Leitkultur

Hallo,

im Augenblick ist sie ja wieder mal im Gespräch, die deutsche „Leitkultur“.

Ende 2000 (ja, so lange ist das schon her!), als Merz diesen Begriff benutzte, hat hier, im Kulturbrett und unter Inlandspolitik schon einmal eine Diskussion darüber stattgefunden. Die Frage, die sich mir dazu stellt, wird aber nirgendwo beantwortet.

Was ist der Unterschied zwischen einer Kultur und einer „Leit“-Kultur?. Jedes Land hat eine Kultur, hat aber auch jedes eine Leitkultur? Oder ist das wieder etwas, das uns Deutsche über andere erhebt?

Bei meinem Versuch, mich der Antwort zu nähern, habe ich einige Lexika konsultiert: Brockhaus kennt den Begriff gar nicht; Encarta verwendet ihn indirekt in einem Beitrag über die SPD-Ausländerpolitik mit Berfung auf Merz; wikipedia hat einen längeren Beitrag dazu, nennt Merz als Urheber, beantwortet aber meine Frage nicht.

Wenn es wirklich Merz war, der diesen Begriff kreiert hat, dann müsste ich wohl ihm die o. a. Frage stellen. Vorab frage ich aber mal hier: Gab es vor Merz diesen Begriff wirklich nicht? Kommt tatsächlich ihm das „Verdienst“ zu, einen, wenn auch umstittenen, neuen Begriff geschaffen zu haben?

Gruß
Peter

Hi Peter,

Gab es vor Merz diesen Begriff wirklich nicht?

ein eindeutiges Doch! Das Merz’sche Konzept der „deutschen Leitkultur“ stammt, wenn ich mich recht erinnere, aus dem Jahr 2000. Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Bassam Tibi von 1996, in dem dieser Begriff fiel, gleichgültig in welchem Zusammenhang.

Zur Sache: Die „deutsche Kultur“ beschreibt einen Ist-Zustand, ein pluralistisches, multikulturelles, mehr oder weniger friedliches Miteinander. Der Begriff „deutsche Leitkultur“ ist ein, in meinen Augen ziemlich überflüssiges, theoretisches Konstrukt von einer deutschen Kultur, die sich als Einhalt gebietender Rahmen um den Ist-Zustand legt, auf dass es keine allzu argen Ausschweifungen gebe. Worin sich die deutsche Leitkultur von den Werten der Verfassung unterscheidet, denen ohnehin jeder Einwohner dieses Landes verpflichtet sein sollte, wurde nie schlüssig erklärt. Man ergötzte sich still an der Aufregung liberaler Feuilletonisten und an der Attraktivität, die dieses – ein bisschen nach Herrenrasse tönende – Wort auf den rechten Rand ausübte, wie Du Dich erinnern wirst. Da die Loyalitätspflicht gegenüber dem Grundgesetz nie in Frage stand, halte ich die Diskussion, die damals geführt wurde, für ausgesprochen müßig. Deine Beobachtung, dass Friedrich Merz für einen inflationären Gebrauch des Begriffs gesorgt hat, teile ich übrigens.

Gruß
Christopher

hi,
„leitkultur“ ist doch wohl der versuch, in einer gesellschaft, die multikulturell geworden ist, so etwas wie „das echte“, „das einheimische“, „das bessere“ zu definieren. etwas, was die nicht so einheimischen kulturen „leitet“.
überflüssig wie ein kropf, meine ich. der versuch, in einer modernen globalisierten gesellschaft starr am überkommenen festzuhalten.
m.

Was ist der Unterschied zwischen einer Kultur und einer
„Leit“-Kultur?

kultur kann alles sein, „leitkultur“ soll wohl die mehrheitskultur bezeichnen und dabei implizieren, daß diese die anderen leiten soll (was seltsam klingt).

Jedes Land hat eine Kultur, hat aber auch
jedes eine Leitkultur?

jedes land hat eine mehrheitskultur und mehrere minderheitenkulturen.

gruß
datafox

hi datafox,

kultur kann alles sein, „leitkultur“ soll wohl die
mehrheitskultur bezeichnen und dabei implizieren, daß diese
die anderen leiten soll (was seltsam klingt).

ich würd nicht nur sagen, dass das seltsam klingt. da ist auch ein hegemonialer anspruch drin. (der mir nicht gefällt.)

Jedes Land hat eine Kultur, hat aber auch
jedes eine Leitkultur?

jedes land hat eine mehrheitskultur und mehrere
minderheitenkulturen.

denkbar ist schon, dass es bloß „minderheitskulturen“ gibt. die EU wär vielleicht so was. (kommt allerdings drauf an, wie man „kultur“ definiert.)

m.

da ist auch
ein hegemonialer anspruch drin. (der mir nicht gefällt.)

„hegemonialer anspruch“ ergibt sich automatisch aus der mengenverteilung. der ist weder gut noch schlecht sondern einfach vorhanden. die mehrheit strebt nach erhalt ihrer mehrheitsstellung und die minderheit nach anerkennung als gleichberechtigt.

denkbar ist schon, dass es bloß „minderheitskulturen“ gibt.

natürlich nicht. nehmen wir zwei große blöcke her - islamische staaten und christliche staaten. überall gibt es kulturelle mehrheiten und minderheiten.

ähnlich verhält es sich mit gesellschaftlichen konservativisten und progressivisten. holland ist zb. mehrheitlich progressiv, die usa konservativ. die jeweiligen vertreter der gegenbewegungen sind eine „minderheitenkultur“.

und noch weitere tausende beispiele.

gruß
datafox

hi,

„hegemonialer anspruch“ ergibt sich automatisch aus der
mengenverteilung. der ist weder gut noch schlecht sondern
einfach vorhanden. die mehrheit strebt nach erhalt ihrer
mehrheitsstellung und die minderheit nach anerkennung als
gleichberechtigt.

ich kann dir hier nicht ganz zustimmen. hegemonie ist m.e. keine rein quantitative angelegenheit, sondern auch eine qualitative: andere dominieren zu wollen, zu glauben „besser“ zu sein.

denkbar ist schon, dass es bloß „minderheitskulturen“ gibt.

natürlich nicht.

natürlich ist es denkbar. ich jedenfalls kanns denken.

nehmen wir zwei große blöcke her - islamische
staaten und christliche staaten. überall gibt es kulturelle
mehrheiten und minderheiten.

was existiert beweist nicht die unmöglichkeit des denkbaren.

dass in unseren aus nationalstaaten (oder dem versuch, solche zu gründen) entstandenen staatswesen der normalfall eine „mehrheitskultur“ ist, bestreite ich nicht. denkbar ist aber - in einer globalisierten welt - eine gesellschaft, die erkennt, dass sie ausschließlich aus minderheiten besteht und die keine hegemonialen ansprüche mehr erhebt.

verflixt: träumen wird man wohl noch dürfen.

gruß
m.

verflixt: träumen wird man wohl noch dürfen.

amen.

damit ist alles gesagt! stimme dir zu.

gruß
datafox