Lesen durch Schreiben von Reichen

Hallo zusammen,

wende mich jetzt in meiner Verzweiflung an Euch alle, welche schon Erfahrungen mit der Methode: „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen gemacht haben.

Zum Hintergrund:

Meine Tochter (6. Klasse Gymnasium) hat nach obiger Methode in der hiesigen Grundschule (Baden-Württemberg)die Rechtschreibung (oder besser gesagt was diese Methode dafür hält) erlernt. Das Ergebnis nach der 4. Klasse war eine antrainierte isolierte Rechtschreibschwäche (sie war übrigens nicht die einzige in dieser Klasse), welche sich nach nunmehr 2-jähriger Therapie nur unwesentlich verbessert hat. Obwohl unsere Tochter kaum ein Wort richtig schreiben konnte und immer noch nicht kann, bekam sie in der 4. Klasse eine „gut“ in Deutsch und als Klassenbeste eine Gymnasialempfehlung.
Trotz frühzeitiger Intervention von uns als Eltern, sah diese Grundschule, insbesondere der Rektor überhaupt keine Veranlassung, sein Konzept zu verändern. Zusätzlich stellten wir dieser Schule umfangreiche Materialien zur Verfügung, welche die Nachteile dieser Methode eindeutig und zweifelsfrei belegen.
Auch ein Interventionsversuch beim zuständigen Schulamt, welchem ich ebenfalls diese Materialien zur Verfügung gestellt habe, blieb leider erfolglos. Leider bekam ich nie eine Antwort.
Auf dem Gymnasium angekommen erlebt meine Tochter seit nunmehr 2 Jahren ein reines Waterloo!!! Da sie immer noch so schreibt, wie man Wörter hört, setzten sich ihre Schwierigkeiten in den Fächern Englisch und Deutsch nahtlos fort. Sie setzt einfach nur um, was sie in der Grundschule gelernt hat. Es sieht nunmehr so aus, dass sie am Ende dieses Schuljahres deshalb das Gymnasium verlassen muss. Über die Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.
Meiner Wahrnehmung nach besteht diese Problematik auch bei den meisten ihrer Klassenkameraden, welche mit dieser Methode das Schreiben gelernt haben.

Nun meine Fragen:

Wer hat in Baden-Württemberg ähnliche Erfahrungen mit dieser Methode gemacht?

Wer hat Interesse hierzu eine Selbsthilfegruppe zu gründen? Bitte melden!!!

Besteht die Möglichkeit diese Grundschule zu verklagen?

  • Kostenerstattung der Therapiemassnahmen/Nachhilfestunden
  • Klage wegen Körperverletzung

Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar.

Gruß

Mario

Hallo Mario!

  1. Ich bin kein Freund der absoluten Reichen-Methode. Aber sehr viele Kinder haben auch damit richtig schreiben gelernt!

  2. Wichtiger als die Methode ist immer die Art und Weise, wie der Lehrer vermittelt!

  3. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Probleme deiner Tochter nur von der Methode herrühren. Sonst hätte sie nämlich in der Therapie blitzschnell ihre Defizite beseitigt. Es muss andere Gründe geben, warum deine Tochter Probleme hat.

  4. Unterstütze deine Tochter auf ihrem Lebensweg, ein Rachefeldzug gegen die Schule wird ihr wenig nützen!

Gruß!
Karl

Hallo,

Methode: „Lesen durch Schreiben“ von
Jürgen Reichen

Zum Hintergrund:

Meine Tochter (6. Klasse Gymnasium) hat nach obiger Methode in
der hiesigen Grundschule (Baden-Württemberg)die
Rechtschreibung (oder besser gesagt was diese Methode dafür
hält) erlernt.

Auch ich kenne Kollegen, die nach dieser Methode unterrichtet haben (oft aber in der Kombination: Laute nacheinander einführen, den Anlautkreis sichtbar in der Klasse zur Verfügung stellen). Es soll die Kinder zum Schreiben motivieren, da sie von anfang an alle Buchstaben zur Verfügung haben. Durch den Anlautkreis sind sie in der Lage, sich Wörter selbst „zusammenzubasteln“. Natürlich haben diese Kiddies in der 1. Klasse noch kein Regelbewusstsein der Orthographie und schreiben daher bspw, Wörter mit Dehnungs-h oder -e ohne dieses.
Das machen aber Kinder, die nach anderen Methoden unterrichtet werden, auch.

Daher beginnt man etwa ab Kl. 2 zusätzlich Rechtschreibregeln einzuführen. Wir machen das mit dem sogenannten „Elefantenbuch“ und einem Regelheft.

Das Ergebnis nach der 4. Klasse war eine
antrainierte isolierte Rechtschreibschwäche (sie war übrigens
nicht die einzige in dieser Klasse), welche sich nach nunmehr
2-jähriger Therapie nur unwesentlich verbessert hat.

Es kann durchaus sein, dass deine Tochter eine natürliche LRS hat, die nicht auf der Lehrmethode begründet ist. Denn wenn sie bereits Nachhilfe und Therapien gemacht, sollte sie diese Regeln als leistungsstrakes Gymnasialkind, das sie ja wohl ist, umsetzen können.

Obwohl
unsere Tochter kaum ein Wort richtig schreiben konnte und
immer noch nicht kann, bekam sie in der 4. Klasse eine „gut“
in Deutsch und als Klassenbeste eine Gymnasialempfehlung.

Bei uns in Hamburg gibt es im Bereich Deutsch allein 5 Noten, so dass die RS einzeln bewertet ist. Scheint bei euch nur eine Note zu geben, so dass sie wohl in allen anderen Bereichen sehr gut ist.

Trotz frühzeitiger Intervention von uns als Eltern, sah diese
Grundschule, insbesondere der Rektor überhaupt keine
Veranlassung, sein Konzept zu verändern.

Das darf jede Schule und auch jeder Lehrer selbst entscheiden, nach welcher Methode er unterrichtet.

Zusätzlich stellten
wir dieser Schule umfangreiche Materialien zur Verfügung,
welche die Nachteile dieser Methode eindeutig und zweifelsfrei
belegen.
Auch ein Interventionsversuch beim zuständigen Schulamt,
welchem ich ebenfalls diese Materialien zur Verfügung gestellt
habe, blieb leider erfolglos. Leider bekam ich nie eine
Antwort.

So etwas sieht man immer gern als Lehrer :wink: Aber nachvollziehen kann ich es schon …

Auf dem Gymnasium angekommen erlebt meine Tochter seit nunmehr
2 Jahren ein reines Waterloo!!! Da sie immer noch so schreibt,
wie man Wörter hört, setzten sich ihre Schwierigkeiten in den
Fächern Englisch und Deutsch nahtlos fort. Sie setzt einfach
nur um, was sie in der Grundschule gelernt hat.

Da sie dieses auch in dem Fach Englisch tut, würde ich denken, dass eine andere Schwäche vorliegen müsste, obwohl die Kids zu Beginn fremde Sprachen auch nach Gehör schreiben. Das legt sich aber recht schnell, wenn sie mit der Schriftsprache etwas vertrauter sind.

Mein Tipp: Setzt euch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und der Deutsch-Lehrkraft der jetzigen Schule zusammen. Hör in Ruhe zu, wie die Meinung der Lehrkräfte über das Schreibverhalten deiner Tochter sind. Wenn sie der Meinung sind, sie könnte mit einem gezielten Rechtschreibprogramm in recht kurzer Zeit, doch regelgerecht schreiben lernen, lasse dir so eines nennen (evt. auch einen Nachhilfelehrer empfohlen von Deutschlehrer). Aber nimm andererseits auch einfach an, wenn sie der Meinung sind, dass ihre RS nicht in dieser Methode begründet ist. Jeder Mensch hat Schwächen, vielleicht ist die deines Kindes nun mal in der RS. Habt ihr sie mal in einem Institut testen lassen? Obwohl die erfahrungsgemäß mit dem „Prädikat“ LRS schnell dabei sind…
Viel Erfolg wünscht euch
sandstrand

Hallo Karl,

danke für Deine rasche Antwort!!!

Das Problem ist, dass meine Tochter genau das abruft, was sie in den ersten beiden Schuljahren gelernt hat, nämlich die gesprochene Sprache phonetisch in Schriftsprache umzusetzen, was im Deutschen schlichtweg nicht funktionieren kann - anders ist es in der finnischen Sprache, welche 1:1 lautiert werden kann. Im Englischen sowie im Französischen kann man sich vorstellen, in welche Katastrophe dies führt.
Die Hirnforschung hat übrigens zweifelsfrei bewiesen, dass die entsprechenden Hirnregionen gerade in dieser Altersstufe bzgl. Schriftsprachenerweb geprägt werden; d.h. Schüler, die in der 3. Klasse diese Defizite haben, werden diese voraussichtlich auch ein Leben lang behalten.

Gerade deshalb können so erworbene Defizite nur sehr schwer, wenn überhaupt, therapeutisch behandelt werden. Es fehlt diesen Kindern an Gedächtnisstrukturen, auf welche Weise die deutsche Sprache hergeleitet wird.

Wenn es nur meine Tochter betreffen würde, würde ich Dir Recht geben, dass ihre Schwierigkeiten eine andere Ursache haben müssten. Dieses Problem betrifft aber meiner Wahrnehmung nach sehr viele ihrer Mitschüler. Viele Eltern werden aber entweder mit guten Noten oder den Worten: „Das wächst sich im Laufe der Entwicklung noch aus.“ oder „Das wird sich schon legen, wenn ihre Tochter viel liest.“ Kann übrigens nicht funktionieren, da unser Gehirn nicht über einen Bildspeicher verfügt bzw. weil diese speziellen Hirnregionen in ihrer Entwicklung weitesgehend abgeschlossen sind.

Hierzu ein Beispiel eines Gespräches zwischen mir und dem Schulrektor:

Ich: „Es kann nicht sein, dass ein Schüler in der dritten Klasse dazuh mit h am Ende schreibt, nur weil es sich wie Schuh anhört.“

Rektor: „Wieso, verstehe ich nicht. Ich finde so etwas ganz toll. Das zeigt doch, dass sich das Kind etwas dabei gedacht hat.“

Mein anderer Sohn, aktuell in der vierten Klasse dieser Schule kann jedenfalls richtig schreiben. Aber nur deshalb, da wir aufgrund der gemachten Erfahrungen mit unserer Tochter, der Lehrerin von Beginn an klar gemacht haben, dass wir als Eltern jeden Fehler sofort korrigieren werden. Dies führte dazu, dass er quasi zuhause die Rechtschreibung erlernt hat.
Das heisst, wenn Kinder in der vierten Klasse richtig schreiben können muss dies nicht zwangsläufig für diese Methode sprechen.

Natürlich werde ich meine Tochter in ihrem weiteren Lebensweg unterstützen. Dies beginnt schon damit, dass wir versuchen werden, den Selbstwertverlust, den sie bald durch den Schulwechsel erleiden wird, in Grenzen zu halten.

Mich ärgert nur, dass unser Bildungssystem nicht in der Lage ist, am Ende der 4. Klasse oder zu Beginn der 5. Klasse die eingesetzte Methodik wissenschaftlich zu evaluieren.

Stattdessen setzt man darauf, dass Eltern aus Scham bzw. um weiteren Schaden von ihren Kindern abzuwenden sich nicht solidarisieren.

Gruß

Mario