen nur noch Ärger mit wechselndem Personal vom vermeintlich billigeren Sicherheitsdienst hatte. Das bekam ich aber erst nach mehreren Wochen mit. Zunächst erledigte ich den Job zum branchenüblichen Hungerlohn. Ich erledigte die Tätigkeit gerne, weil ich neben den Rundgängen in aller Ruhe für mein Studium arbeiten konnte. Als ich dann die Hintergründe mitbekam und mir ein Verwaltungsmitarbeiter steckte, daß man dem Sicherheitsdienst mitgeteilt hätte, den aktuellen Nachtwächter - also mich - auf keinen Fall abzuziehen, forderte und bekam ich mehr Geld. Nach ein paar Monaten forderte ich erneut mehr Geld und erhielt schließlich einen für damalige Verhältnisse unüblichen Lohn, so daß beim Sicherheitsdienst, für den ich den Job machte, nicht mehr viel hängen blieb. Mein Lohn war übrigens deutlich höher als das, was die früher bei der Werft festangestellten Nachtwächter je bekamen. Das ist der Kürze halber nur ein Teil der Geschichte, denn ich brachte nach einiger Zeit noch einen Kommilitonen mit, mit dem ich mir den Job teilte. Für uns 2 Studis war der Job ein gefundenes Fressen, der Sicherheitsdienst bezahlte brav (ungefähr 12 Mark pro Stunde waren Ende der 70er für Sicherheitsleute wirklich unüblich üppig) und wir organisierten uns die Tätigkeit an 365 Tagen im Jahr nach Gutdunken. Nachdem wir zeitgleich aufhörten, stellte die Werft wieder eigene Nachtwächter ein.

Damals war der Begriff „Outsourcing“ noch weithin unbekannt, aber vielerorts verstärkte sich die Tendenz, nicht unmittelbar zum Kerngeschäft eines Unternehmens gehörige Tätigkeiten an externe Dienstleister zu vergeben. Das ist in vielen Fällen kaufmännisch vernünftig. Wenn es etwa darum geht, die Kittel der Mitarbeiter eines kleinen Betriebes zu waschen, ist es zumeist nicht sinnvoll, sich dafür eine eigene, schlecht ausgelastete Wäscherei zu leisten. Wenn ich ein paar Teile lackieren will, baue ich dafür keine eigene Lackiererei auf. Ein spezialisierter Dienstleister, der auch für 100 andere Betriebe Lackierarbeiten ausführt, kann die erforderlichen Anlagen und das Fachpersonal auslasten und damit in besserer Qualität und sogar günstiger arbeiten. Das ist arbeitsteilige Vorgehensweise, die für alle Beteiligten Vorteile bietet. Die im Grunde vernünftige Idee wird aber pervertiert, wenn sie in erster Linie dazu dient, Menschen bei Subunternehmern für Hungerlöhne arbeiten zu lassen. Wenn der zu erledigende Arbeitsumfang reicht, Mitarbeiter voll zu beschäftigen, kann von Arbeitsteilung keine Rede mehr sein und der fragwürdige Nutzen des Subunternehmers kann nur noch darin bestehen, daß er Billigkräfte besorgt. Dabei bleibt die Qualität auf der Strecke und Geld versickert in Strukturen, die keine erkennbare Leistung erbringen.

Gruß
Wolfgang

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Hallo,

meine Frau hat sich heute in einem Hotel vorgestellt. Die
suchen etliche Kräft zur Zimmerreinigung. Bezahlt wird auf
400-Euro-Basis, und zwar pro Zimmer 2,40 Euro. Die erste Woche
zählt allerdings als Praktikum. Beschäftigt ist man aber nicht
beim Hotel, sondern bei einer Arbeitsvermittlung.

Hallo,

ich dachte, es gibt jetzt einen Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche? Ofder zumindest doch Tarifverträge?

Gruß

Felicia